News 06.12.2017

VW: Vergeben und vergessen

VW: Vergeben und vergessen
© WERK

Zwei Jahre nach Diesel-Gate legt VW in den USA bei den Verkäufen wieder zu. Was sich seither geändert hat.

Amerikaner sind nicht nachtragend. Und sie lieben Comeback-Geschichten. Beides spielt Hinrich Woebcken in die Karten. Der 2016 von BMW geholte Manager ist nicht nur Chef der Region Nordamerika des VW-Konzerns für alle Marken außer Porsche, sondern kümmert sich vor allem um die Marke Volkswagen in den USA. Und da hat er auf der Autoshow in Los Angeles eben so eine Comeback-Geschichte zu erzählen.

Woebcken zum Motor-KURIER: „ VW hat heuer bis Oktober im Vergleich zum Vorjahr die Verkäufe um 9,4 % steigern können.“ Zusatz: „Und das bei einem leicht rückläufigen Gesamtmarkt. Das heißt, wir wachsen gegen den Markttrend.“ So erfreulich das für die Konzernzentrale in Wolfsburg auch sein mag, angesichts der absoluten Zahlen relativiert sich das Bild etwas. Die bis Oktober verkauften 280.000 Stück nehmen sich auf einem Markt von rund 16 Millionen Autos pro Jahr noch immer sehr überschaubar aus. Aber die Dauerbaustelle USA bestand für VW ja schon vor dem Abgas-Skandal. Selbst als sich der Konzern aufmachte, an die Spitze der weltgrößten Hersteller zu gelangen, hinkte das US-Geschäft beständig hinter den Erwartungen nach.

Die Gründe dafür glaubt man nun endlich eliminiert zu haben. Durch die Neuaufstellung des Konzerns in Folge des Diesel-Skandals ist Hinrich Woebcken nun der erste VW-Chef in den USA, der nicht nur die Verantwortung für seinen Markt trägt, sondern auch die notwendigen Entscheidungen dafür direkt in Nordamerika treffen und somit besser auf den Markt reagieren kann. Erstes sichtbares Zeichen dafür ist der nur für die USA gebaute Atlas, ein siebensitziges SUV, das genau auf die Marktbedürfnisse zugeschnitten ist. Ihm folgte im Herbst die Langversion des Tiguan als zweite VW-Premiere. Damit ist auch schon der künftige Rhythmus vorgegeben. Woebcken, eines der bisherigen größten Mankos von VW auf dem von ständigen Neuvorstellungen getriebenen Markt ansprechend: „Wir werden von jetzt an jedes Jahr zwei vollkommen neue Modelle auf den Markt bringen.

Im Jänner auf der Show in Detroit präsentieren wir den nächsten Jetta, dem dann in der Mitte des Jahres der Arteon folgen wird.“ Sei man bisher in den USA als Nischen-Anbieter von eher kleinen Modellen gesehen worden, wolle man sich in Hinkunft als „relevanter Volumen-Anbieter“ aufstellen. Die Frage, ob man damit früher oder später auch einen großen Pick-up anbieten werde müssen, verneint Woeb cken: „Das ist ein sehr patriotisches Segment in den USA, in dem man als ausländischer Hersteller nur schwer Fuß fassen kann.“ Größere Chancen sieht er bei den kleineren SUV, wo unterhalb des siebensitzigen Tiguan noch Platz wäre für ein günstiges Modell.

Kein Diesel mehr

Das Thema Diesel sei für VW in den USA jedenfalls beendet. Auch wenn das Abgasthema technisch gelöst sei und der Dieselmotor im Gesamtkonzern weiter eine Rolle spielen werde. Hingegen sind die Pläne für die Einführung Batterie-elektrischer Modelle von VW in den USA bereits konkret. So konnte Woebcken gemeinsam mit VW-Verkaufs-Vorstand Jürgen Strackmann in Los Angeles verkünden, dass ein auf der E-Auto-Studie I.D. Crozz basierendes Modell als erstes Elektro-Auto von VW für die USA 2020 auf den Markt kommen werde.

Gefolgt 2022 von der Serienversion der Studie Micro-Buzz als rein elektrisch angetriebene Reminiszenz an den legendären VW-Bus vulgo Bulli. Beide Modelle können als Zeichen dafür gesehen werden, welche gravierenden Veränderungen die Erschütterung des Konzerns durch Dieselgate ausgelöst haben. Jürgen Strackmann: „Der Diesel-Skandal markiert einen Wendepunkt für VW. Dadurch wurden radikale Entscheidungen, wie etwa, alle Kräfte auf die Entwicklung des modularen Elektro-Baukastens zu konzentrieren, wesentlich schneller getroffen.“

Und damit hat Hinrich Woebcken den Amerikanern nicht nur eine Comeback-Geschichte zu erzählen, sondern kann auch ein derzeit besonders beliebtes Zukunftsthema namens Elektrifizierung besetzen. Und das sollte auch helfen, die konventionell motorisierten VW-Modelle noch besser an die US-Kundschaft zu bringen.

(Kurier) Erstellt am 06.12.2017