Carlos Tavares, CEO von PSA

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Gespräch
10/16/2014

"Das Auto ist nicht das Problem!"

PSA-Chef Carlos Tavares über die Reduktion die Modellpalette, was er von Honda lernen kann und warum die Hybrid-Air-Technologie zu teuer ist.

von Horst Bauer

Nach seiner überraschenden Trennung von Renault-Nissan, wo er zuletzt Chef der Marke Renault war, wurde Carlos Tavares im November 2013 als neue Nummer 1 des schlingernden PSA-Konzerns vorgestellt. Seit diesem Jänner arbeitet er an der Rückkehr von Peugeot und Citroën in die schwarzen Zahlen und hat seither mit einigen radikalen Ansätzen für Aufsehen gesorgt. Carlos Tavares über . . .

... die schwierige Situation auf dem russischen Markt:"Da wir dort wie viele andere Hersteller nicht alles im Markt produzieren, müssen wir die Schwäche des Rubel mit Preissteigerungen kompensieren. Höhere Preise führen aber dazu, dass sich die Konsumenten denken, dass dies nicht die richtige Zeit ist, um neue Autos zu kaufen. Man hat also ein doppeltes Problem: Einerseits geht die Profitabilität der Hersteller wegen der geschwächten Währung zurück, anderseits sinkt der Markt wegen der höheren Preise. Die Überraschung für uns ist, dass wir durch den nach den Verlusten im Vorjahr gestarteten speziellen Restrukturierungsplan für Russland heuer trotz dieser Probleme unsere Verluste verringern konnten. Wir werden also für 2014 ein besseres Resultat haben als 2013."

... die wirtschaftliche Neuausrichtung des PSA-Konzerns: "Wir haben jetzt zwei starke Standbeine, was früher nicht so war. Da hatten wir nur ein europäisches Standbein und waren daher sehr verletzlich bei Problemen auf dem europäischen Markt. Jetzt haben wir zusätzlich ein chinesisches Standbein und dort gehen die Geschäfte sehr gut und sind für uns sehr profitabel. Wir werden dort heuer mehr als 700.000 Autos verkaufen, im Vorjahr waren es 550.000. Das bedeutet, dass wir unseren Marktanteil in einem wachsenden Markt vergrößern können."

... die von der EU verordneten CO2-Grenzwerte und die damit verbundenen Kosten:"Wir haben die Technologie im Haus, um das ab 2020 geltende 95-Gramm-Limit erfüllen zu können. Da sind wir von der Technik her sehr zuversichtlich. Wir sind als PSA-Gruppe derzeit bei rund 111 Gramm pro Kilometer und liegen bei der Verringerung der CO2-Werte an der Spitze der Industrie. Aber es ist wahr, dass zusätzliche Regulierungsbestimmungen mit höheren Kosten für die Industrie verbunden sind, welche diese aber in einem so ausgereizten Markt wie Europa kaum mehr verdienen kann. Da wir bei PSA in unserem Turnaround-Plan ohnehin gezwungen sind, überall nachzuschauen, wo wir unsere Kosten weiter senken können, hoffen wir, dass dies ausreichen wird, um die zusätzlichen Belastungen durch neue gesetzliche Bestimmungen zu kompensieren. Aber es gibt da ein Limit dessen, was die Industrie verkraften kann."

... die Gründe für die radikale Verschlankung der Modellpalette:"Gehen Sie heute zu einem Händler – welcher Marke auch immer – und fragen Sie ihn, wie viele Modelle er gerade mit Werbung und Marketingmaßnahmen unterstützt. In 99 Prozent der Fälle wird die Antwort sein: Vier. Warum müssen wir also Marken mit 25 verschiedenen Modellen haben, wenn wir nur in der Lage sind, vier davon entsprechend dem Kunden näherzubringen? Außerdem: In keinem Markt dieser Welt werden sie mehr als maximal zwanzig verschiedene Segmente finden. Warum um alles in der Welt müssen wir dann 45 Modelle haben? Die Idee ist, eine globale Sicht zu haben und Modelle zu entwickeln, die mit kleineren Adaptierungen in allen Märkten eingesetzt werden können. Es gibt einen Hersteller in der Welt, der genau das seit vielen Jahren macht – und der heißt Honda. Daraus können wir lernen, dass man als mittelgroßer Hersteller mit einer sehr fokussierten Modellpalette gute Gewinne machen kann."

... die Zukunft der von PSA entwickelten Hybrid-Air-Technologie:"Wir gehen damit derzeit aus einem einfachen Grund noch nicht in Serienproduktion: Weil es sich nicht rechnet. Wir sind aber offen dafür, diese Technologie mit anderen zu teilen, um durch höhere Stückzahlen die Kosten dafür senken zu können. Sollten wir niemanden dafür finden, werden wir es eben nicht machen. Es gibt derzeit aber noch keine konkreten Gespräche mit anderen Herstellern."

... die Einstellung in Europa zu Autos: "In Europa betrachten wir das Auto vielfach als ein Problem. Das ist verrückt. Denn das Auto ist nicht das Problem, sondern es ist eine Lösung. Wir liefern die Möglichkeit, mobil zu sein. Und wir tun das mit Autos, die immer sicherer und komfortabler werden, bei gleichzeitig immer weniger Schadstoffausstoß und immer besserer Konnektivität. Und da trauen sich manche Leute immer noch zu sagen, dass das Auto kein Teil der Lösungen für unsere Gesellschaft ist."