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12/05/2011

Indiens mörderischer Verkehr

Im Durchschnitt kracht es auf den Straßen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht fast jede Minute - alle vier Minuten stirbt ein Mensch auf den indischen Straßen.

Kürzlich gab die Formel 1 in Indien ihr Debüt, und selbst gestählte Rennfahrer zeigten sich vom Chaos auf den Straßen im Gastland überwältigt. "Das ist ja unglaublich", sagte Nico Rosberg dem ARD-Hörfunk am Rande des Grand Prix. "Natürlich ist das sehr gefährlich." Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO an diesem Sonntag (20. November) der Straßenverkehrsopfer gedenkt, dann betrifft das in erster Linie Indien: In keinem anderen Land kommen mehr Menschen bei Unfällen ums Leben.

Im Durchschnitt kracht es auf den Straßen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht fast jede Minute, beinahe alle vier Minuten stirbt dabei ein Mensch: Nach dem jüngsten Regierungsbericht wurden 2009 bei knapp einer halben Million Unfälle 125.660 Menschen getötet. Auf Deutschlands Straßen kamen im selben Jahr 4.152 Menschen ums Leben, in Österreich waren es 633. Zwar ist Indien mit 1,2 Milliarden Menschen viel größer, doch das erklärt die dramatisch höhere Opferzahl nur teilweise.

Denn während nach der jüngsten vergleichbaren Weltbank-Statistik in Deutschland im Jahr 2006 knapp 600 Autos auf 1.000 Einwohner kamen, waren es in Indien gerade einmal 15. Zwar umfassen diese Zahlen nicht die in Südasien weit verbreiteten Zweiräder, und die Zahl der Neuzulassung in dem einstigen Entwicklungsland ist in den vergangenen Jahren nach oben geschossen. Dennoch ist die Fahrzeugdichte immer noch viel geringer als in westlichen Industriestaaten.

Opferzahlen steigen

Und während die Opferzahl in Indien immer weiter ansteigt, nimmt sie nicht nur in Deutschland und Österreich stetig ab - sondern auch in China, dem einzigen Land der Welt, in dem noch mehr Menschen leben als in Indien. Im Jahr 2006 überstieg die Zahl der Verkehrstoten in Indien erstmals die im größeren Nachbarland, zwei Jahre später lag sie bereits um mehr als 46.000 vorne.

Um die Gründe für die mörderische Entwicklung zu verstehen, genügt eine Fahrt auf Indiens Straßen - bei Besuchern aus dem Westen sorgt der erste Kontakt mit dem Verkehr meist für eine Mischung aus Entsetzen und Todesangst. Vorfahrtsregeln werden ignoriert, es gilt das Recht des Stärkeren. Busse brettern ungebremst in den Kreisverkehr. Lastwagen bremsen nicht für Pkw, Autos nicht für Zweiradfahrer. Am Ende der Nahrungskette steht der Fußgänger, für den keiner anhält.

Motorradfahrer müssen zwar Helme tragen, die aber bei jedem mitteleuropäischen Sicherheitstest durchfallen würden. Frauen und Kinder - oft sind ganze Familien auf einem Zweirad unterwegs - verzichten in aller Regel auf den Kopfschutz. Der Einsatz des Blinkers ist nicht zwingend. Die Absicht, abzubiegen, machen Inder auch mit Winken deutlich. Allerdings sind immer mehr Autos mit Klimaanlagen ausgestattet, die Fenster sind dann geschlossen. Mancher Wagen trägt daher den Warnhinweis: "Klimatisiertes Auto - keine Handzeichen".

Busse und Lastwagen sind häufig überladen, Polizisten oft korrupt. Auch technische Mängel verursachen Unfälle. Bremsen funktionieren nicht richtig, Reifen sind abgefahren. Kaputte Lichter sind kein Grund für einen Werkstattbesuch, eine nicht funktionierende Hupe schon eher: Sie wird ständig eingesetzt und dient nicht unbedingt als Warnung vor einem drohenden Unfall, sondern auch als Signal, dass man sich von hinten nähert. Der Blick in den Rückspiegel ist wenig verbreitet. Oft sind Außenspiegel ohnehin eingeklappt, um besser durch die verstopften Straßen zu kommen.

Nicht nur die sprichwörtlichen heiligen Kühe bevölkern die Straßen, selbst in der Hauptstadt Neu Delhi sieht man gelegentlich Elefanten, Kamele oder Wasserbüffel stoisch am Verkehr teilnehmen. Ochsenkarren bremsen Autos aus, Pferde auf dem Weg zu Hochzeitsfesten werden von ihren Reitern über Kreuzungen gelenkt. Hunde und Affen jagen über die Fahrbahn und sorgen für spontane Ausweichmanöver von Autofahrern, die dabei vermutlich mit dem Handy telefonieren.

Selbst wer einen Unfall erst einmal überlebt, ist damit noch lange nicht gerettet: Andere Verkehrsteilnehmer scheuen sich oft davor zu helfen. Sie laufen sonst Gefahr, von Angehörigen der Opfer oder der Polizei beschuldigt zu werden, in den Unfall verwickelt gewesen zu sein. Das Straßentransport-Ministerium kommt zu dem wenig überraschenden Schluss: "Das Ausmaß der Straßenunfälle und Opfer in Indien ist alarmierend." Eine Entwarnung ist nicht in Sicht.

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