Hildegard Wortmann (links) mit Sandra Baierl auf der Bühne des Salzburg Summit

© Isabelle Koehler/SalzburgSummit

Interview
08/04/2022

Audi-Vorständin: „Der Antrieb ist nicht mehr entscheidend“

Audi-Vorständin Hildegard Wortmann erklärt, warum „Vorsprung durch Technik“ heute etwas anderes bedeutet und wir keine Reichweitenangst haben müssen

von Sandra Baierl

Hildegard Wortmann ist seit drei Jahren Vorständin bei Audi. In den deutschen Medien wird sie oft für ihren rigorosen Führungsstil kritisiert. Wir lernen sie beim Salzburg Summit anders kennen: passioniert und gewinnend.

KURIER: Was fasziniert Sie an der Autobranche?

Hildegard Wortmann: Ich bin seit über 24 Jahren im Automobilgeschäft und mich hat die Leidenschaft für Autos dahingebracht. Über die Jahre hat sich viel verändert und gerade jetzt sind wir in der größten Transformation, die diese Industrie jemals erlebt hat.

Vor zwei Wochen wurde VW-Boss Herbert Diess von Oliver Blume relativ überraschend abgelöst. Wie schätzen Sie den Chefwechsel ein?

Wir sind alle erwachsen und wissen, dass solche Wechsel passieren. Wir werden auch mit diesem Wechsel entsprechend umgehen. Herbert Diess war genau der Richtige, um den Konzern aufzuschütteln und auf diese Transformation einzustimmen. Oliver Blume wird das hervorragend weiterführen, mit der ihm eigenen Art. Ich kenne und schätze beide sehr. Das wird toll.

Audis alter Werbespruch ist „Vorsprung durch Technik“, der Konzern war immer innovationsgetrieben. Wie sehen Sie Audis Innovationsleistung aktuell?

Den Claim haben wir seit über 30 Jahren. Als ich bei Audi gestartet bin, war ich der Meinung, wir dürfen diesen Claim nicht ändern. Was sich ändern muss, ist aber, wie wir Vorsprung definieren. Vorsprung war lange durch die Zehntelsekunde schneller auf dem Nürburgring definiert. Für Autos ist heute Vorsprung aber etwas anderes: Nicht nur das technisch Mögliche zu machen, sondern das technisch Sinnvolle. Das bedeutet vor allem, einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten.

Vorne dabei war Audi aber auch beim Dieselskandal. Wie wollen Sie diese Geschichte glattbügeln?

Glattbügeln ist das falsche Wort. Man muss das sorgfältig aufarbeiten, verstehen, was passiert ist und dafür Sorge tragen, dass das nicht wieder passieren kann. Das haben wir gemacht. So ein Knall ist auch die Chance, neu anzufangen. Unser Bekenntnis zur Elektromobilität ist dafür ein klares Zeichen.

Audi stellt gerade die gesamte Produktion um. Von allen Produktionsstätten sind erst zwei in der Lage, E-Autos zu bauen. 9 von 10 neuen Autos sind noch Verbrennerautos. Welche Mammutaufgabe liegt vor Ihnen?

Um die Mammutaufgabe in Zahlen zu packen: Wir werden bis 2026 nur über die Audi AG 40 Milliarden Euro in diese Transformation investieren. Es geht nur noch in Richtung Elektromobilität. Die Akzeptanz dafür wächst täglich, es ist der effizienteste Weg gegen die Klimakrise.

Sind die vielen Krisen Verhinderer oder zusätzliche Anstöße der Veränderung?

Unser Bekenntnis zu E-Mobilität steht, das wird nicht verändert. Aber gleichzeitig verändert sich rundum ständig wahnsinnig viel und wir werden nie wieder eine Welt erleben, wie sie vor diesen Krisen war. Wir müssen uns auf die Rahmenbedingungen einstellen. Aber dieser Wandel, der ist ein Kraftakt für die Industrie.

Wann werden wir den großen Schwenk hin zu E-Mobilität auf der Straße sehen?

Das wird regional unterschiedlich sein. Aber in Europa passiert das viel schneller, als wir uns das vorgestellt haben. Wir gehen davon aus, dass wir 2025 mit 20 Prozent, 2030 mit 50 bis 60 Prozent E-Fahrzeugen unterwegs sein werden. Es geht also massiv voran. Dazu gehört aber auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Wer soll die aufbauen?

Alle. Alle gemeinsam. Der Kraftakt ist so groß, das schaffen wir nur, wenn Politik, Gesellschaft und Industrie den Willen haben, zur Dekarbonisierung beizutragen. Stichwort Laden: Es gibt ja immer diese Reichweitenangst. Das wird künftig kein Thema mehr sein. Wir stehen bei 480 bis 520 Kilometer Reichweite, das ist genug. Das Entscheidende wird künftig die Ladegeschwindigkeit sein.

Was geht mit den Verbrennern verloren? Immerhin sind das hundert Jahre Motorenentwicklung.

Für mich ist Nachhaltigkeit absolut keine Verzichtserklärung. Jetzt gilt es, die Ikonen der Zukunft zu schaffen.

Kritiker sagen, dass sich die Autos angleichen. Sie fahren sich durch den E-Antrieb quasi alle gleich.

Es gibt immer noch gewaltige Unterschiede, man sollte das also mal probieren. Aber ich höre, was Sie sagen. Man muss auch hier den Wandel der Kunden sehen. Der Antrieb ist nicht mehr das Entscheidende bei der Fahrzeugwahl. Es kommen neue Elemente dazu: die Digitalisierung und die Individualisierung der Fahrzeuge. Diese Kriterien werden kaufentscheidender sein, als es jetzt noch Beschleunigung oder Fahrdynamik sind.

Wie ist denn nun die CO2-Bilanz des E-Autos wirklich?

Es ist erwiesen, dass ein

E-Auto über den Lebenszyklus deutlich bessergestellt ist als ein Verbrennungsfahrzeug. Der Kern liegt aber darin, Ökostrom zu verwenden. Darum muss es gehen.

Nachhaltigkeit auf allen Ebenen also.

Die Kunden erwarten von uns, völlig zu Recht, dass wir eine klare Haltung zur Nachhaltigkeit haben. Das gilt es abzuliefern. In der jungen Generation würden 85 Prozent ihre Lieblingsmarke von heute auf morgen verändern, wenn sie dafür ein nachhaltigeres Angebot haben.

Hildegard Wortmann
Die Managerin ist seit 1. Juli 2019 im Vorstand der Audi AG (Marketing und Vertrieb) und seit 1. Februar 2022 auch Vorständin Vertrieb der Volkswagen AG. Sie ist seit 1998 in der Autobranche, zuvor war sie bei BMW bzw. Mini 

Zum dritten Mal fand vergangene Woche der  Kongress mit spannenden Diskussionen statt. Hildegard Wortmann  wurde auf der Bühne von KURIER-Journalistin Sandra Baierl interviewt  

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