Der Greis ist heiß

© Markus Kucera

Der Greis ist heiß
07/21/2012

Der Greis ist heiß

Ennstal-Classic. Mitten drin, statt nur dabei – der Motor-KURIER am Steuer eines Opel Commodore GS aus dem Jahr 1972.

von Ad Raufer

ad rauferStraßen, die sich durch die Dachstein-Tauern-Region winden wie heiße Spaghetti auf dem Teller, Alpenpässe, auf die sich Holländer nicht einmal mit modernen 4x4-SUV hinauftrauen, eine Landschaft, die nicht mit dem Foto-Shop im Computer nachträglich auf unwiderstehlich bearbeitet worden ist, sondern sich in grandioser Realität vor einem auftut: Das ist die Ennstal-Classic.

Alte Autos als Kulturgut ohne Ablaufdatum, Ikonen der Vergangenheit, die Emotionen vermitteln und Nostalgie verströmen: Wer Technik vergangener Tage liebt, wird schwer – ach was, gar nicht – an der Ennstal vorbeikommen. Bescheiden und klein in den Anfängen, hat sich die Veranstaltung rund um den 3000-Seelen-Marktflecken Gröbming zu einem Event mit Kult-Charakter entwickelt, beim dem nicht dabei zu sein sich niemand aus der Renn-, Rallye-, TV- und Management-Szene leisten kann und der eine Umwegrentabilität von rund 10 Millionen Euro in die Region spült.

Alter Autoadel

Mag sein, dass sich der eine oder andere an der hohen Promi-Dichte stört, mag auch sein, dass der Veranstaltung wegen der Größe von 230 teilnehmenden Teams die ursprüngliche provinzielle Intimität abhanden gekommen ist. Geblieben jedoch ist der Anspruch, die Ennstal als Brücke in die Vergangenheit zu sehen und den alten Autoadel, der das Siegel der Standhaftigkeit im Typenschild trägt, aus den geschützten Garagen zu holen. Auf die Straße, dorthin nämlich, wo ihn die Öffentlichkeit ebenso warmherzig wie enthusiasmiert beklatschen kann, was ja auch reichlich und intensiv geschieht.

Opel-Classic hat dem Motor-KURIER ein Angebot gemacht, das abzulehnen einen schweren Fehler bedeutet hätte: Commodore GS, Baujahr 1972, aufgebaut nach dem damaligen Rallye-Reglement der Gruppe 2: 2,5 Liter, 157 PS, drei Weber-Doppelvergaser, Sperrdifferenzial, Recaro-Sitze, 6-Punkt-Gurte. Plus Co mit klingendem Namen: Christian Geistdörfer, zweifacher Rallye-Weltmeister (’80/Fiat, ’82/ Opel) an der Seite des im wahrsten Sinne großen Walter Röhrl. Geistdörfer, gebürtiger Münchner, g’lernter Bankkaufmann und begeisterter Hobby-Golfer, hat Röhrl zu 13 WM-Siegen navigiert, davon vier Mal allein bei der Rallye Monte Carlo. Drei Mal übrigens in Folge, nämlich 1982, 1983 und 1984.

Starkes Team

Geistdörfer, ein Mann von scharfem Verstand und hohem Improvisationstalent, reagiert positiv, wenn man ihm ein paar Schritte entgegenkommt, ist – immer – tolerant, hilfsbereit und gutmütig und – manchmal – kühl, distanziert und ein bissl verschlossen. Der Opel-Markenbotschafter und der Autor kämpfen tapfer mit den Gegebenheiten, Geistdörfer mit Stoppuhr, Wegstreckenzähler und Schnitt-Tabellen, der Autor mit dem übersteuernden Fahrverhalten des greisen Commo.

Nach einer Gewöhnungsphase beginnen die Dinge einigermaßen rund zu laufen, Voll-Profi Geistdörfer hat sich mit den Eigenheiten des Roadbooks arrangiert und hält seinen Chauffeur konsequent im vorgeschriebenen 50-km/h-Schnittfenster. Der wiederum treibt den roten Oldy beherzt über Stoderzinken, Sölkpass, Nockalm, Turrach, Postalm, Katschberg, Tauern-, Hengst-, und Pyhrnpass. Und während die Crew dem Tempo, dem meist heftigen Regen und der langen Fahrzeit des knapp 900 Kilometer langen Marathons Tribut zollen muss, läuft der alte 72er-Opel wie ein Glöckerl.

Die Ennstal ist eine grandiose Flaniermeile für vom Charme des alten Blechs infizierte Oldtimer-Enthusiasten, aber keine Kinderjause. Und eine launige Diva mit vielen Gesichtern: Bei schlechtem Wetter schroff, abweisend und zickig, bei Sonne wunderschön, einnehmend und liebenswert. Im freitäglichen Ziel in Schladming blicken todmüde, ausgelaugte Crews auf die 12-Stunden-Tortur zurück wie auf einen Flugzeugabsturz, den sie auf wundersame Weise überlebt haben.

Auch das ist die Ennstal.