News 05.12.2011

Autos der Zukunft: XPrize 2010

Autos der Zukunft: XPrize 2010
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Bei der US-Rallye"Automotive X Prize" gewinnt nicht das schnellste, sondern das sparsamste Auto. Die Siegesprämie von 10 Millionen Dollar lockt schräge Typen, Tüftler und Visionäre.

Der Michigan International Speedway ist eine würdige Arena für Freunde breiter Reifen und großer Hubräume. Benzingespräche am Pistenrand drehen sich üblicherweise um Bier, PS und Speed. Im Vorjahr aber machte sich ein anderes Thema in den Boxengassen breit: Lässt sich der alte Lincoln Continental aus der Rock'n'Roll-Garage von Neil Young so abspecken, dass er statt 25 Liter auf 100 Kilometer nur mehr 2,5 Liter braucht?

Die schlechte Nachricht: Der Umbau vom Straßenkreuzer zum Öko-Mobil scheiterte. Trotz Unterstützung durch einen Elektromotor war der Verbrauch nicht unter 3,6 Liter zu drücken. Die gute Nachricht: Die unbezahlte Werbung durch Youngs "LincVolt" machte aus dem wenig populären "Progressive Automotive X Prize" eine weltweit bekannte Rallye.

Heuer meldeten sich gleich 111 Teams für diesen Wettbewerb, dessen Modalitäten im Original natürlich cooler klingen: "100 Meilen pro Gallone" ist die magische Marke, die es zu unterbieten gilt. Mit anderen Worten: Ziel ist, ein alltagstaugliches Fahrzeug für zumindest zwei Passagiere zu ermitteln, das alle Crashtests besteht, in höchstens 18 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, mit einer Tankladung 160 Kilometer weit kommt und nicht mehr als 2,35 Liter Treibstoff auf 100 km benötigt - auf amerikanische Verhältnisse umgemünzt eben 100 mpg.

Futuristische Flunder aus Kanada: der "eVaro".
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Im Starterfeld befinden sich ausschließlich grüne Boliden. Mehr noch. Mit dem froschgrünen "Wave II" der Firma Li-Ion-Motors aus Las Vegas stellt sich auch ein Covermodel der Konkurrenz. Das heißt, der knuddelige Zweisitzer prangte bereits auf der Titelseite der Benzinbrüder-Bibel "Popular Mechanics". Die Herausforderer hören auf Namen wie "Alias", X-Tracer", "TW4XP" oder schlicht "Edison 2". Allesamt Fahrzeuge mit dem gewissen futuristischen Feinschliff. Wenn jetzt plötzlich ein DeLorean samt blinkendem Flux-Kompensator aus dem Hollywood-Hit "Zurück in die Zukunft" um die Ecke käme, würde es einem überhaupt nicht mehr wundern.
Für die seit Anfang August laufenden Testfahrten wurden 48 Teams zugelassen. Sehr kleine, finanziell spartanisch ausgestattete Teams, denn außer der indischen Firma Tata, die ihren Kleinwagen Indica in England extra für diesen Bewerb zu einem E-Mobil umrüsten ließ, stellen sich keine namhaften Hersteller der Competition. Die Folge: Die meisten dieser grünen Boliden haben nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man landläufig unter Autos versteht. Vehikel wie der "Edison2" oder der "Aptera" schauen aus wie Batmobiles mit Straßenzulassung. Der schmale "Tango" kommt wie eine halbe Portion daher. Und der Dreiradler "Alias", ein Joint Venture zwischen europäischen und amerikanischen Fahrzeugtechnikern, könnte auch als aufgeblasener Kabinenroller durchgehen.

Futuristische Flunder aus Kanada: der "eVaro".
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Dabei ist seit den Tagen des legendären Ford T eines gleichgeblieben: der Stoff, der sie zum Laufen bringt. "Schon vor 100 Jahren gab es Autos, die entweder mit Strom, Benzin oder Diesel betrieben wurden. Bis auf die Fahrzeuge, die per Dampf auf Touren kamen, sind alle wieder im Rennen", sagt TV-Star Jay Leno ("The Tonight Show"), der beim "X Prize" zwar nicht antritt, den Wettbewerb jedoch mit Spannung verfolgt. Der kalifornische Auto-Aficionado hat fast 100 Pkw in seiner Sammlung - von alten Bugattis über brave Hybrid- bis zu den modernsten Supersportwagen -, und wundert sich, dass seit dem Siegeszug des Autos noch etwas anderes nahezu unverändert blieb: der Verbrauch. Jay Leno: "25 Meilen pro Gallone schaffte bereits ein Ford T. Heute gilt das als Durchschnittsverbrauch eines amerikanischen Autos - das ist entschieden zu viel."

Ein Grund für diese Entwicklung: Herkömmliche Autos sind heute wesentlich schwerer als vor zwei Modellgenerationen. Nicht nur Oliver Kuttner, ein gebürtiger Münchner, setzte daher mit seinen insgesamt vier "Edison 2" auf Leichtgewicht. Das Blechmobil mit den aus der Karosserie ragenden Rädern wiegt mit 350 Kilogramm ein Viertel eines VW Golfs - vier Passagiere finden dennoch Platz. Um Gewicht zu sparen, wurden Radaufhängungen und Bremsen neu entwickelt, selbst die Radmuttern glänzen durch einen Hohlraum.

Einer der vier "Edison 2" musste dennoch vor den strengen missionsbestimmungen kapitulieren. Künstlerpech. Ein anderer befindet sich immerhin in Top-Position. Und wenn im Finale nichts schief geht, stehen mit dem Zweisitzer "TW4XP" aus Deutschland, dem Schweizer "X-Tracer" und einem für die USA gestarteten "Edison 2" die Sieger in zumindest drei Kategorien fest.
Einmal noch auf den Prüfstand, am 16. September werden die Preise in Washington vergeben. Und dann kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis eine futuristische Flunder um die nächste Ecke cruist.
www.xprize.org

Sparspass ist Fahrspass: Gerhard Platter, Tiroler Spritspar-Weltmeister

Futuristische Flunder aus Kanada: der "eVaro".
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Herr Plattner, im Guinness Buch der Rekorde werden Sie als Sprit-Spar- Weltmeister geführt. Sie schafften es etwa in einem ganz normalen Seat Ibiza Ecomotive mit einer einzigen Tankfüllung von Barcelona nach Frankfurt. Wie ist das möglich?
Zugegeben, rasen ist einfacher. Meine Devise aber ist: rollen statt rasen - und bremsen auch nur in Ausnahmefällen. Denn das vernichtet Energie. Meine Rekorde waren daher nur mit extrem vorausschauender Fahrweise möglich. Das heißt, rasch aus dem ersten Gang und stets im höchst möglichen Gang gleichmäßig zu fahren, statt abrupt zu beschleunigen und zu bremsen.

Hat so eine Fahrweise noch etwas mit Fahrspaß zu tun?
Sicher. Sparspaß ist auch Fahrspaß. Ich fahre bei meinen Rekordfahrten meist höchstens 110 km/h; das ist das ideale Tempo, um auch auf der Autobahn niedrige Verbrauchswerte zu schaffen. Aber stimmt, im Normalfall ist nichts dagegen einzuwenden, zwischendurch einmal richtig reinzusteigen, auf Bayrisch gesagt, die Sau rauszulassen, damit's nicht fad wird.

Futuristische Flunder aus Kanada: der "eVaro".
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Die "Hypermiler" wetteifern darum, 100 Meilen mit einer Gallone zu schaffen, auf unsere Verhältnisse umgelegt, sind das 2,35 Liter auf 100 Kilometer. Von Ihnen ist eine Rekord- fahrt dokumentiert, bei der sie nur 2,34 Liter auf 100 km verbrauchten. Somit würde eigentlich Ihnen und Seat der "Automotve X Prize" gebühren.
Das war die 12-Staaten-Tour im Vorjahr. Sie führte von Tschechien über die Slowakei, Ungarn, Österreich bis Slowenien, die Schweiz und Frankreich nach Deutschland. Dabei legte ich 1.910,3 Kilometer zurück. Im Schnitt waren das 2,34 Liter auf 100 km, das ist um 35 Prozent weniger als der Norm- verbrauch von 3,7 Liter auf 100 km.

Gratulation! Sie sind vor drei Monaten in Pension gegangen. Würde Sie es reizen, für den "X Prize" noch einmal aus dem Ruhestand zurückzukehren?

Natürlich. Wenn dieser Bewerb auch im nächsten Jahr veranstaltet werden sollte, wäre es eine Herausforderung, mit einem normalen Serienmodell daran teilzunehmen - und dabei allen Prototypen die Show zu stehlen.

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(Kurier) Erstellt am 05.12.2011