Jari-Matti Larvala (VW Polo WRC): Sieger Rallye Finnland 2014

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News
08/05/2014

Finn Air

Unfassbar hohes Tempo, Dutzende Sprünge: Die Rallye Finnland ist der ultimative Höhepunkt jeder WRC-Saison

von Ad Raufer

Jyväskylä, mitten in der malerischen Waldlandschaft am Nordende des Päijänne-Sees gelegen, 1837 gegründet, seit 1966 Universitätsstadt und Geburtsort des weltberühmten finnischen Architekten Alvar Aalto (1898-1976) ist das, was bei uns Kitzbühel während der Hahnenkamm-Woche im Winter ist: Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Die Welthauptstadt des Rallyesports vibriert geradezu vor Lebensfreude in den warmen, langen und ebenso hellen Sommernächten, fiebert vor Begeisterung für die Rallye, aufgedreht bis zum Anschlag: Die weitaus überwiegende Mehrheit der 130.000 Einwohner frönt kollektiv und ausgelassen der „Wir-sind-Rallye“-Attitüde. Die Jyväskylän Suurajot, wie die Rallye in Finnland heißt, wird nicht stillschweigend geduldet, sondern enthusiastisch gelebt.
1951 als 1000 Seen Rallye etabliert und seit 1973 jährlicher fixer Bestandteil des WM-Kalenders, ist die Veranstaltung rund 260 Kilometer nördlich von Helsinki Klassiker und Königsveranstaltung gleichermaßen unter all den anderen 12 WM-Läufen eines jeden Jahres.
Und: Sperrgebiet für Nicht-skandinavische Rallye-Piloten.
Gelang es doch in der langen Geschichte der Veranstaltung erst fünf Fahrern ohne finnischen Pass, den auch als Schotter-GP oder Formel-1 im Wald titulierten WM-Lauf zu gewinnen: Carlos Sainz (Spanien/1990), Didier Auriol (Frankreich/1992), Markko Märtin (Estland/2003), Sébastien Loeb (Frankreich, 2008/’11/’12) und Sébastien Ogier (Frankreich/2013), amtierender Rallye-Weltmeister und – so wie’s derzeit aussieht, zugleich auch neuer Weltmeister 2014.


Gefragt: Exzellente Streckenkenntnis

Bei keinem anderen WM-Lauf ist der Heimvorteil von derart hoher Bedeutung wie bei der High-Speed-Hatz durch die südfinnischen Wälder. Der Grund für die jahrzehntelange Dominanz: Die Buben vom Land lernen den fachgerechten Umgang mit automobiler Technik bereits mit 5, 6 Jahren, erst auf Traktoren der elterlichen Landwirtschaft, dann mit 12, 13 Jahren im Auto vom Vater oder Bruder. Weil in Finnland die Nebenstraßen allesamt nicht asphaltiert sind, wird jede Fahrt zum Supermarkt zur Schotterprüfung. Dazu kommt, dass im dünnbesiedelten Land abseits der Hauptrouten gar nicht oder nur kaum mit Polizeikontrollen zu rechnen ist und das wissen natürlich auch finnische Jung-Glüher nur allzu gut. Dementsprechend geübt sind die Burschen, wenn sie dann endlich ins führerscheinfähige Alter gekommen und zu diesem Zeitpunkt bereits perfekte Autofahrer geworden sind.

Entscheidend ist außerdem, dass einheimische Piloten im Rahmen der nationalen Meisterschaft ständig auf unbefestigtem Untergrund fahren, die Streckencharakteristika – ultraschnelle, wellenartige und rhytmische Strecken auf festem, feinkörnigem Schotter – im Schlaf kennen. Selbst wenn sie nicht unmittelbar in Jyväskylä aufgewachsen sind.


Kuppen als Sprungschanzen

Kern des Spektakels sind die vielen Sprünge, die sich bei Tempo 180, 190 von harmlosen Hügelchen in atemberaubende Anhöhen verwandeln: 77 Mal mit allen vier Rädern in der Luft, 30,4 Sekunden reine Flugzeit – dass zeichneten die Sensoren an Jari-Matti Latvalas VW Polo WRC im Vorjahr auf der ebenso berüchtigten wie legendären Sonderprüfung Ouninpohja auf. Die legendäre 33-Kilometer-SP mit einem Durchschnittstempo von gut 130 km/h wurde heuer zwar nicht gefahren, dennoch steht sie weltweit wie keine zweite für die Formel 1 im Wald. Den Rekord im Mächtigkeitsspringen hält übrigens seit 2003 der Este Markko Märtin, der damals mit einem Ford Focus WRC sagenhafte 57 Meter geflogen ist. Luftstand: Gut zwei Meter, Absprunggeschwindigkeit: Resche 171 km/h.

Volkswagen ist als Titelverteidiger lange schon klar wieder auf WM-Kurs – egal bei welchem WM-Lauf VW antritt: Als regierender Markenweltmeister sieht sich das deutsche Werksteam immer und überall automatisch mit der Favoritenrolle konfrontiert. Unglaublich: Die hohe Zuverlässigkeit – seit dem VW-Einstieg in die World Rallye Championship (WRC) feierte das deutsche Werksteam aus der Ikarusallee in Hannover bei bisher 21 WM-Rallyes 18 Siege, davon saisonübergreifend 12 Mal in Folge.


Lange Siegesserie

Mit dem jüngsten Triumph in Finnland stellt VW zudem den bisher bestehenden Bestwert von 8 Siegen in Serie innerhalb einer Saison ein, den Citroën im Jahr 2011 aufgestellt hat. Da passt es gut ins Bild, dass an der Tabellenspitze ausnahmslos VW-Piloten – nämlich Sébastien Ogier, Jari-Matti Latvala und Andreas Mikkelsen, in dieser Reihenfolge – stehen. Citroën, Ford und Hyundai bleiben da nur die Krümeln, die vom Tisch fallen. Die drei anderen Teams sind zwar mit den jeweiligen Teamleadern Kris Meeke (Citroen), Mikko Hirvonen (Ford) und Thierry Neuville (Hyundai) sehr gut, bei weitem aber nicht dermaßen brillant besetzt wie VW-Motorsport.

Weltmeister Sébastien Ogier fährt überhaupt in einer eigenen Liga, auch wenn der aus dem südfranzösischen Gap stammende Ex-Schilehrer in Finnland eine knappe 3,6-Sekunden-Niederlage gegen Teamgefährten Jari-Matti Latvala hat einstecken müssen. Was den Titelambitionen Ogiers aber keinen Abbruch tut: Im Gegenteil – 44 Punkte Vorsprung auf Markenkollegen Latvala sind ein durchaus beruhigender Polster, allein schon wegen der Tatsache, dass von den letzten fünf Rallyes (Deutschland, Australien, Frankreich, Spanien und England) drei überwiegend auf Asphalt gefahren werden. Nicht gerade der optimale Untergrund für finnische Rallyeprofis.

Diese 3,6 Sekunden, die Ogier auf Latvala nach rund 360 Sonderprüfungskilometern fehlten, sind zwar knapp, einen neuen Rekord bedeuten sie aber nicht: 2011 gewann Ogier die Rallye Jordanien mit lächerlichen 0,2 Sekunden (vor Latvala). Im Jahr 2007 schlug Marcus Grönholm (Weltmeister 2000 und 2002) bei der Rallye Neuseeland Sébastien Ogier mit hauchdünnen 0,3 Sekunden.
Ogier ist ein würdiger Nachfolger des neunfachen Rallyeweltmeisters Sébastien Loeb. Statt irgendwann gegen Schluss Speed rauszunehmen und den Vorsprung bis ins Ziel einfach zu verwalten, zermürbt der Franzose seine Gegner mit konstant hohem Tempo. Vor Selbstvertrauen nur so strotzend, ist Ogier als einziger imstande, über drei oder vier Tage, also über die gesamte Rallyedauer, Tempo und Druck gleichermaßen hochzuhalten. Er haut den Gegnern nicht nur nach Lust und Laune Bestzeiten um die Ohren, sondern bringt sie auch mit gezielten Sticheleien zur Verzweiflung: Während andere Piloten stöhnen, behauptet der Franzose ungeniert, dass er gar nicht voll fahre - und selbst staune, woher seine Top-Zeiten kommen.

Es ist dieselbe Methode, mit der Loeb Gegner wie Teamkollegen 10 lange Jahre demoralisiert hat.

Die Highlights der Finnland Rallye 2014

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