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09.12.2011

Heinz Hollerweger: "Es wird puristische Modelle geben"

Der gebürtige Linzer und Audi-Top-Manager, über große Themen, die die Autoindustrie antreiben.

Audis Leitspruch ist "Vorsprung durch Technik". Was der Kunde dabei künftig erwarten kann, ob ein Smartphone auf Rädern oder Kohlefaser-Karosserien für alle, hat Heinz Hollerweger, Leiter Gesamtfahrzeugentwicklung bei Audi, dem Motor-KURIER erzählt.

KURIER: Immer mehr Autohersteller sprechen beim Auto vom Smartphone auf Rädern. Wird Fahrspaß inzwischen über die Qualität des Internetempfangs im Auto definiert und nicht mehr über den Motor?

Heinz Hollerweger: Das Interesse hat sich gewandelt, aber einen großen Teil seiner Faszination bezieht das Automobil nach wie vor aus dem Gefühl, es als Fahrer zu beherrschen. Warum schauen denn alle einem Lamborghini hinterher? Es wird nicht nur das Auto bewundert, sondern auch sein Fahrer. Es ist die Faszinationdes Menschen für die Hochleistungsmaschine Auto. Sie wird immer einer der wichtigsten Kaufgründe für ein Auto bleiben. Natürlich ist es für viele Kunden auch wichtig, WLAN im Auto zu haben oder ihr Smartphone komplett anbinden zu können. Das wird künftig immer wichtiger. .

Der europäische Autokäufer ist im Schnitt 50+. Erfolgt dieser IT-Siegeszug im Auto nicht eher mit Blick auf die junge chinesische Kundschaft?

Auch in Europa wird es bald selbstverständlich sein, dass Autofahrer etwaihr Smartphone mit dem Auto verlinken. Ich glaube aber, dass es auch in Zukunft neben perfekt vernetzten Autos immer auch ganz puristische Modelle geben wird.

Puristisch bedeutet auch ohne elektronische Assistenzsysteme abseits von ABS und ESP, die gesetzlich vorgeschrieben sind?

Das wird dann aber eher ein Auto für eine spezielle Nische sein. Im Kleinwagensegment geht es vor allem um Nutzwert. In diesem Segment will man alles haben, was möglich ist. Die Puristen wollen dagegen mehr Spaß am Fahren.

 

Halten Sie es für möglich, dass diese neue Bescheidenheit auch auf Autos mit Verbrennungsmotor überschwappt?

Ich glaube schon, dass es ein Segment für günstige Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor -vielleicht auch teilweise elektrifiziert - geben wird.

Wie lange wird der Verbrennungsmotor noch dominieren?

Noch über lange Strecken. Allerdings nimmt  die Elektrifizierung zu. Bis 2020 wollen wir in jedem Segment einen Audi e-tron anbieten.

Wird es auch bei Benzinern und Dieseln noch große Fortschritte geben oder werden diese eher über die Elektrifizierung erfolgen?

Der Verbrennungsmotor bietet nach wie vor Potenzial zur Verbrauchsreduzierung. Bei Leistung und Drehmoment wird es aber keine weiteren großen Schübe mehr geben. Die Performance-Ecke wird zukünftig eher mit Elektrifizierung abgedeckt. Für die Anfahrperformance sehe ich keine  innovativeren Ladekonzepte. Das werden wir über die Elektrifizierung machen. Die ist einfacher und effektvoller und mit weniger Nachteilen verbunden

Viele Techniker halten dies nur mit einem 48-Volt-Bordnetz für möglich.

Ich denke, dass gerade für E-Booster oder E-Heizen irgendwann das 48-V-Bordnetz kommen wird. Ich glaube aber, dass wir vorerst eine Koexistenz von 48 V und 12 V haben werden. Daneben wird es die Hochvolt-Variante für die Hybridfahrzeuge geben.

Wird es auch 2020 noch Zwölfzylinder geben?

Davon bin ich überzeugt. Für Prestigemärkte wie Russland und China wird es 2020 auf jeden Fall noch Zwölfzylinder-Benziner geben. Vielleicht keine Zwölfzylinder-Dieselmotoren mehr, aber Achtzylinder sind sehr beliebt und werden es sicher auch bleiben.

Werden bei Audi die Topmodelle wieder mächtiger und eigenständiger?

Eigenständiger ja, mächtiger nicht. Wir haben drei Leitlinien, Leichtbau ist eine davon. Dabei geht es nicht nur um das Gewicht das ein Auto auf die Waage bringt, sondern auch um dynamisches Handling und  Leichtigkeit im Design.

Kommt damit der Siegeszug der Kohlefaser?

Dazu habe ich ein klares Credo: So wie Menschen aus einem Mix aus Knochen, Muskeln, Fasern und Fleisch bestehen, bestehen Autos aus einem für jede Funktion richtigen Materialmix. Ich glaube nicht, dass sich Kohlefaser als idealer Werkstoff durchsetzen wird, außer in speziellen Segmenten und Bauteilen, etwa Monocoques für Sportwagen. Ich bevorzuge den intelligenten Materialmix. Ich denke, dass das für den Leichtbau die bessere Option ist.. Jedes Material hat seine eigenen Charakteristika.

Kohlefaser ist zudem sehr korrosiv.

Das Thema Korrosionsschutz wird durch den Materialmix ohnehin eines der großen Themen werden. Aber da haben wir schon heute viel Erfahrung.

Wie lange wird’s noch eine Stahlkarosserie geben?

Noch sehr lange. Stahl entwickelt sich weiter. Ist duktiler und deformierbarer als  andere Werkstoffe.

Apropos Lebensdauer: Wo liegt sie bei Audi-Modellen? Bei 150.000 km wie bei Mitbewerbern?

Unsere Motoren und Bauteile sind nach wie vor auf 300.000 Kilometer ausgelegt. Aber auch in Zusammenhang mit der zunehmenden Vernetzung und der rasanten Entwicklung in der IT, muss man dieses Thema verstärkt im Auge behalten.

Wie wichtig ist der Trumpf "Made in Germany" für Audi in Zukunft?

Langfristigir werden wirzunehmend auch in den großen Märkten produzieren. In unserem mittlerweile größten Einzelmarkt China haben wir schon heute große Produktionsstätten. Das über viele Jahre bewährte Qualitätsmerkmal „Made in Germany“ hat aber globale Gültigkeit.

Wer zahlt, schafft an. Werden künftig die Chinesen die Automobilentwicklung in Europa bestimmen?

Audi baut Autos für den Weltmarkt. Unsere Produkte kommen ja gerade deshalb in aller Welt gut an, weil sie deutsche Ingenieurskunst und viele Innovationen verkörpern.

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