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05.12.2011

IRC Rallye: Eins auf die Pfütze bekommen

Franz Wittmann/IRC. Die Saison '10 läuft nicht nach Wunsch. Eine Ursachenforschung.

Franz Wittmann durchlebt zurzeit eine Situation, die man am ehesten mit "charakterbildend" beschreiben könnte: Zur Halbzeit der Intercontinental Rallye Challenge (IRC), neben der WRC (World Rallye Championship) die zweithöchste Bühne der Querdienstleistenden, sucht man den Namen des Niederösterreichers im Gesamtklassement nämlich vergebens. Drei Starts, drei Nullnummern, alle - und das ist das eher Unangenehme - nach Unfällen. Kein Wunder, dass die Stimmung im Lager Wittmanns düster-gedrückt ist. Man hat dort schon mehr gelacht.

Resignieren indes ist keine Option. Im Gegenteil: Wittmann hat sich im internationalen Rallyesport etabliert, Kenner der Szene attestieren ihm großes Talent, er gilt als pragmatisch, intelligent und leistungsorientiert. Dass nach drei Abflügen schwere Selbstzweifel dominieren, er unsonnig und ein biss'l verkrampft wirkt, wird daher niemanden ernsthaft verwundern.

Gute Kinderstube

Ob er will oder nicht, Wittmann muss akzeptieren, dass der Druck steigt. Ihn jetzt gleich abzuschreiben, wäre allerdings der falsche Weg.
So jung, wie der nun 26 Jahre alte Wittmann aussieht, traut man ihm kaum zu, bereits die Schule abgeschlossen zu haben, geschweige denn ein Rallyeauto - in diesem Fall einen Peugeot 207 S2000 - zu bewegen. Wenn ihn jemand begrüßt, steht er auf, er hat ein Auge für Details, die sein Umfeld betreffen, weil sein geistiges Aufnahmegerät permanent auf "On" geschaltet ist. Was dem nun in seiner zweiten IRC-Saison fahrenden Wittmann allerdings fehlt, ist Erfahrung.
Und genau da liegen die Probleme.

Mehr Kilometer

Wittmann verfügt zwar mit Interwetten über einen potenten Sponsor, auf den Bäumen wächst die Kohle aber trotzdem nicht. Das hat zur Folge, dass der WU-Student bei Weitem nicht so oft im Rallyeauto sitzt wie seine international erfahreneren Konkurrenten: Der zweifache Saisonsieger und Skoda-Werksfahrer Juho Hanninen etwa macht das ganze Jahr über nichts anderes, als den Fabia S2000 über Rallyepfade zu scheuchen - egal, ob beim Testen oder im Wettbewerb. Detto Hanninen-Teamkollege Jan Kopecky: Der Tscheche fährt parallel zur IRC auch noch die italienische Meisterschaft, und wenn er das nicht tut, leistet der Tscheche Entwicklungsarbeit in Form pausenloser Testerei. Wittmann hingegen fährt nur die ihm vertraglich zugesicherten Läufe, dazwischen studiert und arbeitet er an seiner körperlichen Fitness und nimmt PR-Termine wahr. Mit anderen Worten: Wittmann bräuchte Test- und vor allem Wettbewerbskilometer wie einen Bissen Brot. Und genau die hat er nicht.
Bleibt Sponsor Interwetten auch 2011 an Bord, ist davon auszugehen, dass Wittmann dann im dritten IRC-Jahr das Erfahrungsdefizit - vor allem auch jenes beim Erstellen des Schriebs, des sogenannten Gebetbuchs - egalisiert haben wird. Und nicht nur, so wie schon jetzt, schnelle SP-Zeiten in den Schotter oder Asphalt zu brennen imstande ist, sondern die Leistung konstant und über ein komplettes Rallye-Wochenende zu liefern.
Ein Lernprozess - irgendwann, wenn er den Speed im Griff hat, wird Wittmann Rallyes gewinnen. Man muss ihm nur ein biss'l Zeit geben.