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Motorradtest
07/01/2013

Honda Gold Wing F6B Interstate: Weg mit dem Speck

Die große Kunst des Verzichts mündet in einen Cruiser für Fortgeschrittene.

Zugegeben, die Idee ist nicht neu. Vorreiter des Trends war diesmal Harley-Davidson, die schon vor ein paar Jahren ihr Reiseschiff, die E-Glide, zur Street Glide verschlankt und damit einen unerwartet großen Erfolg eingefahren haben.

Nach der gleichen Rezeptur rückt Honda nun seiner Fernreise-Ikone, der Gold Wing, zu Leibe: Die Scheibe wurde gekappt, das Topcase entfernt. Statt des voluminösen, aufgepolsterten Sofa-Sattels kommt eine fließendere, einteilige Sitzbank zum Zug, die als kleinen Nebeneffekt die Sitzhöhe um 15 Millimeter senkt.

Die Liste der fehlenden Teile lässt sich wie ein Suchrätsel fortsetzen: Airbag, Navigationssystem, elektronisches Fahrwerk, Tempomat, Retourgang – alles serienmäßig an der Gold Wing – wurde aus dem Konzept der F6B Interstate gestrichen.

Dadurch ergeben sich neben der optischen Verschlankung zunächst zwei ganz offensichtliche Vorteile: Zum einen ist der Kaufpreis um glatte zehn Tausender niedriger; damit wird die Einstiegsschwelle zum Gold-Wing-Fahren also deutlich gesenkt. Zum anderen wurden 36 Kilo an Gewicht eingespart.

Dieses Abspecken könnte man mit einem Verweis auf das verbleibende Schwergewicht als vernachlässigbar einstufen – würde damit aber völlig falsch liegen. Denn gerade diese drei Dutzend Kilos, eingespart an der richtigen Stelle, machen das Fahren mit der Interstate zu einem völlig anderen Erlebnis.

Leichtfüßig cruisen

Es ist vor allem das Einlenken, das hier viel leichter vonstatten geht. Im Vergleich zur großen Gold Wing kann man tatsächlich von Leichtfüßigkeit sprechen – man wirft das immer noch extrem mächtige Bike nonchalant von einer Kurve zur nächsten, bis die Fußraster metallisch knirschend zur Contenance mahnen. Auch Anbremsen und Beschleunigen profitieren von dem erfolgreich absolvierten Diätprogramm.

Durch die neue Leichtigkeit des Fahrens richtet sich die Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf den Sechszylinder-Boxermotor: Dieses Unikum in der Motorradwelt entfaltet seine ganz eigene Grandezza, und sie passt hervorragend in das Ambiente eines Cruisers für Fortgeschrittene. Leise, aber mit einem feinen Sound, der an amerikanische Straßenkreuzer aus den Siebzigern erinnert, ist die Interstate eine perfekte Alternative für all jene, die Show und Genussfahren nicht mit Getöse, sondern mit technischer Eleganz verknüpfen wollen.

Freilich müssen auch ein paar Einschränkung gelten: So macht die kleine Scheibe ein Fahren mit Jethelm ohne Visier praktisch unmöglich; und der Verzicht auf das Topcase wirft einen auf die zerklüfteten Seitenkoffer zurück. Aber was zählt das schon, wenn man das Radio (oder das über den Kopfhörerausgang angeschlossene Handy) lauter dreht, in den Sonnenuntergang säuselt und dabei mehr Köpfe verdreht als Batman im Fledermauskostüm.

Honda Gold Wing F6B Interstate

Antrieb: 6-Zylinder-Boxermotor, flüssig gekühlt, je eine oben liegende Nockenwelle pro Bank, 2 Ventile/Zylinder; Verdichtung 9,8:1; digitale Transistorzündung; 6-Gang-Getriebe; Endantrieb über Kardan.

Hubraum: 1832 cm³

PS/kW: 118/87

maximales Drehmoment:167 Nm bei 4000 U/min

Fahrwerk: Alu-Brückenrahmen; Telegabel mit 45 mm Standrohrdurchmesser; hinten Einarmschwinge mit Zentralfederbein; Federweg v/h 140/105 mm; vorne Doppelscheibenbremse mit 269 mm Durchmesser, hinten Einscheibenbremse mit 316 mm Durchmesser; jeweils 3-Kolben-Bremszangen; Integral-ABS serienmäßig; Alu-Gussfelgen mit Reifen 130/70-18 vorne und 180/60-16 hinten.

Maße (L x B x H):2605 x 945 x 1255 mm Sitzhöhe: 725 mm Radstand: 1690 mm Nachlauf: 109 mm Zuladung: 190 kg Gewicht vollgetankt: 385 kg Tankinhalt: 25 Liter

Spitze: 200 km/h

Testverbrauch: 6,3 l/100 km

Preis:27.990 €

Preis Testbike:27.990 €

Motorbezogene Versicherungssteuer: 483,60 €