Classic
16.09.2018

Jaguar Land Rover Classic: So fahren sich die Reborn-Modelle

Unterwegs mit E-Type, Range Rover und Land Rover Serie I.

Denken Sie nicht auch gelegentlich daran? Was wäre, wenn man selbst auf einen Schlag 20 Jahre jünger sein könnte? Oder die Eltern gar 50 Jahre? Leider hat man für uns Menschen noch nicht die Quelle der ewigen Jugend gefunden. Wohl aber für Autos. Im britischen Coventry steht eine. Ihr Name: Jaguar Land Rover Classic. Dort hat man vor geraumer Zeit das Reborn-Programm auf den Weg gebracht. Nomen est omen: Ausgesuchte Oldtimer erleben ihre Wiedergeburt als Neuwagen.

Quellmeister ist Tim Hannig, der Direktor von JLR Classic. Er bezeichnet seinen Bereich als "Firma in der Firma" für den irrationalsten Markt der Welt. Und prägt den schönen unübersetzbaren Satz "We future history". Anders formuliert schenken Hannig und seine über 120 Spezialisten (hinzu kommt noch das neue Classic Center in Essen) alten Autos ein neues Leben.

JLR Classic

Doch der Reihe nach: Zunächst gibt es seitens JLR Classic die normalen Wartungs- und Restaurierungsarbeiten für Kundenautos von Jaguar und Land Rover. Als Klassiker gelten alle Modelle, die zehn Jahre und länger aus der Produktion sind. (Ob das ab 2019 auch für den X-Type gilt?) Ein weiterer Aspekt sind die "Legends Continued", hier hat man neun komplette Jaguar XKSS von 1957 aus dem Nichts neu aufgebaut. Dann gibt es noch ausgefallene Projekte wie den Land Rover Defender Works V8 und den elektrischen Jaguar E-Type Zero.

Und schließlich als weiteres wichtiges Standbein das eingangs erwähnte Reborn-Programm. Hierfür kauft JLR selbst rostarme Fahrzeuge an, um sie dann komplett zu zerlegen. Mindestens 80 Prozent der Substanz sollte wiederverwendbar sein, sagt Tim Hannig. Der Neuaufbau erfolgt anhand von Originalplänen. Sicherheitsrelevante Teile im schlechten Zustand werden durch Neuteile aus dem Classic-Sortiment ersetzt.

Zwar sind die Reborn-Modelle weitaus teurer als ihre normalen Oldtimer-Brüder, dafür haben die solventen Kunden aber erst einmal Ruhe im Karton. Und wie fahren sich die Reborn-Modelle? Ich bekam die Chance, gleich drei verschiedene Fahrzeuge bewegen zu dürfen: Einen Land Rover Serie 1 von 1949, einen Jaguar E-Type Series I Fixed Head Coupé 4.2 von 1965 und einen Range Rover, Baujahr 1978. So fühlt sich vermutlich ein Kind, wenn es im Spielwarenladen eingeschlossen wird.

Gehen wir chronologisch vor: Im sehr frühen Land Rover (die ersten kamen 1948 auf den Markt) wechsele ich freiwillig auf den Beifahrersitz. Kupplung mit Zwischengas und eine sehr rustikale Mechanik plus Linksverkehr erscheinen mir etwas zu riskant. Macht aber nichts, denn auch als Co-Pilot fasziniert der Ur-Landy: Wie ein Steinbock hoppeln wir über schmale Straßen, denn die Schöpfer des Land Rover orientierten sich beim Radstand am Willys MB, dem Urvater des Jeep. Zum Festhalten zieht sich eine Aluminium-Stange quer durch das Cockpit, wobei der Begriff Maschinenraum besser passt.

Durch das weitläufige Stoffdach pfeift der Fahrtwind, hinten ist die Pritsche sowieso offen. Eine Klimaanlage gibt es natürlich nicht. Stattdessen sorgt eine Mischung aus seitlichen Schiebefenstern, Heizlüfter und abklappbarer Frontscheibe für die passende Luftzirkulation. 50 PS aus 1,6 Liter Hubraum geben sich überraschend durchzugsstark (gut für Wald und Feld), aber auch irre laut. Schon ab Tempo 50 müssen wir uns anbrüllen, um überhaupt ein Wort zu verstehen.

E-Type

Deutlich gesitteter, aber ebenfalls sehr faszinierend ist der Jaguar E-Type, hinter dessen großes Holzlenkrad ich mich anschließend fädele. Ein massiver Seitenschweller erfordert diese Gymnastik. Ich blicke auf ein wundervolles Armaturenbrett mit unzähligen Rundinstrumenten, vor mir streckt sich die Motorhaube mit 269 PS aus 4,2 Liter Hubraum als Inhalt gen Horizont. Die britische Zeitschrift Autocar testete 1965 genau solch ein Jaguar E-Type Series I Fixed Head Coupé 4.2: Das Resultat waren 7,6 Sekunden auf Tempo 100 und seinerzeit sagenhafte 246 km/h Spitze. Zurück zu meinem Selbstversuch: Die Pedale stehen eng zusammen, was meinen Puls zunächst beschleunigt. Doch nach fünf Minuten Fahrt kommt es mir vor, als würde ich diesen E-Type schon ewig kennen. Kraftvoll schieben die 384 Newtonmeter an, gleichzeitig mag der Jag auch untertouriges Fahren. Ein bulliger Motor mit einem Klang, der wie eine Delikatesse in Richtung Magen gleitet. Dazu die butterweiche Viergang-Schaltung und das adrett gemachte Navi-Radio im alten Stil. Hier stimmt der Begriff "alter Neuwagen" tatsächlich. Dieser wunderbare Gran Turismo ermuntert geradezu zu erotischen Verbalausschweifungen, doch lassen Sie es mich besser so formulieren: Wer dieses Auto nicht liebt, hat Autos nie geliebt.

Leider hat jede Rose ihre Dornen: Zunächst werden nur zehn Reborn-E-Type gebaut, jeder kostet mindestens 285.000 britische Pfund, rund 320.000 Euro. Fast schon günstig nimmt sich dagegen die erste Zehner-Serie des dreitürigen Range Rover Classic aus: Ab 135.000 Pfund geht es hier los, etwa 150.000 Euro. Ich besteige die in historisch korrektem Bahama-Gold (eher ein Ocker-Gelb) lackierte Nummer 1. Richtig: besteigen. Denn der Range ist eine Art Yacht für die Straße mit riesigen Fensterflächen, rechten Winkeln und enorm viel Platz innen. Glücklicherweise liefert der 3,5-Liter-V8 von Rover mit zwei Zenith-Stromberg-Vergasern viel Drehmoment.

Die schon ab 2.500 Touren verfügbaren 251 Newtonmeter helfen mir dabei, den extrem störrischen zweiten Gang zu überbrücken. Sie haben richtig gelesen: Dieser Range Rover wird manuell geschaltet. Leider mit verdammt langen Wegen: Der dritte Gang liegt sehr weit rechts, in den vierten muss ich den Knüppel etwas links versetzt nach hinten führen. Nun gut, Land Rover hatte damals im British-Leyland-Konzern nicht seine beste Phase. Gefühlt wirkt der Range älter als der E-Type. Aber so ist das Credo von Jaguar Land Rover: Original-Spezifikation, im Fall des beschriebenen Range Rover die von 1978. Zufällig übrigens mein Baujahr. Und ich bin auch nicht perfekt. Mütter wissen das am Besten.

48 slides, created on 13/Sep/2018 - 14:33:55

1/48

Vergangenheit und Zukunft: Wir konnten diese drei Fahrzeuge aus dem Reborn-Programm von Jaguar/Land Rover fahren

269 PS treiben das Jaguar E-Type Series I Fixed Head Coupé 4.2 von 1965 an

Formal weiß der geschlossene E-Type zu betören

Für das Reborn-Programm kauft JLR rostarme Fahrzeuge an, um sie dann komplett zu zerlegen

Der Neuaufbau erfolgt anhand von Originalplänen

Stets faszinierend beim E-Type: Die sehr lange Motorhaube

Roland Hildebrandt, Leitender Redakteur Motor1.com Deutschland: "Der Jaguar E-Type Reborn fährt sich vorzüglich. Besonders gut gefällt mir der bullige Motor."

Der Einstieg in den E-Type erfordert etwas Gelenkigkeit, belohnt wird man dafür mit einen tollen Cockpit

Roter Bereich schon bei 5.000 Umdrehungen: Der 4,2-Liter-Reihensechszylinder holt seine Kraft aus dem Keller

Gelochtes Sportlenkrad mit eigenem E-Type-Emblem

1.428 Euro kostet das Classic-Infotainment-System im Retro-Stil

Beckengurte sind die einzigen Sicherheitssysteme im E-Type

Durchaus langstreckentauglich: Der Kofferraum des E-Type Coupé

Motoren-Kunstwerk: 269 PS, sechs Zylinder, 4,2 Liter Hubraum

Drei Vergaser übernehmen die Gemischaufbereitung

Speichenfelgen mit Zentralverschluss

Die britische Zeitschrift Autocar testete 1965 ein Jaguar E-Type Series I Fixed Head Coupé 4.2: Das Resultat waren 7,6 Sekunden auf Tempo 100 und 246 km/h Spitze

Tim Hannig, Direktor von JLR Classic: "Weltweit gibt es rund 1,5 Millionen klassische Jaguar und Land Rover"

Zunächst werden nur zehn Reborn-E-Type gebaut

Ebenfalls in einer Zehner-Serie wird die erste Serie des Range Rover wiedergeboren

Bis 1981 gab es den Range Rover ausschließlich dreitürig

Gut zu sehen ist hier die üppige Breite des Range Rover

Roland Hildebrandt, Leitender Redakteur Motor1.com Deutschland: "Der Range Rover in Bahama-Gold ist mein Baujahr: 1978"

Im Cockpit des Range Rover geht es aus heutiger Sicht relativ spartanisch zu

Lange Wege: Die Schaltung verlangt Nachdruck, aber auch Feingefühl

Vor dem langen Schaltstock befinden sich Hebel für die Untersetzung und die Handbremse

Markantes Range-Rover-Heck

Im Kofferraum des 1978er-Range befindet sich das Reserverad

Der untere Teil der Kofferraumklappe schwenkt nach unten weg

Unter der Haube des Range Rover arbeitet ein 3,5-Liter-V8

Eine Plakette samt Fahrgestellnummer weist auf den Reborn-Status hin

In den 1970er-Jahren gehörte Land Rover zum British-Leyland-Konzern

Rund 150.000 Euro kostet ein neuer alter Range Rover

Besonders rustikal geht es im Land Rover Series I von 1949 zu

Den kurzen Radstand übernahmen die Schöpfer des Land Rover vom Willys MB, dem Ur-Jeep

Kennzeichen der ganz frühen Land Rover sind die Scheinwerfer hinter dem Kühlergrill

Selbst mit geschlossener Plane ist es im Land Rover Series I zugig

Spartanische Sitzbänke auf der Ladefläche

Klare Kante: Der Land Rover wurde auf größten Nutzwert hin konzipiert

Minimalistischer Arbeitsplatz mit massiver Haltestange

Stehende Pedale waren Ende der 1940er-Jahre noch weit verbreitet

Der Meilentacho lässt es erahnen: Allzu schnell ist der Land Rover Series I nicht

Zwischen Fahrer und Beifahrer befindet sich eine Art Heizlüfter

Der hier gezeigte Landy stammt übrigens aus Australien, wie das Kennzeichen verrät

Die ursprüngliche Land-Rover-Frontpartie im Detail

Klare Anweisungen für die Getriebeuntersetzung

50 PS aus 1,6 Liter Hubraum: Das musste anfangs im Land Rover reichen

Der Land Rover Series I mit seinem Enkel, dem Defender Works V8