© KURIER / Ad Raufer

Auto und Reise
06/06/2012

Routen für Genießer: Nordwestliches Mühlviertel

Zwischen steinhart und patzweich – rauh, aber einnehmend: Von Freistadt über Rohrbach nach Schwarzenberg, immer entlang des mystischen Böhmerwaldes.

von Ad Raufer

Wenn’s wahr ist, dass nicht nur mittelalterliche Silver Agers, sondern verstärkt auch junges Publikum etwas mit dem – mag sein, altmodischen – Begriff der Entschleunigung und dem damit im Zusammenhang stehenden Mit-der-Seele-Baumeln anfangen kann, dann hat das Mühlviertel, durch die Grenzöffnung zu Tschechien schon lang nicht mehr im Abseits, eine sonnige Zukunft.

Einen Gang zurückschalten, sich Zeit für Gefühle nehmen, zum inneren Gleichgewicht finden: Im Nordwesten Oberösterreichs ist das kein ausgebleichter Esoterik-Schmäh latzbehoster Gutmenschen, sondern gelebte Realität.

Die Gegend ist eine einsame und ernste Landschaft voller Zauber, fernab von Trubel und Hektik, ein kulturgeografisches Gesamtkunstwerk von herbem Charme: Rau, oft unberührt wirkend – und nicht selten ist sie es sogar.

Der Grenzbereich im Drei-Länder-Eck Österreich-Bayern-Tschechien eignet sich wie kaum ein anderes Gebiet zum ziellosen Flanieren. Es gibt zwar nur wenige touristische Musts, die man unbedingt gesehen haben sollte, aber das muss ja nicht unbedingt von Nachteil sein: Im Gegenzug trifft der Genussreisende nämlich auf intakte Natur, auf saftige Wiesen, dunkle Wälder und blubbernde Bäche. Und auf uraltes Kulturland, wo wenige größere Siedlungen weit voneinander getrennt sind und auf 400 Millionen Jahre altem Granit gebaute Drei- und Vierseithöfe auf Hügeln und Abhängen liegen wie Herrensitze.

Flüsse statt Mühlen

Geologisch gesehen der älteste Teil Österreichs, bezieht das Mühlviertel seinen Namen von der Großen, der Kleinen und der Steinernen Mühl, den drei Hauptflüssen, politisches wie wirtschaftliches Zentrum ist Freistadt, vom Babenbergerherzog Leopold VI. um 1220 gegründet. Reich an Flair und Ambiente, könnte die mittelalterliche Stadt – nächstes Jahr von April bis November Zentrum der oberösterreichischen Landesausstellung "Alte Spuren, Neue Wege" – glatt als Kulisse für einen Mantel- und Degenfilm dienen und bezaubert mit versteckten Innenhöfen, farbig bemalten Fassaden, renovierten Bürgerhäusern und gut erhaltenen Wehr- und Befestigungsanlagen. Sehenswert sind das aus dem 14. Jahrhundert stammende Schloss mit 50 Meter hohem Bergfried, Böhmer- und Linzertor sowie die Stadtpfarrkirche, eine 5-schiffige Basilika mit großartigem Chorgewölbe.

Eisenbahnnostalgiker sollten einen Abstecher nach Kerschbaum (nördlich von Freistadt) einplanen und eine kurze Fahrt mit der historischen Pferde-Eisenbahn unternehmen. Anschließend lohnt eine Einkehr ins renovierte Bahnhofswirtshaus auf einen "Gleishupfa", einem köstlichen Getränk aus Haferschnaps und Ribiselsirup, gekrönt von einem Schlagobershauberl (Öffnungszeiten: Sa., So. und Feiertag 13– 17 Uhr, August auch an Werktagen 14–16 Uhr; Tel.: 0 79 42/75 700).

Verlässt man Freistadt in westlicher Richtung auf der B38, so trifft man nach kurzer Fahrzeit auf den Moor- und Kneippkurort Bad Leonfelden. Der Ort mit der Wallfahrtskirche (1791) im Zentrum lockt mit erstklassiger, in den letzten Jahren kräftig ausgebauter Hotellerie und rund 500 Gästebetten, lobenswerterweise alle im gehobenen Viersterne-Segment.

Weiter entlang des Böhmerwalds, der übrigens auch als Location von Carl Maria v. Webers Oper "Der Freischütz" dient, sieht man schon von fern das auf einer Anhöhe über dem Tal gelegene und erstmals 1224 urkundlich erwähnte Schloss Helfenberg, von wo die Reise weiter nach Haslach, Zentrum der Mühlviertler Weberei, geht. Im alten Schulhaus neben der Kirche lohnt ein Stopp im Webereimuseum, das – unter anderem – darüber informiert, wie Textilien und Stoffe früher produziert wurden (Marktplatz 45, Tel.: 0 72 89/71 593, täglich von 9 bis 12 Uhr, gegen Voranmeldung auch zu anderen Zeiten).

Blick zum Nachbarn

Nächster Stopp – Rohrbach: Schön revitalisierte Bürgerhäuser, in dem auch das Rathaus aus dem Jahr 1450 untergebracht ist, Pfarrkirche (15. Jahrhundert) mit prächtigem Orgelwerk sowie die Dreifaltigkeitssäule auf dem Marktplatz. Wer weiter dem Südrand des Böhmerwaldes folgen will, muss gleich nach Rohrbach rechts abzweigen und auf der B 127 den Weg nach Schlägl wählen. Dort macht sich ein Aufenthalt aus zwei Gründen bezahlt: Erstens wegen des famosen Stiftskellers (siehe Kasten rechts) und zweitens wegen der 1218 gegründeten und im 17. Jahrhundert neu erbauten Prämonstratenserabtei samt der Stiftskirche Mariä Himmelfahrt; sehenswert sind vor allem die Kanzel (1646/’47) und das 1735 errichtete Chorgestühl. Vom Nachbarort Aigen führt die Straße nördlich aufwärts zum Moldaublick auf den 1041 Meter hohen Sulzberg. Wer die Gebühr von zwei Euro und die 137 beschwerlichen Stufen auf die 24 Meter hohe Plattform nicht scheut, wird mit einem ebenso unvergleichlichen wie atemberaubenden Blick auf den 42 Kilometer langen Lippener-Moldau-Stausee belohnt.

Ende mit Genuss

In Schwarzenberg, dicht an der bayerischen Grenze, erlebt der Tourist den End-, aber kulinarischen Höhepunkt der Route in Form des hochdekorierten Gasthauses Mühlböck, wo mitten in der so unglaublich ruhigen Landschaft, die Adalbert Stifter – gleich hinter der Grenze 1805 in Oberplan, dem heutigen Horni Plana geboren – auf vielen Seiten akribisch beschrieben hat, ein Wirtshaus liegt, in das nicht einzukehren einen schweren Fehler darstellt (siehe Kasten rechts) .

Das steinharte, aber herzliche Granit- und Gneishochland als Erlebnisbühne für eine ursprüngliche wie außergewöhnliche Landschaft: Die, die nicht eilig durchfahren, sondern sich Zeit nehmen und ein paar Tage bleiben, weil es ihnen patzweich ums Herz geworden ist, treffen keine schlechte Wahl.

Mehr Infos: www.oberoesterreich.at & www.muehlviertel-kernland.at

Leben entlang der Route

In einer Zeit der Kurzlebigkeit und der Unpersönlichkeit sind Qualität und individueller Service wertvoll gewordene Auszeichnungen. "In unserem Gasthof steht der Gast im Mittelpunkt" sagt denn auch folgerichtig Heidi Blumauer, Chefin des gleichnamigen Betriebs in Rainbach (Marktplatz 8, Tel.: 0 79 49/6243, blumauer.at); 2010 wurden alle Zimmer auf neuesten Stand gebracht, geboten werden gute bodenständige Küche, feines Freistädter Bier, eine ordentliche Weinkarte und freundliche, unprätentiöse Gastfreundschaft; Kegelbahn, Sauna sowie Seminarräume mit dementsprechender Infrastruktur.

Freistadt: Hotel Goldener Hirsch (Böhmergasse 8– 10, Tel.: 0 79 42/722 58): Gasthof seit 1716, schöner Gastgarten; Hotel Goldener Adler (Salzgasse 1, Tel.: 0 79 42/72 112): Ehemalige Brauerei mit reichhaltigem Bierangebot, Gastgarten, seit 200 Jahren in Familienbesitz; Gasthaus Vis á Vis (Salzgasse 13, Tel.: 0 79 42/74 293): Bodenständige Küche aus der Region, schöner Gastgarten; Lubinger (Hauptplatz 10, Tel.: 0 79 42/72 686): Café im mittelalterlichen Gewölbe, Mehlspeis’- und Lebkuchenspezialitäten, nette Terrasse;

Bad Leonfelden: Café Kastner (Hauptplatz 26, Tel.: 0 7213/8800): Älteste Konditorei Österreichs (gegründet im Jahr 1559), köstliche Mehlspeisen, gesamtes Angebot aus eigener Produktion;

Aigen: Gasthaus Bärnsteinhof (Marktplatz 12, Tel.: 0 72 81/62 45): Küche auf höchstem Niveau, reichhaltige Weinkarte, Gastgarten, Edelbrände.

Schlägl: Stiftskeller (Schlägl 1, Tel.: 0 72 81/880 1280): Erlebnisgastronomie rund ums Bier, Bierspezialitäten (Urquell, Bio-Roggen, Malz-König), schöner Schanigarten.

Schwarzenberg: Mühlböck (Schwarzenberg 136, Tel.: 0 72 80/286): eine Gault-&-Millau-Haube, Angusrindfleisch aus eigener Landwirtschaft, engagierter Service, regionalbetonte Küche, tolle Weinauswahl von (nahezu) allen renommierten heimischen Winzern.