Classic
25.07.2018

Ennstal-Classic 2018: Artgerechte Altenbetreuung

Die Ennstal, Brückenschlag vom Jetzt in die Vergangenheit, hat sich im Lauf der Jahre den Ruf als eine der härtesten Prüfungen, die die Branche zu bieten hat, erarbeitet.

Wenn die Prognosen allesamt stimmen, dann ist die Autozukunft autonom, elektrisch – und langweilig.

Es tut daher gut, Oldtimer-Veranstaltungen wie jene der Ennstal-Classic zu haben, deren Mission seit 1993 lautet: Inspirierende Auto- und Motorsportgeschichte wieder zu beleben und gleichzeitig auch Plattform für soziale Kontakte zu sein – gemeinsame Leidenschaft verbindet bekanntermaßen, das weiß man ja.

Die Ennstal, Brückenschlag vom Jetzt in die Vergangenheit, hat sich im Lauf der vielen Jahre den Ruf als eine der härtesten Prüfungen, die die Branche zu bieten hat, erarbeitet. Das hat nichts, aber schon gar nichts mit einer gemütlichen Schnauferl-Ausfahrt drei Mal um den Kirchturm mit anschließendem Heurigenbesuch zu tun, sondern ist harte Arbeit: Ohne einschlägiger Erfahrung, einem Mindestmaß an körperlicher Fitness wie auch an geistiger Belastbarkeit geht da nämlich so gut wie überhaupt nix.

 

Bremsen, Lenken, Schalten und Kuppeln sind in alten offenen Autos – besonders in jenen der Epoche I (1924 bis 1934), in denen die Crews noch dazu völlig ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt sind –   ein ausgesprochen hartes Brot. Dazu kommen nicht immer eindeutige Hinweise auf Abzweiger, Unklarheiten im Roadbook sowie Umleitungen, Staus und gelegentlich auch Baustellen, die das Einhalten der meist straff getimten Sollzeiten zu einer echten Herausforderung werden lassen. Dabei geht’s auch um einen Hauch von Abenteuer in den gestressten Alltag zu transferieren, wenngleich es Jahr für Jahr verwundert, welche Strapazen die Teilnehmer auf knapp 800 Kilometer, die die Ennstal nun einmal lang  ist, bereit sind, auf sich nehmen: Ein Akt barbarischer Nötigung gewissermaßen, wenn auch freiwillig und – zumindest als Neuling – ahnend, was an körperlicher Brandschatzung auf sie zukommt.Die Oldtimer-Rallye mit Start und Ziel im idyllischen Gröbming ist eine tragende Säule  auf der Suche nach einer vergangenen Zeit, einer, in der wir Autofahren noch auf unbeschwerte Art und Weise genießen durften. Als Straßen und Autobahnen noch leer waren, es keine Tempolimits gab und als es noch nicht als unsozial und umweltbelastend galt, einen müde motorisierten Mittelklassewagen mit 12, 13 Liter Benzinverbrauch zu fahren.

 

Autos von damals verkörpern kein ambulantes Unheil, sie  sind heute vielmehr rollendes Kulturgut und Botschafter einer Mobilitätswelt, die noch nicht von Negativschlagzeilen emotional geführter Debatten über Feinstaub, Fahrverbote und Abgasskandale beherrscht war.

Man  kann’s auch so sagen: Die Ennstal  ist eine hinreißende Show, in deren Mittelpunkt die souveräne Missachtung heute hysterisch überregulierter Gebote steht: Widerspricht es doch  auf geradezu schamloser Weise dem herrschenden Zeitgeist, ohne Abgasreinigung, ohne Partikelfilter, aber  mit Bleizusatz im Benzin zu fahren.

Willkommener Anlass  für spaßbefreite Baum-Umarmer mit steinerner Bodyguard-Miene also,  die Welt ein Stück näher am Abgrund zu verorten. Als ob 238 Oldtimer für die Erderwärmung, mithin für den Klimawandel, verantwortlich gemacht werden könnten. Eine Diskussion mit Vernagelten ist aber eh nichts anderes als Raubbau kostbarer Zeit.

 

Müde, aber euphorisch: Könnte man nach all den Erfahrungen, die die teilnehmenden Teams im Ziel nach zwei Tagen intensiven Fahrens ebenso überschwenglich wie adrenalinschwer erzählen, wär’s also möglich, auf den Re-Start-Knopf zu drücken, würde man den im Kopf gespeicherten Ennstal-Film immer und immer wieder anschauen – gewissermaßen in Endlosschleife, damit die Bilder einen nähren in irgendwann eben wieder raueren Zeiten.

Das beglückende Karma des Augenblicks: Wenn die Stoppuhr mit der vorgegeben Sollzeit auf die Hundertstelsekunde genau übereinstimmt, Strafpunkte somit nicht das Zeitkonto belasten.

Wenn Aufregung, Leidenschaft und Sinnesfreude in einem Aphrodisiakum für die Seele kulminieren.

Wenn sich der Glücksquotient aus den Niederungen der Müdigkeit erhöht.

Wenn die Anspannung endlich auf der Zielrampe abperlt wie kalte Tropfen auf einem warmen Glas – dann steigt die Lebenstemperatur wegen des soeben Erreichten schlagartig wieder und der diskrete Charme einer Parallelwelt kehrt zurück, als gäbe es außer purem Fahrgenuss sowieso nichts Relevantes mehr.

Was 1993 mit kümmerlichen 35 Autos begann, ist im Lauf der Jahre europaweit zu einer der bedeutendsten Oldtimer-Rallyes geworden. Mit hoher Promi-Dichte aus den Bereichen Film/Unterhaltung (Gregor Bloeb, Nina Proll), Wirtschaft ( Sigi Wolf) und Motorsport (David Brabham, Franz Wurz, Hans Stuck, Dieter Quester, Arturo Merzario, Dr. Wolfgang Porsche) – und einer Menge treuer Stammkundschaft, die die Ennstal Jahr für Jahr fahren und wegen der familiären Atmosphäre auch immer wieder gern kommen.

 

So wie die Vater-&Sohn-Crew Florian und Alexander Deopito auf einem bildhübschen Volvo 122 S-Rallye, die mit einer souveränen Fahrt und nur mickrigen 1287 Strafpunkten ihren Titel verteidigen – und ihren zweiten Sieg in Folge feiern. Damit gehören die Deopitos  – analog zu Walter Röhrl/Monika Röhrl und Fritz Radinger/Thomas Wagner – zum ebenso kleinen wie erlauchten Kreis der Ennstal-Mehrfachsieger.

 

Damit fehlt nur mehr ein Gesamterfolg auf das 2003, 2006 und 2012  siegreiche Team Helmut Schramke/Peter Umfahrer.

Außer Reichweite allerdings ist – und bleibt – nach wie vor EC-Superchamp Rudolf Schraml, der der mit seinen beiden Co-Piloten Heinz Schraml und Helmut Artacker den prestigereichen Klassiker im Ennstal  mit jeweils zwei back-to-back-Siegen (2000/’01 und 2004/’05)  vier Mal gewann.