McLaren 720S

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Fahrbericht
05/08/2017

McLaren 720S: Die Perfektion des süßen Wahnsinns

Erste Ausfahrt mit dem nochmals erstarkten, leichteren und dabei erstaunlich alltagstauglichen Supersportwagen.

von Peter Schönlaub

Am Ende der Präsentation stellt McLaren-Pressesprecher Wayne Bruce die Frage: Was ihm wohl selbst beim 720S am besten gefalle? Wir rätseln: die neue variable Drift-Kontrolle? Der weiterentwickelte Heckspoiler mit drei Betriebsmodi? Das Data Tracking, bei dem eine im Dach eingebaute Kamera von innen filmt? Alles falsch: Wayne gefällt, dass sich die kleinen Fächer an den Innenseiten der Flügeltüren bei deren Aufschwingen automatisch verschließen. So kann das darin aufbewahrte Kleinzeug nicht versehentlich am Asphalt zerschellen.

Was im ersten Moment pitzelig klingt, offenbart im Lauf der Testfahrt eine programmatische Geisteshaltung, die für das gesamte Auto gilt. Klar steht die Performance im Vordergrund – was sonst bei einem Supercar mit nunmehr irren 720 PS? –, doch abseits des süßen Wahnsinns, der sich ohnehin nur auf einer Rennstrecke ausleben lässt, will der neue McLaren auch im Alltag Maßstäbe setzen: mit ungewöhnlichem Komfort, geschmeidigem Ansprechverhalten, einer gläsern-luftigen Kabine und überraschend stattlichem Gepäckvolumen. Unter die vordere Haube passen 150, unter die Glaskuppel hinter den Sitzen nochmals 200 Liter.

Bevor wir damit auf eine falsche Fährte locken, kurz eine Einordnung des Autos: Mit dem 720S erneuert McLaren das Herzstück seines Portfolios, die Super Series. Sie stand am Anfang einer Erfolgsgeschichte, die im Jahr 2011 begann. Der MP4-12C war der erste straßenzugelassene McLaren im neuen Jahrtausend, wurde später zum 650S weiterentwickelt. Dieser wird nun vom 720S abgelöst, wobei die Ingenieure betonen, dass es sich um kein Facelift handelt: 91 Prozent aller Komponenten seien neu, darunter so wesentliche wie das Carbonchassis. Im Gegensatz zum Vorgänger wird nämlich nun auch die Dachpartie in diesen Sicherheitskäfig inkludiert, aus dem Mono-Cell wird ein Mono-Cage.

McLaren 720 S

McLaren 720 S

McLaren 720 S  

McLaren 720 S

McLaren 720 S

McLaren 720 S

McLaren 720 S

Flügeltüren

Besonders viel Liebe steckten die Ingenieure auch in die Flügeltüren, deutlich über Waynes geliebte Verschließbarkeit der Innenfächer hinaus. Sie reichen weiter in den Dachbereich, erleichtern so das Ein- und Aussteigen. Außerdem brauchen sie seitlich weit weniger Platz zum Aufschwingen, was das Parken in engen Lücken erleichtert.

Natürlich wurde an der Aerodynamik gefeilt, man spricht von einer verdoppelten Effizienz, und auch beim Antrieb wird ein neues Kapitel aufgeschlagen: Der V8-Biturbo-Motor wuchs von 3,8 auf 4,0 Liter Hubraum, die Leistung von 650 auf 720 PS. Damit sind – auch dank eines um 18 auf 1283 Kilo gesunkenen Trockengewichts – atemberaubende Fahrleistungen möglich: Beschleunigung auf 100 aus dem Stand in 2,9, auf 200 in 7,8 und auf 300 Stundenkilometer in 21,4 Sekunden – vier Sekunden schneller als der Vorgänger! Trotzdem sank der Normverbrauch deutlich auf 10,7 Liter, die CO2-Emission auf 249 g/km.

Spieltrieb und Experimentierfreudigkeit sind gute Voraussetzungen für den Betrieb des McLaren 720S, denn praktisch alles lässt sich verstellen: Vom neuen elektronischen Fahrwerk über Motor, Schaltzeiten des 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebes, Traktions- und Stabilitätskontrolle, Wirkungsweise des Spoilers bis hin zum Driftwinkel, der vom ESC toleriert wird. Bedienbar ist diese Fülle an Funktionen über zwei hochauflösende TFT-Diplays, einmal in der Mittelkonsole, einmal hinter dem Lenkrad. Besonderer Gag: Das Cockpit dreht sich im Track-Modus um 90 Grad, auf der schmalen Seite wird eine minimalistische Ansicht für den Rennstreckenbetrieb sichtbar.

Einfache Bedienung

Keine Frage: Um sich dieses Auto im Detail zu erschließen und die weit aus der Alltagsrealität gerückten Grenzen auszuloten, braucht es Zeit. Man kann es sich aber auch einfach machen, was im 720S leichter funktioniert als in anderen Supercars: Alle Parameter auf Komfort und das Getriebe auf "Automatik" geschaltet gleitet man völlig unkompliziert und mit Komfort dahin. Superbe Sitze, beste Übersicht und eine Bedienung, die der gewohnten Logik in Alltagsautos entspricht, entheben einem der Pflicht, vor der ersten Ausfahrt zunächst einmal das Handbuch zu memorieren.

So könnte man fast vergessen, auf welchem Vulkan man sitzt. Aber nur fast – denn eine entschlossene Fußbewegung führt sofort zurück in die Supercar-Welt mit infernalischer Leistung und abgehobenen Dimensionen. Auch in der preislichen Verankerung.

Das himmlische Vergnügen, einen höllischen McLaren 720S zu fahren, beginnt bei rund 315.000 Euro.

Eine Erfolgsgeschichte

Die Autosparte des britischen Rennstalls wurde 2010 gegründet, 2011 kam das erste Modell auf den Markt. Mittlerweile ist McLaren Automotive in 30 Ländern mit 80 Händlern aktiv, 2016 wurden rund 3200 Autos gebaut und verkauft. Besonders stolz ist man darauf, dass man seit 2014 Gewinne schreibt und 25 bis 30 Prozent des Umsatzes in die Forschung und Entwicklung investiert. Im heurigen Jahr will man bereits rund 4000 Fahrzeuge absetzen, mittelfristig 5000. Damit soll der Wachstumskurs beendet sein: Höhere Stückzahlen vertragen sich laut McLaren nicht mit der Exklusivität der Marke, außerdem sei die Kapazität des Werks in Surrey, wo man seit kurzem eine zweite Schicht fährt, danach erschöpft. In den kommenden fünf Jahren will man 14 neue Modelle und Derivate lancieren, mehr als die Hälfte davon sollen einen Hybridantrieb haben. McLaren arbeitet überdies auch an einem reinen Elektro-Sportwagen.

Zur Situation in Österreich: Nach Rückzug der Firma Denzel (die weiterhin als offizielle McLaren-Werkstatt Wartungs- und Reparaturarbeiten durchführt) gibt es derzeit keinen heimischen Händlerbetrieb. Fahrzeuge können über ausländische Händler bezogen werden, zukünftig (frühestens ab 2018) soll es auch wieder einen österreichischen Stützpunkt geben.