Pilotiertes Fahren

© Werk/Audi

Technik
02/10/2014

Pilotiertes Fahren: Wertvolle Erfahrung aus der Luftfahrt

Es zählt zu den absoluten Speerspitzen der Autotechnik. Wie Österreich davon profitiert.

von Maria Brandl

Im Vorjahr ging’s richtig los. Fast alle Autohersteller stellten Pläne über pilotiertes Fahren vor. Wer anmerkte, dass derzeit nicht einmal die Besten in der Oberliga fehlerfrei Tempolimits anzeigen könnten, wurde belehrt: In fünf Jahren sei pilotiertes Fahren in Serie, so auch Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg vor Kurzem.

Stefan Poledna, Mitbegründer der Wiener Hightech-Firma TTTech, nennt im Motor-KURIER-Gespräch mehrere Gründe dafür. TTTech ist ganz vorne mit dabei. Rund 70 TTTech-Mitarbeiter waren im Schnitt seit 2011 beim Projekt zFAS (zentrales Fahrerassistenzsteuergerät)von Audi mit der Entwicklung eines hochkomplexen Plattformsteuergeräts beschäftigt.

Dieses ist das Hirn für das geplante selbstfahrende Auto etwa während eines Staus. Noch vor einem Jahr füllte diese Technik den Kofferraum eines Audi, auf der jüngsten Konsumenten-Elektronik-Schau (CES) Anfang 2014 in Las Vegas war sie nur mehr so groß wie ein Laptop, in einem Jahr soll es auf das Format eines Tablets schrumpfen.

TTTech arbeitet seit Jahren auch im Flugbereich an solchen Themen. „Dort ist im Grunde die Aufgabenstellung sehr ähnlich“, so Poledna, „das kommt uns in dem Projekt mit Audi sehr zugute.“ Für Autos müssten solche Steuergeräte aber viel kompakter sein. Auch sei der Luftverkehr viel einfacher als der Autoverkehr mit seinen komplexen Strukturen und Milliarden an Teilnehmern.

In der Luftfahrt ist „Fly-by-wire“, automatisches Fliegen, längst Standard. Um auch bei Autofahrern für die nötige Akzeptanz für pilotiertes Fahren zu sorgen, müsste die neue Technik entsprechend zuverlässig, ausfallsicher, aber auch benutzerfreundlich und kostengünstig sein. Je autonomer das Autofahren werde, desto „stärker muss sich der Lenker auf die Technik verlassen können.“

Bei Audi soll als Erstes pilotiertes Fahren im Stau und beim Parken in wenigen Jahren in Serie gehen. Für diese beiden Funktionen hat Audi 2013 auch als erster Autohersteller der Welt eine Lizenz zum Testen im US-Staat Nevada erhalten.

Die nötigen Sensoren sind in Pkw mit modernen Assistenzsystemen bereits verbaut. Beim zentralen Steuergerät sind auch Fahrzeug-Fahrzeug- und Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation vorgesehen. Damit wird z. B. dem Lenker angezeigt, mit welchem Tempo er sich einer Ampel nähern soll, um die Grünphase zu erwischen. Die Möglichkeiten sind gigantisch. Ob und wann sie in Serie gehen können, hängt aber nicht nur von der Akzeptanz der Autofahrer, sondern etwa auch vom Ausbau der Mobilfunknetze ab.

„Stolz, hier ganz vorne dabei zu sein“

Er ist einer der führenden Entwickler fehlertoleranter echtzeitgesteuerter Systeme. Stefan Poledna darüber, ...

... warum pilotiertes Fahren gerade jetzt aktuell wird: Es gibt massive Fortschritte im Halbleiter- und Rechnerbereich, vielfach durch den Mobiltelefonbereich getrieben. Trotz enorm steigender Rechnerleistung sinkt der Strombedarf, was gerade fürs Auto sehr wichtig ist, auch weil man so weniger Wärme abführen muss. Zudem werden nötige Sensoren wie Laser, Radar, Kameras immer besser und billiger. Damit wird pilotiertes Fahren nicht nur technisch machbar, sondern auch serienfähig. Pilotiertes Fahren setzt nicht mehr einen Riesentopf am Autodach wie bisher voraus.

... welche Rechnerleistungen für pilotiertes Fahren nötig sind:Das in Las Vegas von Audi und TTTech vorgestellte zentrale Fahrerassistenzsteuergerät hat eine höhere Rechnerleistung als ein ganzer aktueller Audi A4. Unser Steuergerät kann 2,5 Milliarden Inputs pro Sekunde verarbeiten.

... ob durch pilotiertes Fahren individuelle Mobilität obsolet wird: Ich habe noch nie einen Reiz wahrgenommen, wenn ich morgens mit dem Auto im Stau stehe. Mit dem pilotierten Fahren kann ich die Zeit im Stau nützen, um mich z. B. auf die Arbeit vorzubereiten. Wenn jemand selbst fahren will, kann er das jederzeit tun.

... wie schnell sich die Funktion des pilotierten Fahrens zum Muss entwickeln kann:Die Marktdurchdringung kann schnell gehen. Einerseits, weil die Funktion nicht mehr kosten könnte als ein Assistenzsystempaket heute, anderseits durch den Zugewinn an Komfort für den Kunden. Zudem könnte der Einbau eines Teils solcher Funktionen künftig zum Erreichen von Bestnoten beim EuroNCAP-Crashtest nötig sein. Versicherungen könnten niedrigere Tarife dafür anbieten. Man kann damit auch in mehreren Ausbaustufen die Kapazität auf vorhandenen Straßen um ca. 30 % steigern.

... wer die Vorreiter sind: Alle großen Autohersteller arbeiten daran. Es handelt sich um eine der absoluten Speerspitzen der Autotechnik. Wir als TTTech sind sehr stolz, hier ganz vorne mit dabei zu sein. Damit werden in Österreich Arbeitsplätze in der Spitzentechnologie geschaffen.