News
27.03.2017

Moto Guzzi MGX-21 Flying Fortress: Flugstunde

Es muss nicht immer Harley sein. Der auffälligste Bagger am Zweiradmarkt kommt derzeit vom Comer See.

Wer Bagger für mächtige Maschinen hält, die man vornehmlich in Baugruben antrifft, hat damit nur teilweise recht. Der Luxusliner aus Mandello del Lario wird zu einem solchen, weil er einer Welle folgt, die seit einigen Jahren über den Atlantik in Richtung Europa rollt. Motorrad-Bagger haben zumeist großvolumige Motoren, ein tiefes Heck mit integrierten Koffern, eine breite Frontverkleidung mit möglichst niedriger Scheibe und ein überdimensioniertes Vorderrad. Historisch kommt die Analogie aus einer Mischung des englischen Bag (Koffer, Tasche) und der großen Verkleidung über dem Lenker, die wie die angehobene Schaufel eines Baggers aussieht.

Ohne Frage wird damit Motorrädern vom Kaliber einer Harley-Davidson Road Glide Special etwas entgegengesetzt, die allerdings um gut 4000 Euro teurer ist und bei weitem nicht die Exklusivität der italienischen Flying Fortress mitbringt.

Erster Bagger von Guzzi

Der 1380 Kubik große V2-Motor produziert außergewöhnlich kultivierte 96 PS und gewaltige 121 Newtonmeter bei nur 3000 Umdrehungen mit einem satten Bass als Soundkulisse. Die hydraulisch betätigte Kupplung schickt den Fahrer schnell zum als Overdrive ausgelegten sechsten Gang, den man nur bei Spitzkehren und Ortsdurchfahrten verlassen muss.

Natürlich ist auch ein voll ausgestatteter Bagger nicht mit dem Superluxus einer Honda Gold Wing zu vergleichen, aber neben einem Entertainment-System sind immerhin ABS, eine justierbare Traktionskontrolle, Ride-by-Wire und Cruisecontrol an Bord. Der Windschutz funktioniert hervorragend für den Kopf und den kompletten Oberkörper, die Beine verstecken sich hingegen in typischer Guzzi-Manier hinter den seitlich abstehenden Zylindern.

Nachdem man sich in den extrem komfortablen Sattel der MGX-21 geschwungen hat, merkt man ihr die mit vollem 20,5-Liter-Tank doch spürbaren 358 Kilo an. Klar, dass ein Bagger keinen Handling-Bewerb gewinnt, schon gar nicht mit einem 21-Zoll-Vorderrad und 1700 Millimeter Radstand.

Ungewöhnlich fahraktiv

Tatsächlich ist das Fahrverhalten auf den ersten Metern gewöhnungsbedürftig, weil das Vorderrad bei ganz niedrigen Geschwindigkeiten – etwa im Stop-and-Go-Verkehr – eine gewisse Pendelneigung zeigt und diese an den Lenker weitergibt. Spätestens ab 20 Stundenkilometer ist das aber kein Thema mehr und sobald man sich auf kurvigen Asphalt begibt, staunt man über die enorme Spurtreue und die agilen Schräglagenwechsel. Die für Bagger ungewöhnlich fahraktive Sitzposition und sicher auch die Reifenwahl machen die MGX-21 im Überlandverkehr viel handlicher, als man es ihr auf den ersten Metern zutraut.

Moto Guzzi hat viel Arbeit in die Feinabstimmung des Fahrwerks investiert und verzichtet beispielsweise auf Trittbretter zugunsten herkömmlicher Fußraster, was zu besseren Möglichkeiten für die Gewichtsverlagerung führt. Wer die Trittbretter dennoch vermisst, kann sie als Originalzubehör nachrüsten.

Vom Feinsten sind die Bremsen der Flying Fortress. Die in Rot lackierten Vierkolbensättel von Brembo beißen fulminant in die 320er-Scheiben und lassen das Antiblockiersystem auch bei trockener Fahrbahn zum Einsatz kommen.

Wenn die nächste Alpenrundfahrt nicht nur gemütlich sei soll, sondern man auch wirklich auffallen will, gibt es für 27.999 Euro derzeit wohl keine bessere Wahl als Moto Guzzis fliegende Festung.