News 21.02.2013

Mercedes: Gegenwind für den Weltmeister

Windkanal CLA Aerodynamik (C 117) 2013 © Bild: Werk7Daimler AG - Global Communicatio

Wie Mercedes mit viel Wind Verbrauch und Verschmutzung weiter senken will.

Auch wenn Modelle anderer Marken eher danach aussehen: In den aerodynamischen Disziplinen sieht sich Mercedes seit Jahrzehnten weltweit führend. Der neue CLA in der Blue-Efficiency-Version stellt mit einem cw-Wert von 0,22 und dem Luftwiderstand von 0,49 sogar einen neuen Weltrekord auf.

Mit der Windschlüpfigkeit erreichen die Entwickler gleich mehrere Vorteile: Je besser die Aerodynamik, desto geringer der Verbrauch, desto geringer die Verschmutzung und desto höher die Sicherheit.

Der Windkanal hilft auch, Formen zu finden, dass Autos möglichst wenig verschmutzen, besonders im Kernsichtbereich.
Verschmutzungstest GL-Klasse (X 166) 2012 © Bild: Werk/Daimler AG - Global Communicatio

Konkret bringt ein um 10 Tausendstel gesenkter cw-Wert dem Kunden eine gleich hohe Verbrauchssenkung wie eine um 35 kg leichtere Karosserie, nämlich fast 0,5 l/100 km auf der Autobahn, so Mercedes.

Was die Verschmutzung angeht, hat Mercedes den Ehrgeiz, dass auch bei Regen und vorausfahrenden Autos die Seitenscheiben und die Außenspiegelgläser, also der sogenannte Kernsichtbereich, sauber bleiben und nur vereinzelt Tröpfchen auftreten dürfen.

Dass eine gute Aerodynamik der Sicherheit dient, weil geringe Auftriebswerte die Straßenlage verbessern, weiß man aus dem Rennsport.

Zu den ausgezeichneten Aerodynamik-Werten kommt Mercedes vor allem über eine optimierte Unterbodenverkleidung, eine großflächige Hinterachsverkleidung, rahmenlose Türen, umfassende Maßnahmen bei den Radhäusern, vor allem den neuen patentierten geschlitzten Radspoilern.

Was künftige Verbesserungen angeht, geben sich die Stuttgarter Techniker zugeknöpft. Mehr Unterbodenverkleidung würde thermische Probleme verursachen, eine größere Radverkleidung ebenfalls. Auch verbesserte Oberflächen böten bei Autos nicht den Verbesserungseffekt wie etwa bei Flugzeugen.

Windige Irrtümer

Dass nicht jeder Durchbruch auch praxistauglich ist, zeigen Aerodynamik-Wunder wie der Alfa-Rennwagen des Grafen Marco Ricotti. Sein Tropfenwagen, der bei der Carozzeria Castagna in Mailand 1914 gebaut wurde, erreichte unter anderem dank seiner aerdynamischen Form mit 60 PS tatsächlich 139 km/h, allerdings war es in dem Alfa, dessen Fenster nicht zu öffnen waren, so heiß und laut, dass der Graf das Dach abschneiden ließ und den Rennwagen als Torpedo verwendete.

Alfa Rennwagen 1914 von Graf Ricotti: Aerodynamisch vorbildlich, aber innen zu heiß und zu laut.
Alfa Aerodynamik Graf Ricotti 1914 © Bild: Archiv/Alfa Romeo/Mondadori

Auch das an den strömungsoptimierten Kofferfisch angelehnte Mercedes-Forschungsauto Bionic fand bis dato nicht in die Serienentwicklung. Anders verhielt es sich bei dem Audi 100, der 1982 erstmals einen cw-Wert von 0,30 aufwies.

Aerodynamik erlebte jedenfalls immer dann größte Beachtung, wenn der Ölpreis in die Höhe schnellte.

Der Kofferfisch als aerodynamisches Ideal war Vorbild für den Forschungs-Mercedes Bionic (cw-Wert: 0,095).
Mercedes Forschungsauto Kofferfisch © Bild: Werk

Nach dem Ersten Weltkrieg profitierte die Autoentwicklung zudem von den zahlreichen Luftfahrt-Ingenieuren, die nach dem Krieg nicht mehr für den Flugzeugbau arbeiten durften und sich dem Auto zuwandten. Zwei der prominenten Vertreter waren Eduard Rumpler, der 1921 seinen Tropfenwagen präsentierte, und Paul Jaray, „Vater der Stromlinienform“. Optimiert wurde Jarays Idee von Wunibald Kamm, auch unter Antriebsexperten berühmt für seine Formel „Kamm’scher Kreis“. Unter Kamm begann in Stuttgart 1939 auch der Bau des 1. Windkanals von Mercedes, der nach wie vor genützt wird.

Doch neue Technologien erfordern laut Mercedes einen zusätzlichen Windkanal. Im Juni soll dieser eröffnet werden. Kernstück der 19 m langen Messstrecke des Windkanals ist das rund 90 t schwere Laufband-Waage-Systeme mit Drehscheibe. Die Windgeschwindigkeit erreicht maximal 265 km/h, dafür sind 5,5 Megawatt nötig. Für Messungen bei 140 km/h ist nur ein Achtel der Strommenge nötig. Sportfans rund um Stuttgart können somit aufatmen: Wurde es auf dem Fußballplatz doch immer wieder finster, wenn bei Daimler in der alten Anlage kräftig Wind gemacht wurde.

Erstellt am 21.02.2013