© Schönlaub Peter

Auto und Reise
06/30/2019

Routen für Genießer: Im Fiat 124 Spider durch Umbrien

Klöster und Kirchen, Öl und Wein dazwischen eine Landschaft wie von Meisterhand gemalt.

Wer  von einer Reise durch Mittelitalien heimkehrt, wird eines immer in Erinnerung behalten: die Farben. Das strahlende Azurblau des wolkenlosen Himmels, das Smaragdgrün der Zypressen, das leuchtende Sienarot der Steinmauern und Dächer, die silbrigen Olivenhaine und die satten Ockertöne der Felder.

Wer allerdings in Umbrien war, dem wird sich eine Farbe ganz besonders einprägen: Gold – in all seinen Schattierungen.

Etwa jenes rötliche Schimmern, das die Fassade des Doms in Orvieto im Abendlicht erstrahlen lässt, das bernsteinfarbene Funkeln des Weißweins oder der warme, metallische Glanz des Trasimener Sees zu Sonnenaufgang.

Umbrien, so sagt man, sei der Tresor Italiens: reich an wertvollen Kulturgütern, gesegnet mit üppiger Vegetation und von atemberaubender landschaftlicher Schönheit. Umschlossen von der viel besuchten Toskana im Westen, dem geschäftigen Latium im Süden und den für seine Badestrände beliebten Marken im Osten liegt Umbrien eingebettet im Landesinneren, es ist die einzige Region Italiens ohne Meerzugang oder Auslandsgrenze. Galt Umbrien vor einigen Jahren noch als Geheimtipp, muss man seine Reise mittlerweile  schon gut planen und timen, um nicht in der Besucherflut zu schwimmen. Vor allem Kulturinteressierte und Feinschmecker zieht es hierher, aber auch eine ganz besondere Gruppe von Besuchern: Pilger, die Wirkstätten der umbrischen Heiligen besuchen, Franz und Klara von Assisi, Benedikt von Nursia, Valentin aus Terni oder Rita aus Cascia.

Wir beginnen unsere Tour nördlich des Trasimener Sees, wo die hügelige Landschaft von Wäldern und Weizenfeldern dominiert wird. Unser Fiat 124 Spider im eleganten Italia Blau schlängelt sich durch die gut ausgebauten Straßen entlang des Flusses Tiber, der Umbrien von Norden nach Süden durchzieht.  Üppig beladene Feigenbäume strecken ihre Äste in den Himmel und der Duft von Ginster und wildem Knoblauch dringt in unsere Nasen – das Dach des Spider haben wir selbstverständlich geöffnet, um die Umgebung mit wachen Sinnen genießen zu können. Zahlreiche Städte und befestigte Dörfer prägen das Landschaftsbild, wie steinerne Kronen sitzen sie auf den Gipfeln der Hügel: die Città di Monte Santa Maria Tiberina oder das kleine Dorf Montone, das zu den schönsten Italiens zählt.

Von Magione aus umrunden wir den Trasimener See gegen den Uhrzeigersinn und nähern uns Castiglione del Lago, das auf einer kleinen Landzunge in das Gewässer hineinragt. Die Straßen im Zentrum sind geprägt von Lebensmittelgeschäften, deren Verkäufer den Vorbeiziehenden Kostproben anbieten: Salami, Wildschweinschinken, würzigen Käse. Kleine, weiße Bohnen warten in Körben auf Kundschaft. In den Restaurants hat man sich auf Fischgerichte spezialisiert. Auf Fisch aus dem See versteht sich, schließlich ist Fischerei hier immer noch eine der wichtigsten Erwerbsquellen – neben dem Tourismus. Als viertgrößter See Italiens bietet der Trasimener See jedenfalls genug Platz für beide: Bade-Junkies und Fischer.

Östlich des Sees liegt Umbriens Hauptstadt: Perugia. Die von den Etruskern errichtete Stadt in bester Aussichtslage erreicht man über unterirdische Rolltreppen, die durch ein Labyrinth von Gängen führen. Die alte Universitätsstadt ist vor allem bekannt durch ihren berühmten Sohn: den Renaissancemaler Pietro Vannucci, alias Perugino, dessen Fresken im Collegio del Cambio bewundert werden können. Schoko-Liebhaber kennen natürlich auch die Baci Perugina, die Pralinen mit Haselnussfüllung. Ein paar der blauen Schachteln mit den süßen „Küssen aus Perugia“ verschwinden als praktische Mitbringsel gleich im Kofferraum des Fiat Spider.

Palazzo dei Priori in Perugia

Spezialitäten in Norica

Dom von Orvieto

Bohnenpracht auf den Märkten Umbriens

Torre Collevento

Enoteca Di Benozzo

Ganz erstaunlich: Eigentlich erzieht der kleine Kofferraum zur Beschränkung auf das Notwendigste, vor allem wenn man zu zweit unterwegs ist und noch die Fotoausrüstung dabei hat. Doch wenn’s darum geht, ein paar Flaschen Wein oder Olivenöl unterzubringen, dann finden sich plötzlich noch ein paar ungenützte Ecken, Höhlen, Falten zwischen den Gepäckstücken – und am Ende der Reise werden wir nur so staunen, was hier mit gutem Willen und tetrisartiger Verstautechnik alles hineinpasst.

Bevor wir uns nach Süden wenden, besuchen wir jedoch Umbriens größten Attraktionspunkt: Assisi, den Geburtsort des heiligen Franziskus und der heiligen Klara. Assisi liegt auf der Westflanke des Monte Subasio, und schon aus der Ferne sehen wir die imposanten Mauern der Basilika San Francesco. Die wertvollen Fresken in der Doppelkirche, die unter anderem von den Malern Giotto und Cimabue stammen, wurden bei dem Erdbeben 1997 zwar schwer beschädigt, konnten aber in der Zwischenzeit wieder rekonstruiert werden. In der Krypta unter der Kirche liegt die Grabstätte des heiligen Franziskus – eine der wichtigsten Pilgerstätten des Christentums.

Und so wundert es nicht, wenn die mittelalterlichen Straßen Assisis mit Ordensbrüdern, Klosterschwestern und Pilgergruppen gefüllt sind. Auch die kleinen Souvenirgeschäfte haben sich auf dieses spezielle Publikum eingestellt: Hier bekommt man Heiligenbildchen, Kerzen, Rosenkränze und sogar Sandalen – ganz im Stil der Franziskaner.

Die südliche Hälfte Umbriens ist geprägt von Olivenhainen und Weinbergen. In Reih und Glied stehen knorrige Ölbäume auf den erdigen und peinlich genau gejäteten Feldern. In den Hauptorten des Ölgebiets, Torgiano und Paciano, werden die Früchte in großen Gemeinschaftsmühlen zu leuchtendem Öl gepresst. Die wertvolle Flüssigkeit erhält man oft in kleinen Lebensmittelgeschäften oder direkt bei den Mühlen zu günstigen Preisen.

Mit fliegenden Haaren steuern wir unseren Fiat durch die kurvigen Straßen und kleinen Städte, wo die Mauern manchmal so eng aneinander rücken, dass wir fürchten, stecken zu bleiben. Allerdings erweist sich unser Cabrio als perfekter Begleiter: Wendig passieren wir die verwinkelten Gassen, um dann über Land die sportlichen Seiten des heckgetriebenen Spider zu fordern.

Mitten aus den weitläufigen Feldern erhebt sich ein mächtiges Tuffsteinplateau und darauf ragen die Mauern Orvietos in die Höhe. Weingärten mit grün beblätterten Rebstöcken schmiegen sich an die Hänge der steilen Erhebung. Das Anbaugebiet rund um den ehemaligen Papstsitz trägt den gleichen Namen wie die geschichtsträchtige Stadt, und auch der Wein, der hier produziert wird, nennt sich schlicht Orvieto.

Der gehaltvolle, intensiv duftende Weißwein genießt seit Jahrhunderten einen ausgezeichneten Ruf: Im Jahr 1846 veranlasste Papst Gregor XVI. sogar in seinem Testament,  nach seinem Tod mit Orvieto gewaschen zu werden.

Im Zentrum der belebten Straßen leuchtet die Fassade des Doms im Abendrot, die goldenen Gemälde an der Außenfront tauchen den Platz in warmes Licht. Im Inneren befindet sich das Meisterwerk Luca Signorellis, das Fresko mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Nach Sonnenuntergang öffnen die Restaurants und Bars, und das Treiben auf der Piazza verlegt sich in die schmalen Gassen der Stadt. Orvieto ist touristisch gut erschlossen, von der rustikalen Trattoria bis zur modernen Bar lässt sich hier alles finden, um die Energiespeicher wieder aufzuladen. 

Im Osten Umbriens ändert die Landschaft schlagartig ihre Erscheinung: Die Wälder werden dichter und dunkler, die sanften Hügel wachsen sich zu den Sibyllinischen Bergen aus. Unser Ziel ist die kleine Stadt Norcia, die Heimatstadt Benedikts, Gründer des gleichnamigen Ordens. Wir kennen die Stadt von früheren Reisen – und doch nicht mehr wieder. Die unheilvolle Serie an Erdbeben, die Mitte/Ende 2016 Amatrice getroffen hat, verwüstete auch Norcia; man kann’s nicht anders nennen. Kaum ein Gebäude in der historischen, von einer jahrhundertealten Mauer aus Stein umschlossenen Stadt ist heil geblieben, der Dom fast bis auf die Grundmauern zerstört – ein Anblick, der zu Tränen rührt.

Noch ein Jahr nach den Beben müssen die meisten Bewohner in Containern nahe der Stadt hausen, das Militär patrouilliert, um Plünderungen zu unterbinden. Da ist es kein Wunder, dass der Zorn auf eine anscheinend hilflose staatliche Verwaltung und den schleppenden Wiederaufbau schwillt.

Warum man Norcia trotzdem besuchen sollte? Weil jeder Besuch hilft und Geld in die Region bringt. Außerdem ist Norcia nach wie vor das italienische Zentrum der Fleischerkunst und des schwarzen Trüffel. Die Delikatesse findet in den dunklen Wäldern der Region perfekte Wachstumsbedingungen, kein Wunder also, dass man in den Restaurants, die wieder geöffnet haben, einen zwanglosen Umgang mit der teuren Zutat pflegt. Großzügig wird die Knolle über frisches Rinder-Carpaccio und raffinierte Nudelgerichte gehobelt.

Außerdem kann man von Norcia aus zu einem spektakulären Ausflugsziel aufbrechen – dem letzten unserer Reise.  Das Bergdorf Castelluccio befindet sich in 1452 Meter Höhe auf einer gigantischen, atemberaubenden Hochebene, die von schneebedeckten Berggipfeln umrahmt wird. Auch Castelluccio würde von den Beben getroffen, das gesamte Dorf wegen Einsturzgefahr gesperrt. Stattdessen haben die ausgesiedelten Bewohner vor dem Ort einen kleinen Stützpunkt errichtet, wo sie tapfer ihre Erzeugnisse anbieten: eine kulinarische Spezialität, die auch noch in unseren bis oben gefüllten Kofferraum passt: Linsen. Die kleinen Hülsenfrüchte zählen zu den besten ihrer Art, denn hier auf der Hochebene kann auf chemische Zusätze völlig verzichtet werden, und das Reinigen der goldgelben Linsen erfolgt sogar noch per Hand.

Der Nachteil: Manchmal verirrt sich ein kleiner Kiesel ins Säckchen – das einzige Mal, wo wir in Umbrien mit den Zähnen knirschen.

Leben entlang der Route

Wer dem bunten Treiben an den italienischen Küsten im Sommer entfliehen will, ist mit Umbrien gut beraten. Die Region im Landesinneren ist zwar in den Ferienmonaten auch gut besucht, dennoch hält sich der Andrang in Grenzen. Reisen im Frühling und frühen Herbst sind ebenfalls zu empfehlen, besonders wenn die Felder der Hochebene von Castelluccio in den Monti Sibillini in Blüte stehen.

Informationen unter: www.umbriatourism.it

Liebhaber alter und neuer Rennwagen sollten im August nach Umbrien kommen, wenn die berühmte Trofeo Luigi Fagioli in Gubbio stattfindet. Seit 1966 gibt es das spektakuläre kurvenreiche Bergrennen, das von Gubbio über Madonna della Cima nach Scheggia führt. Details unter:

Link: www.trofeofagioli.it

Den besten Blick über Gubbio genießt man von der Funivia Colle Eletto. In den kleinen offenen Stahlkörbchen der Seilbahn schaukelt man über die Dächer der Stadt zur Basilika di Sant’ Ubaldo auf dem Monte Inigo.

Link: www.funiviagubbio.it

In Gubbio selbst sollte man sich den Palazzo dei Consoli nicht entgehen lassen. Der mittelalterliche Prachtbau aus dem 14. Jahrhundert verfügt nicht nur über eine beeindruckende Architektur mit spektakulären Raummaßen, sondern birgt auch das interessante Museo civico.

Link: www.palazzodeiconsoli.it

In den waldreichen Hügeln zwischen Gubbio und Perugia findet man im romantischen Agriturismo La Cuccagna den perfekten Ort zum Ausspannen. Das kleine Anwesen bietet komfortable Zimmer in modern-umbrischem Stil und einen Swimmingpool mit traumhafter Aussicht zu günstigen Preisen.

Link: www.lacuccagna.com

Die Galleria Nazionale dell’Umbria gilt als eine der wichtigsten Kunstsammlungen des Landes. Im Palazzo dei Priori untergebracht, kann man hier Meisterwerke aus mehreren Jahrhunderten bewundern, etwa Gemälde von Giovanni Pisano, Perugino, Pintoricchio, Benozzo Gozzoli, Orazio Gentileschi oder Piero della Francesca. Weiter Informationen unter:

Link: www.gallerianazionaledellumbria.it

Südlich von Assisi, inmitten der ausgedehnten Olivenhaine auf den Berghängen des Monte Subasio, liegt das rustikale Agriturismo Le Mandrie, wo man nicht nur übernachten, sondern auch hervorragend essen kann. Frischgebackenes Brot, sahniger Käse, hausgemachte Pastagerichte und Olivenöl aus eigenem Anbau genießt man auf einer romantischen Terrasse mit Blick auf die Ebene.

Link: www.agriturismomandriesanpaolo.it

Bagnoregio liegt eigentlich schon in der Nachbarregion Latium, dennoch ist der Besuch der „città che muore“, der sterbenden Stadt nahe des Bolsena Sees, Pflicht. Der Stadtteil Civita di Bagnoregio steht auf einem Tuffsteinfelsen und ist rundherum von einer Schlucht umgeben. Über eine lange Brücke erreicht man den Ort, der heute nur noch von wenigen Menschen bewohnt wird.

Link: www.comune.bagnoregio.vt.it

Auch Orvieto ruht auf einem Tuffsteinfelsen, durch den die Bewohner in der Vergangenheit lange Gänge und Höhlensysteme gegraben haben. Hier liegt ein spannender Teil der Stadtgeschichte verborgen, der im Rahmen von geführten Touren erkundet werden kann.

Link: www.orvietounderground.it

Den perfekten Blick auf Orvieto hat man aus dem Liegestuhl der eleganten Landvilla Torre Collevento, die genau gegenüber der prächtigen Tuffsteinstadt liegt. Das Anwesen inmitten von Wein- und Olivenhainen umfasst fünf geräumige Suiten, einen Außenpool und bietet wunderbare Abendmenüs auf der von Pinien beschatteten Terrasse.

Link: www.torrecollevento.com

Eines der schönsten Hotels der Region liegt in Norcia und ist für sich schon eine Reise wert. Das historische Gebäude Palazzo Seneca stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde von den zerstörerischen Kräften der Erdbeben im Jahr 2016 glücklicherweise verschont. Mit viel Geschmack wurde das historische Gemäuer einst in ein elegantes Hotel verwandelt, Vergangenheit und Modernität geschickt miteinander kombiniert. Das Haus bietet nicht nur stilvolle Zimmer und einen stimmungsvollen Wellnessbereich, sondern auch ein Restaurant von internationalem Ruf.

Link: www.palazzoseneca.com

Ausgezeichnetes Olivenöl, aber auch Getreide und Hülsenfrüchte aus Umbrien erhält man bei der Azienda Agraria Viola in Foligno. Auch biologisches Olivenöl ist Teil des Angebots.

Link: www.viola.it

Die Tenuta Castelbuono in Bevagna gilt als weltweit erste Skulptur, in der gearbeitet wird. Das aufsehenerregende Anwesen namens Carapace, Rückenpanzer, verbindet Weinkultur mit Architektur und wurde von Künstler Arnaldo Pomodoro gestaltet. Weinkellerei, Verkaufs- und Verkostungsräume sind von einer kupferverkleideten Kuppel umgeben, die wie ein gigantischer, glänzender Schildkrötenrücken inmitten der Weingärten liegt. Verkostungen nach Voranmeldung möglich.

Link: www.tenutelunelli.it