© Martin Stollberg/McKinsey

Interview
03/06/2021

„Autofirmen werden zu Tech-Konzernen“

Der Tiroler Andreas Tschiesner berät Autofirmen in ganz Europa, ihre Zukunft sieht er „sehr disruptiv“

von Sandra Baierl

Andreas Tschiesner ist Senior Partner und Europa-Chef für den Automotive-Bereich (450 Mitarbeiter) bei McKinsey. Die europäischen Autokonzerne sind seine Kunden – mit ihnen entwickelt er Szenarien für die Zukunft.

KURIER: Herr Tschiesner, was wird aus den Autokonzernen, wie wir sie kennen?

Andreas Tschiesner: Ich glaube, sie werden eine sehr disruptive Zukunft haben. Heute ist die Autowelt klar: 15 große Hersteller teilen sich den Markt. Es wird weiter eine gewisse Anzahl an Herstellern geben, die den Wandel schaffen. In den nächsten 10 Jahren erwarten wir eine starke Dynamik mit neuen Autobauern wie Lucid Nio oder Fisker. Dazu kommen die großen Technologie- und Internetkonzerne wie Apple, Alphabet, Uber oder Alibaba aus China. Diese Anbieter werden vor allem Mobilitätsleistungen anbieten.

Viel Marktbewegung also.

Ja, wir sind am Anfang dieser Zukunft. Die Autoindustrie war einmal sehr konstant. Technologisch ist zwar was weiter gegangen, aber es waren immer die Gleichen, die für die Innovationskraft gesorgt haben.

Jetzt gibt es neue Themen. Wirkt fast so, als wären die Autokonzerne überrascht.

Von den Themen nicht, von der Geschwindigkeit schon. Es ist neu, wie Investoren derzeit in neue Player investieren. Der Kapitalmarkt investiert voll ins Risiko, es ist ein Setzen auf künftige Optionen und Profitpools. Das ist aktuell offenbar viel attraktiver als in bestehende Marktteilnehmer zu investieren. Diese Radikalität und Geschwindigkeit ist schon überraschend.

Wie schwer tun sich die Autohersteller mit dem Wandel ihrer Geschäftsfelder?

Ich glaube, dass die Autokonzerne das voll angenommen haben. Die strengen -Vorgaben sind da und diesen Wendepunkt hat die Industrie in ihre Pläne übernommen. Die Umwälzungen hin zu einer softwaregetriebenen Industrie, sind schwieriger für die Konzerne. Weil man viel umstellen und komplett umdenken muss. Da geht es nicht mehr um 80 Steuergeräte im Auto, sondern um Software. Da kann es zum Nachteil werden, wenn man mit einer 100-jährigen Geschichte kommt.

Wie sehr treibt hier Tesla?

Beim Software-Thema ist man in vielen Konzernen definitiv zu langsam. Da ist Tesla völlig anders und richtungsweisend. Die Innovationskraft von Elon Musk ist hier einmalig und Tesla ist sicher auf diesem Feld der Schrittmacher.

Eine Schablone für konventionelle Autokonzerne?

Das geht nicht. Tesla macht viel in eigener Wertschöpfung. Ich sehe künftig Partnerschaften von Autofirmen mit Tech-Konzernen.

Wofür genau werden Sie als Berater geholt?

Für ein Zukunftsbild, für die Vision, wo man in fünf, zehn Jahren sein will. Alle Vorstände in den Autofirmen haben eine klare Vorstellung. Aber die Organisation zu mobilisieren, dort liegt die Schwierigkeit. Ein Beispiel: Es geht nicht mehr um Verbrennungsmotoren, sondern um Batteriechemie. Da werden tausende Ingenieure neu qualifiziert werden müssen.

Das sind massive Einschnitte in der Belegschaft.

Das ist ein Riesenthema mit großen Differenzen. Mit den gut bezahlten Arbeitern ist viel gesellschaftliche Entwicklung einhergegangen – für die Menschen und ganze Regionen. Jetzt läuft es darauf hinaus, dass zukünftig weniger und wegen einer anderen Technologie auch in Teilen anderes Personal benötigt wird. Weniger Verbrennungsmotorenentwickler, mehr Softwareingenieure.

Ist auch für Sie der Elektroantrieb die Zukunft?

Wir wissen: Emissionsfrei ist die Zukunft. In den Batterieantrieb fließt am meisten Entwicklungsgeld. Technologieoffenheit muss und soll es aber geben. Für große Fahrzeuge und insbesondere für Nutzfahrzeuge ist die Brennstoffzelle sicher ein Thema. Ich glaube, es wird eine Koexistenz geben zwischen E-Fahrzeugen und Wasserstoffantrieben.

Obwohl Elektroautos noch Optimierung brauchen.

Wir vergleichen Elektroautos mit einer Technologie, die 120 Jahre optimiert wurde. Das ist nicht ganz fair. In der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre kommt die Feststoffbatterie, die schafft 30 bis 40 Prozent mehr Reichweite. Da wird es neue Entwicklungen geben, bei Haltbarkeit, Effizienz und Nachhaltigkeit.

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