News 03.12.2012

Kontinental-Verschiebung

Kontinental-Verschiebung
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IIASA. Warum CO2-Einsparungsziele für die künftigen globalen Herausforderungen nicht genügen.

„Business as usual reicht nicht mehr“, so Nebojsa Nakicenovic, Vizedirektor, auf der IIASA-Jubiläumstagung in Anbetracht der globalen Bevölkerungsexplosion, des Klimawandels und der immer knapperen Ressourcen. Die letzten 40 Jahre habe man über die Umweltkrise gesprochen, nun müsse gehandelt werden. Das internationale Institut für angewandte Systemanalyse IIASA in Laxenburg feiert heuer 40. Geburtstag und lud dafür eine Reihe von Nobelpreisträgern und Präsidenten internationaler Organisationen sowie Top-Wissenschaftler und Politiker in die Wiener Hofburg.


Die rund 800 Experten waren sich einig, dass weder die bisherige Strategie der Politik noch die aktuellen Technologien reichen, um die Herausforderungen bis 2050 zu lösen: Bevölkerungswachstum von heute 7 auf 10 Milliarden, wachsender Nahrungsmittel- und Trinkwassermangel, weiter steigende Verstädterung, explodierender Energiehunger bei gleichzeitig sich verschärfendem Klimawandel.
Obwohl etwa die Chinesen heute pro Kopf erst so viele Autos haben wie der Amerikaner vor dem 2. Weltkrieg, sind sie ob ihrer Zahl bereits die größten -Verursacher, noch vor den USA.

Weltweiter Energieverbrauch
© KURIER/Grafik

Die westliche Welt samt Europa kann China und anderen Schwellenländern ihren Wunsch nach besserem Leben nicht verwehren. Dringend notwendig sei es, eine Antwort auf die „tektonische Kraftverschiebung zwischen Asien und dem Westen“ zu finden. Es reiche auch nicht mehr, nur gegen den Klimawandel zu kämpfen, gleichzeitig müsse man sich auch auf die nicht mehr zu vermeidenden Schäden einstellen. Kurzfristig brächte die Erhöhung der Energieeffizienz bei Weitem am meisten und koste am wenigsten. Hier könnte Europa eine Vorreiterrolle einnehmen.


Die Wissenschaft könne, so IIASA-Experten, der Politik Grundlagen fürs Handeln erarbeiten, aber keine Anleitung geben. Eine der bisher umfassendsten Studien zur globalen Energieversorgung hat die IIASA mit 500 Forschern unter „Global Energy Assessment“ verfasst (www. globalenergyassessment.org) . Punkto Steuerpolitik meinte Nakicenovic: „Die Regierungen sollten das besteuern, was man nicht will – und nicht die Arbeit.“

Schweden hatte 2006 für 2020 den Ausstieg vom Öl-Zeitalter angekündigt. Doch bereits 2007, nach der Wahl, war wieder alles anders.
Dänemark ließ sich davon nicht abschrecken. Zusammen mit Wissenschaftlern erarbeitete eine Regierungskommission zwischen 2008 und 2010 ein Programm, wie Dänemark bis 2050 unabhängig von fossilem Kraftstoffen sein kann, auch beim Verkehr, so Klimaexpertin Katherine Richardson auf der IIASA-Tagung. Dänemark forciert besonders stark den Umstieg auf E-Mobilität sowie Fahrrad und Gehen.


Gemäß der Regierungs-Studie ist dieser Öl-Ausstieg kaum teurer als die steigende Importabhängigkeit von fossilen Kraftstoffen bis 2050 käme. Dank des Ausstiegs soll der -Ausstoß Dänemarks bis 2050 um 85 % gegenüber 2010 sinken. „Ganz -frei werden wir auch 2050 nicht sein können, weil etwa Plastik dann noch immer importiert werden wird“, so Richardson.
Der erste große Schritt soll 2020 erreicht sein, da sollen etwa 50 % des Stroms aus Windenergie erzeugt werden. Bereits jetzt kämen 20 % der Exporte aus „grüner“ Industrie. Dieser Erfolg zeigt, dass damit Arbeitsplätze geschaffen werden und Geld verdient wird. „Das erleichtert den Wandel im Land“, meinte Richardson.


Das Wichtigste für sie ist, dass die Menschheit akzeptiert, dass es Grenzen gibt, die Ressourcen begrenzt sind. „Wir verlieren den amerikanischen Traum der unbegrenzten Möglichkeiten.“ Hören damit auf, uns die Welt „untertan“ zu machen. Diese Erkenntnis sei relativ neu, auch für die Umweltschützer: „1992 in Rio wollte man noch nicht zugeben, dass es Grenzen gibt.“ Damals, vor 20 Jahren, wurde erstmals in einem internationalen Vertrag der Klimawandel als ernstes Problem bezeichnet und wurden die Staaten zum Handeln aufgefordert.
Beim Umgang mit Rohstoffen müssten wir uns am Geld orientieren: „Kein Mensch zahlt mehr als nötig. Bei Rohstoffen jedoch denkt niemand darüber nach.“

„Als 2000 die UNO die großen Ziele zur weltweiten Armutsbekämpfung festlegte, kam Energie nicht vor.“ Erst Jahre später erkannte man, dass zur Armutsbekämpfung auch Energie gehört. Nun passiere Ähnliches mit Wasser, so Kandeh K. Yumkella, Chef der UNIDO, Organisation der Vereinten Nationen für Industrielle Entwicklung.
Tatsächlich hängt das Thema Energieerzeugung ursächlich mit Flächenbedarf, Wasser und Klimawandel, aber auch Bevölkerungswachstum zusammen. Die ständig wachsende Weltbevölkerung von heute 7 auf 10 Milliarden bis 2050 benötigt entsprechend mehr Nahrungsmittel und somit mehr Land, vor allem aber Wasser.


Am schärfsten könnten sich die Probleme in Afrika zuspitzen, wo keinerlei Trendumkehr beim Bevölkerungswachstum zu sehen ist, so der Grundtenor der Redner auf der IIASA-Tagung. Bis 2100 wird die Verdreifachung der Afrikaner gegenüber heute auf 3,3 Milliarden erwartet, schon 2030 dürfte Afrika China überholen.
Das gefährdet auch das gigantische Energieprojekt „Desertec“. Dieses soll Europa vor allem mit Solarstrom versorgen. Neben vieler anderer Probleme kritisieren immer mehr Afrikaner, dass gerade Solaranlagen (für die Reinigung) viel Wasser brauchen, das tief aus der Wüste gepumpt wird, begrenzt und lebensnotwendig für die Nomaden ist. Windkraft könnte umweltverträglicher sein. Aber, so Kritiker: Warum soll Afrika überhaupt Energie nach Europa liefern, wenn es diese doch selbst dringend für seine wirtschaftliche Entwicklung braucht?

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(Kurier) Erstellt am 03.12.2012