TMW

© TMW

Zeitgeschichte
05/03/2013

Der größte Autoraub der Geschichte

Vor dem Krieg entzogen Nazis Juden ihre Autos. Historiker sind dem nachgegangen.

von Susanne Mauthner-Weber

Wer in den 1930er-Jahren zur gesellschaftlichen Elite gehörte, nannte ein Automobil sein eigen. So auch Sigmund Freud. Auf den weltberühmten Psychoanalytiker war 1938 ein Steyr 50 – damals so ziemlich das Modernste – angemeldet. Das weckte Begehrlichkeiten. Und so wurde, als die Nazis den jüdischstämmigen Freud vertrieben, sein Auto mit dem Kennzeichen A 3523 von der Gestapo beschlagnahmt.

Woher man das weiß? Im Rahmen des „forMuse“-Forschungsprojekts am Technischen Museum Wien (TMW) wurden die Kfz-Besitzer Österreichs in den 1930er- und 1940er-Jahren ermittelt, digitalisiert und wissenschaftlich ausgewertet. Das Ergebnis ist eine Online-Datenbank zum Kraftfahrzeug-Besitz in Österreich vor 1938, die nun auf der Website des Museums abgerufen werden kann.

Christian Klösch, Historiker, Provenienzforscher und Projektleiter, konnte mit seinem Team 75 Prozent der Kraftfahrzeuge erfassen und kam für das Jahr 1938 auf 33.625 Pkw und 15.365 Lkw. „50 Prozent waren in Wien gemeldet, und 20 Prozent der Automobile waren Eigentum von Juden“, hat er ermittelt. „Mindestens 3000 Pkw wurden arisiert. Das war der größte Autoraub der Geschichte Österreichs. Man stelle sich vor: Heute würden 20 Prozent aller Autos geraubt – was für ein Aufschrei würde durch die Bevölkerung gehen“, sagt Klösch.

NS-Kfz-Raub

Wer also heute vorhat, einen Oldtimer zu kaufen, sollte unbedingt die neue NS-Kfz-Datenbank konsultieren. „Schon so mancher Oldtimer musste vor dem Verkauf zurückgezogen werden, weil er sich als Nazi-Raubgut entpuppte,“ sagt der Provenienzforscher. Beschlagnahmt wurde damals auf Grundlage einer Verordnung, die Juden zu Staats- und Volksfeinden erklärte: „Durch den Besitz eines Kraftwagens wird die notwendige staatspolizeiliche Überwachung erschwert bzw. überhaupt unmöglich gemacht“, lautete die stereotype Begründung.

Auf diesem Wege gelangte auch so mancher „Volksgenosse“ günstig zu einem fahrbaren Untersatz: Als Wiedergutmachung für erlittene Zurücksetzungen während des Ständestaates wurden ehemals illegale Nazis mit Kraftfahrzeugen aus dem Auto-Fundus der NSDAP belohnt.

Und auch Normalbürger konnten so günstig zu einem Gebrauchtwagen kommen. In Wien führte das Dorotheum 1938 Auto-Versteigerungen durch: Zu diesem Zweck zog die Gestapo an die 1100 Kraftfahrzeuge im Arsenal in Wien-Favoriten sowie auf dem Gelände der Brauerei Dengler in Wien-Floridsdorf zusammen und versteigerte sie. Ein Steyr Baby (Neupreis 5000 Schilling) ging um ein Drittel weg. Zum Vergleich: Der Monatslohn einer Sekretärin lag bei 200 Schilling.

Heute befinden sich noch etwa 2000 Kraftfahrzeuge mit einem Baujahr vor 1945 in österreichischem Privatbesitz. Das TMW besitzt 70. Und hat mittlerweile die Unbedenklichkeit der Herkunft nicht nur von Autos, sondern auch von alten Heißwasser-Erhitzern, Radios, Segelschiffsmodellen, Musikinstrumenten, ... ermittelt. Dank des „forMuse“-Projekts kennt man jetzt viele Geschichten. Wie die von Rosa Glückselig. Sie zählte zu jenen, die bereits vor dem 2. Weltkrieg ein Auto hatten. Wenige Tage nach dem „Anschluss“ 1938 durchsuchte die SA ihre Gemischtwarenhandlung in Wien-Hernals und konfiszierte ihren Fiat 522 C, Baujahr 1931. Nach dem Krieg landete er als Geschenk der Österreichischen Bundesgärten Schönbrunn im Depot des TMW. Bei weiteren Recherchen stellte sich seine Herkunft rasch als dubios heraus. 2008 wurde der Wagen an den Sohn der Eigentümerin restituiert und anschließend vom TMW wieder angekauft.

Über das Schicksal von Sigmund Freuds Steyr 50 weiß man dagegen wenig. 1938 hatte Tochter Anna noch versucht, das Fahrzeug von den Nazis zurückzuholen und ihrem Chauffeur Mallina, einem „sehr braven Wiener Arier“ (Anna Freud in einem Brief) zu schenken. Fehlanzeige. Historiker Klösch: „Das war ein sehr modernes Auto, wahrscheinlich wollte es die Gestapo als Dienstwagen.“