News 07.04.2016

Mazda-Chef Kerle: "Man wollte Kontinuität haben"

Mazda-Chef Kerle: "Man wollte Kontinuität haben"
© ©helgebauer/WERk

Der scheidende Mazda-Austria-Chef über 35 Jahre Autogeschäft.

Mit seinen 35 Jahren bei Mazda Austria, die letzten 10 davon als Geschäftsführer, ist Günther Kerle einer der profundesten Kenner der heimischen Auto-Branche. Bevor er sich mit April in die Pension verabschiedet, hat er sich am Rande der Autoshow in New York zu einem ausführlichen Motor-KURIER-Gespräch Zeit genommen. Günther Kerle über ...

... seinen Weg ins Autogeschäft: "Ich bin ausgebildeter Kfz-Techniker und zunächst weg vom Auto in den industriellen Großhandel gegangen. Als sich dann bei Mazda eine Chance aufgetan hat, als Gebietsleiter für Westösterreich anzufangen, habe ich das gemacht. Aber damals mit 28 Jahren hätte ich mir nie gedacht, dass ich bei der Firma einmal in Pension gehen würde. Mein Vorteil war, dass wir zu Beginn zu keinem großen Konzern gehört haben, sondern ein Privatimporteur mit zwei Gesellschaftern waren. Der vom japanischen Miteigentümer Itochu gestellte Geschäftsführer wurde alle fünf Jahre ausgetauscht, manchmal auch der von der Girozentrale. Aber die Strategie der Japaner war: Man wollte nur den Kopf auswechseln und in der zweiten Ebene Kontinuität haben."... die traditionell starke Stellung von Mazda in Österreich: "Mazda hat sich schon in den 80er-Jahren hier als Volumensmarke etabliert, weil unsere damaligen Gesellschafter einverstanden damit waren, dass wir uns, auch wenn wir weniger Ertrag pro Auto machen, auf Stückzahlen konzentrieren, um einen soliden Grundstock zu legen. Und der Erfolg hat uns Recht gegeben. Wir waren bis auf wenige Ausnahmen immer die stärkste japanische Marke in Österreich. Und das, obwohl etwa Toyota weltweit wesentlich stärker ist."

... Änderungen auf dem Automarkt:"Früher war der Kunde viel stärker an das jeweilige Autohaus gebunden. Ein Händler, der seinen Kunden gut betreut hat, konnte davon ausgehen, dass der auch sein nächstes Auto bei ihm kauft. Das hat sich immer weiter zurückgebildet, was mit schneller und leichter verfügbarer Information zu tun hat. Aber der Kunde ist auch von der Autobranche selbst dazu erzogen worden, sich nur mehr über den Preis zu orientieren."

... die Herausforderungen für die Händler durch das Internet: "Damit haben sich viele sehr schwer getan und das hält zum Teil bis heute an. Zu Beginn konnten viele nicht damit umgehen, dass der Kunde schon alles weiß. Es gibt eben kein abgeschiedenes Tal mehr, in dem man nicht weiß, was ein Auto etwa in Wien kostet. Das war eine große Veränderung. Wir wurden auf Händlertagungen gefragt, was wir gegen das Internet tun würden. Schon allein die Frage zeigt, wie groß bei manchen das Problem war."

... den Trend zu immer mehr Tageszulassungen: "Damit hat man früher begonnen, um Auslaufmodelle besser verkaufen zu können. Dagegen war nichts zu sagen. Aber inzwischen hat das so zugenommen, dass es extrem schädlich für den Markt ist. Auch, weil 30 bis 40 % dieser Autos exportiert werden."

... den Umstieg der Auto-Anlieferung vom Zug auf den Lkw: "Das ist zwar vom Umweltaspekt her ein Horror, aber nachdem die Eisenbahn von Belgien nach Österreich immer so viele Ausfälle gehabt hat, hatten wir vor drei Jahren keine andere Möglichkeit, als auf Lkw-Anlieferung umzustellen. Schlimm ist, dass das mit dem Lkw, der 8 Autos oben hat, billiger ist, als mit dem Zug, der 200 Autos gleichzeitig bringt."

... die dunklen Zeiten von Mazda:"Als Mazda die Umstellung versäumt und Ford die Syndikatsmehrheit hatte, habe ich mir Sorgen um die Marke gemacht. Weil damals ist genau das passiert, was man auch heute bei manchen Ober-Gurus anderer Marken sehen kann. Ford hat begonnen, die designorientierte Marke Mazda 08/15-Autos bauen zu lassen und die 08/15-Marke Ford hat gleichzeitig das New-Edge-Design eingeführt. Und beide sind damit gescheitert."... die Probleme beim Aufbau der südosteuropäischen Märkte: "Die größte Herausforderung war der Start 1992 nach dem Zerfall Jugoslawiens. Das war einerseits unsere Chance, weil sonst hätten wir von Mazda nicht den Auftrag dazu bekommen. Anderseits war es schwierig, wenn man in ein Land fährt, wo noch überall die Sandsäcke an den Kreuzungen aufgetürmt sind mit den Maschinengewehren dahinter. Oder wenn man einen Händler hat in Kroatien und dann sieht man zu Hause in den Nachrichten einen roten Mazda 323 F, in dem ein Toter liegt, und den erkennt man dann als den Buchhalter dieses Händlers."

... den Abschied nach 35 Jahren: "Er fällt mir nicht schwer. Wohl auch, weil wir im Vorjahr wieder die Zehntausender-Grenze beim Absatz überschritten haben. Und es war immer mein erklärtes Ziel, das zu schaffen."

Kürzeln im Namen von Autos haben in Japan ja lange Tradition.

Daher dürfte es wohl nicht als größeres Problem empfunden worden sein, als man feststellte, dass man die Bezeichnung "Targa" (von Porsche seinerzeit für das Dach des 911 mit dem herausnehmbaren Mittelteil geprägt) für die neue Variante des MX-5 nicht verwenden konnte. Soviel zu dem für Europäer eher nichtssagenden Kürzel RF im Namen der in der Vorwoche auf der Autoshow in New York präsentierten zusätzlichen Variante des MX-5. Dabei stehen die beiden Buchstaben für "Retractable Fastback", was bedeutet, dass Teile des sportlichen Schräghecks weggeklappt werden können.

Verkaufs-Profi Günther Kerle (siehe Interview oben) in Kenntnis der heimischen Verhältnisse dazu: "Das werden wir wohl nicht zu übersetzen versuchen."

Ist auch nicht notwendig, denn im Volksmund dürfte der RT angesichts der Silhouette bei geöffnetem Dach ohnehin zum MX-5 Targa werden (in Unterscheidung zum klassischen Roadster mit Verdeck). Auch wenn in Wirklichkeit ein entscheidendes Element anders ist als beim Ur-Targa von Porsche.

Die Mazda-Ingenieure haben für den Klappmechanismus nämlich ein eigenes Patent entwickelt. Hier faltet sich eben nicht nur das Dachelement auf Knopfdruck nach hinten, gleichzeitig wird auch die Heckscheibe in kunstvollem Schwung weggeklappt. Nachdem sich der zunächst hochfahrende Deckel wieder über allem geschlossen hat, bleibt nur ein fixer Überrollbügel stehen. Statt der Heckscheibe sorgt ein kleines durchsichtiges Windschott für minimierte Turbulenzen.

Die ganze Dachakrobatik lässt sich dabei nicht nur bei stehendem Fahrzeug, sondern auch nach dem Anrollen bei bis zu 10 km/h vollenden. Und der Kofferraum bleibt von der ganzen Sache unbeeindruckt bei 130 Liter Ladevolumen – somit also ident wie beim Roadster. Was auch auf die Motorisierungsvarianten zutrifft. Zur Wahl stehen 130 oder 160 PS.

Bei uns ist der vor allem von der Seite und von hinten optisch bulliger als der zierliche Roadster wirkende Neuzugang gegen Ende des Jahres zu erwarten. Der Preis steht noch nicht fest.

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© /WERk/Mazda

Günther Kerle (63) trat vor 35 Jahren in die Dienste von Mazda Austria (damals im Besitz der Girozentrale und des japanischen Handelshauses C. Itoh, heute Itochu). Der in Hall in Tirol geborene, gelernte Kfz-Techniker startete als Gebietsleiter und übernahm nur zwei Jahre später die Verkaufsleitung von Mazda Austria. Ab 1990 war er maßgeblich am Aufbau der nach dem Ende des Jugoslawienkriegs von Mazda selbst übernommenen Märkte in Ost- und Südosteuropa beteiligt, die von Mazda Austria bis heute von Klagenfurt aus gemanagt werden. Seit 2006 war Kerle, der mit April in den Ruhestand tritt, Geschäftsführer von Mazda Austria.

(Kurier) Erstellt am 07.04.2016