News 26.04.2018

Denzel-Chef Strassl: „Die Elektro-Mobilität ist eine Zäsur“

© Bild: WERK/Denzel

Nachgefragt: Denzel-Vorstandsvorsitzender Gregor Strassl über den Wandel bei Kunden und Antrieben.

Seit 2014 ist Gregor Strassl Vorstandssprecher der Denzel Auto AG, einer der ältesten und wenigen noch verbliebenen Privatimporteure in Österreich (siehe Zusatzartikel). Er sieht keinen Abgesang auf das Automobil, auch kein Gefälle zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Stadt und Land.

Anders als in den mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut versorgten Großstädten Österreichs, Wien und Graz, seien auf dem Land  Menschen sogar immer mehr auf das Auto angewiesen, allein wegen der zusehends schlechteren Infrastruktur (Behörden, Post, Arzt, Schulen) und des ausgedünnten öffentlichen Verkehrs. Carsharing eigne sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht für Landgemeinden und sei vor allem „medial  gehypt“. Die Möglichkeit, mit dem Auto wann und wohin immer man will zu fahren, sei ein unendliches Privileg.Das werden die Menschen nicht so rasch aufgeben, ist Strassl überzeugt. Das Fahrzeugangebot werde jedoch vielfältiger.

Gregor Strassl über/darüber ...


... die Zukunft der Verbrennungsmotoren: Nach unserer Einschätzung wird es ein Nebeneinander mehrerer Antriebsarten geben. Der Diesel wird ein bisschen zurückgehen, bei Fahrzeugen mit mehr als 2 Liter Hubraum ist er jedoch ungebrochen stark. Wir rechnen bei unseren Organisationen auch mit überhaupt keinem Wertverlust. Ab Jahreskilometerleistungen von mehr als 30.000 km ist er auch der Antrieb der Zukunft.

Dass die Dieselverkäufe jetzt ein wenig schrumpfen, hängt nicht nur mit der Abgasdiskussion, sondern auch mit den zahlreicheren Alternativen zusammen. Einen Plug-in-Hybrid-Antrieb gab es vor ein paar Jahren nicht. Das ist wie in der Politik. Da gibt es jetzt auch mehr Vielfalt neben dem klassischen Rot und Schwarz. Unsere Aufgabe als Branche ist, den Kunden noch stärker entsprechend seinem individuellen Fahrprofil zu beraten.

... die verhaltene Zunahme alternativer Antriebe:Wenn die bisherige Entwicklung andauert, werden alternative Antriebe 2025 in Österreich einen Anteil von 15 bis 25% ausmachen (siehe Grafik). Benziner und Diesel werden weiter dominieren, auch in Voll- und Hybridantrieben, die stark zulegen werden. Dann folgen Batterie-elektrische und Brennstoffzellenfahrzeuge. Wir haben in Österreich bereits 100 Brennstoffzellen-Autos verkauft und bewiesen, dass das System auch im Winter funktioniert.

Gegen Gasautos gibt es in Österreich seit Langem Ressentiments. Den Bedarf für synthetische Kraftstoffe sehe ich eher in Ländern, wo Strom heute vorwiegend aus Kohle erzeugt wird.
Wir haben in Österreich bereits 100 Brennstoffzellen-Autos verkauft und bewiesen, dass das System auch im Winter funktioniert.

Da in Österreich zwei Drittel des Stroms aus erneuerbarer Energie erzeugt werden, ist Österreich prädestiniert für Batterie-elektrische Fahrzeuge. Wir haben schon 2010 die E-Autos Think und den Mitsubishi i-MiEV importiert. Ich sprach damals von der Marktvorbereitungsphase 2010 bis 2015, der Marktanlaufphase zwischen 2015 und 2020 und der Marktphase 2020. Das stimmt noch immer. Wenn die künftigen E-Fahrzeuge echte 300 km Reichweite erreichen, wird eine wichtige Schallmauer durchbrochen. Das Förderprogramm für 100.000 Dächer mit Solartechnologie ist zudem optimal für Plug-in-Hybride, die mit überschüssigem Solarstrom zu Hause geladen werden können.

 

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... die E-Mobilität generell: Die E-Mobilität ist eine Zäsur in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Automobils. Aus zwei Gründen: Zum ersten Mal kommt ein Trend von Asien nach Westeuropa. Das war 100 Jahre umgekehrt. Auslöser sind die Luftprobleme in den Megastädten, die nicht Wien oder Graz heißen, sondern z.B. Chongqing, und 30 Millionen Einwohner haben. Solche Städte gibt’s in ganz Asien. Und zweitens dringt hier ebenfalls zum ersten Mal in der Automobilgeschichte eine Innovation von der kleinen Klasse in die große vor. Bisher starteten alle Innovationen in der Luxusklasse, siehe ABS oder Airbag.

... Europa als Trendsetter in Asien bei E-Mobilität mit Batterien oder Brennstoffzellen: Aus Sicht der Asiaten spielt Europa kaum eine Rolle, soweit wir das von unseren Importmarken (Anm. Hyundai und Mitsubishi) beurteilen können. Das muss unserer Gesellschaft bewusst sein. Wir halten uns in Österreich und in Westeuropa noch immer für den Nabel der Welt.

... ob das an der mangelnden Innovationskraft liegt: Österreich hat hervorragende Zulieferer. Pro Tag werden hier 1,4 Patente aus dem automobilen Bereich angemeldet, die zweitmeisten in Europa. Der Bereich ist eine Leitbranche in Österreich mit rund 250.000 direkten Arbeitsplätzen. Ein Vorteil ist, dass sie Kreuztechnologien macht. Keramiken, die etwa für das Auto entwickelt werden, werden dann auch in anderen Bereichen, etwa für den Umweltschutz, verwendet.

Der Grund für den Aufstieg Asiens ist schlicht wirtschaftlicher Natur. Neben China und Indien gibt es noch mehrere Staaten mit mehr als 100 Millionen Einwohnern, wie etwa Indonesien, von denen bei uns niemand spricht. Dort wächst die Wirtschaft pro Jahr um 5 bis 10 %, Westeuropa dagegen ist schon stolz über ein Wirtschaftswachstum von 2 %.

... die Chinesen als Vorreiter auch für neue Ansätze beim Autoverkauf: Dass neue Hersteller, insbesondere kleinvolumige, ihre Autos nur mehr digital verkaufen, kann ein Modell sein. Die Frage ist, wie viel Volumen mit diesem Ansatz erreichbar und ob es tatsächlich billiger ist, wenn ich jedes einzelne Auto dem Kunden direkt zustelle.
Wir bei Denzel sind überzeugt, dass man künftig verstärkt Autos über das Internet kaufen wird, aber wir müssen auch offline (Anm. im stationären Handel) stark sein. Wir glauben nicht, dass 2030 jeder sein Auto nur noch online kauft. Aus mehreren Gründen: Die Technologie in den Autos wird immer komplexer und somit die Beratung immer aufwendiger und zweitens wird sich der Markt fragmentieren.

 

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Ein klassisches Beispiel dafür ist mich das Reisebüro. Es dürfte schon längst nicht mehr existieren. Aber es gibt eben Menschen, die im Internet buchen und andere, die mit einem Mitarbeiter im Reisebüro sprechen wollen. So ist das auch im Autohandel. Bei uns können Autokunden ihre Servicetermine bequem auf der Couch online buchen, es gibt aber viele Kunden, die direkt mit dem Servicetechniker reden wollen.

Die Kunden kommen heute zwar top-informiert zum Händler, wissen aber oft nicht, was sie wollen. Wenn jemand etwa sagt, er will das Lichtpaket nicht, der Verkäufer ihm dann aber erklärt, dass dazu auch ein abblendbarer Rückspiegel gehört, entscheiden sich die meisten dann doch fürs Lichtpaket. Umsteiger von alten Autos kennen oft viele neue Technologien nicht. Wir schulen unsere Verkäufer intensiv, für den Kunden das Auto zu finden, das am besten seinen Bedürfnissen entspricht, damit er dann damit zufrieden ist. Dazu gehören auch entsprechend lange Probefahrten.

 

... Wünsche an die Politik: Wir brauchen eine Arbeitszeitflexibilisierung sowie ein besseres Bildungsniveau. Wir sehen zunehmend, dass die schulische Ausbildung bei Lesen, Schreiben, Rechnen unzureichend ist. Gleichzeitig steigen die Anforderungen in den Berufen. Ein Lackierer  etwa muss am Computer heute selbst aufs Hundertstel genau Lacke abmischen. Ein Mechaniker muss Software einspielen können.

Von der Regierung brauchen wir aber auch dringend eine Reform der Normverbrauchsabgabe (NoVA) bis zum 1.1.2020. Denn mit der neuen WLTP-Messmethode hat jedes einzelne Auto einen individuellen -Wert, von dem die NoVA berechnet wird. Es reicht, wenn ein und derselbe Pkw Sitze unterschiedlicher Zulieferer hat und so um wenige Kilo schwerer ist. Das bedingt eine derartige Fülle an NoVA-Angaben, dass wir künftig keine Preislisten mehr drucken werden können.

Ebenfalls reagieren muss die Regierung beim Kfz-Sachbezug (1,5 %) und zwar bis zum 1.1.2019. Da sinkt die -Grenze von derzeit 124 auf 121 g/km.  Gleichzeitig steigen die -Werte durch die neuen Messzyklen (Anm. Experten reden von +15 bis +20%. Das heißt, viele klassische Firmenwagen liegen dann über dem Sachbezugs-Grenzwert.)

Zur Person

Mag. Gregor Strassl, geb. 1970, studierte Handelswissenschaften an der Wirtschafts-Uni Wien. Seit seinem Einstieg bei Ford in Salzburg ist er im Autogeschäft tätig, seit 11 Jahren bei Denzel. Bei den Sondierungen rund um neue Importmarken vor allem aus China lernte Strassl auch diesen Teil Asiens gut kennen. 2014 übernahm er den Vorstandsvorsitz des Konzerns. Er ist zudem stv. Vorsitzender des Arbeitskreises der Automobilimporteure. Strassl ist verheiratet und Vater einer Tochter. Entspannung findet er bei der Waldarbeit in seiner Heimat in  OÖ.

Wolfgang Denzel Auto AG Gegründet 1934 von W. Denzel. Der Hyundai- und Mitsubishi-Importeur und Großhändler verkauft von 19 Marken 45.000 Pkw/Jahr. Umsatz: 800 Mio. €.

( motor.at ) Erstellt am 26.04.2018