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Service
04/05/2019

Elektroautos als Gebrauchte: Das sollte man beachten

Die Experten vom deutschen TÜV Süd geben Tipps, worauf beim Kauf von gebrauchten E-Autos zu achten ist.

Elektroautos sind, vor allem wenn sie neu angeschafft werden, als andere als günstig. Wenn man nicht all zuviel Geld ausgeben möchte, kann man - analog zu den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor - nach einem Gebrauchten Ausschau halten. 

Aber worauf gilt es zu achten, wenn man ein Auto kauft, das statt einem Diesel oder Benziner einen Elektromotor unter der Haube hat? Und wo die Batterie das teuerste und wesentlichste Bauteil ist.

Laufleistung

Laufleistung, Ölverlust, Bremse und Lenkung: Die Knackpunkte beim Kauf eines Verbrenners sind Autofahrern geläufig. Gelten fürs Elektroauto dieselben Regeln? Dazu Volker Blandow, Global Head E-Mobility TÜV SÜD: „Die Laufleistung spielt beim Elektrofahrzeug, zumindest für die Zuverlässigkeit des Antriebsstrangs, eine untergeordnete Rolle. Eine Million Kilometer oder mehr sind kein Problem – und das komplett wartungsfrei und praktisch ohne nennenswerten Verschleiß.“ Die Bremsen halten beim Stromer in der Regel ebenfalls länger. Dafür sorgt die Rekuperation, bei der die „Motorbremse“ Energie in die Batterie zurückführt und dabei für einen ordentlichen Bremseffekt sorgt – ohne dafür das Bremspedal zu treten. Komponenten wie das Ladekabel oder die Ladebuchse sollten Kaufinteressenten dagegen genauer unter die Lupe nehmen: „Allgemein bietet sich beim Elektrokauf eine Überprüfung beim markenspezifischen Händler an“, sagt Blandow.

Batterie

Der Akkumulator ist die wichtigste und teuerste Komponente im Elektroauto. Ihr Zustand steht ganz oben auf der Checkliste beim Kauf eines Gebrauchten. Die Fahrzeugelektronik sorgt zwar grundsätzlich dafür, dass die Batterie vor zu hohen Belastungen geschützt ist. Trotzdem haben beispielsweise Art und Häufigkeit der Ladungen Auswirkungen auf Haltbarkeit und Leistung. Markenhändler können in der Regel einen Zustandsbericht zur Batterie im Fahrzeug generieren. Darin werden zum Beispiel die Anzahl der Schnellladevorgänge gezählt und es wird die Restkapazität ermittelt. Blandow: „Die Werte geben erste wichtige Hinweise für Interessenten und die Prüfung sollte auf jeden Fall durchgeführt werden. Den wirklichen Gesundheitszustand kann man aber nur durch umfangreiche Messungen ermitteln.“ Also lieber gleich die Finger weglassen? „Nein“, sagt Blandow. „Unsere Erfahrung ist, dass die Batterien sogar besser halten, als viele Hersteller sagen. Nach mehr als 200.000 Kilometern Laufleistung und sieben bis acht Betriebsjahren sind viele Akkus häufig noch mit 80-90 Prozent ihrer Anfangskapazität in Betrieb. Daraus ergibt sich eine hohe Zyklenfestigkeit und eine sehr geringe Alterung.“ Grundsätzlich raten die TÜV SÜD-Experten zu einem Auto, das regelmäßig gefahren wurde. „Das ist fast wie bei einem Verbrennungsmotor, wenn das Fahrzeug oft wochenlang nicht bewegt wird“, sagt Blandow.

Laden

Nur in absoluten Notfällen sollte man an der normalen Steckdose laden. Eine 11 kW-Wallbox in der Garage oder am Parkplatz ist da sehr empfehlenswert. Damit lassen sich alle Fahrzeugtypen sinnvoll laden. Aktuelle Elektroautos haben in der Regel größere Batterien mit 11 kW oder optional sogar 22 kW-Ladern, meist in Flottenfahrzeugen, verbaut. Elektroautos der ersten und zweiten Generation hatten dagegen meistens nur einen 3,7 kW-Lader, der sogar an einer einzelnen Phase betrieben werden kann. Für schnelleres Laden mit Gleichstrom steigt die Zahl der öffentlichen Schnelllader quasi täglich, auf Autobahnen werden die superschnellen Ladestationen (HPC 150) aktuell flächendeckend errichtet. Die meisten gebrauchten E-Fahrzeuge können diese allerdings nur bis zur Grenze von 50 kW nutzen, da nur neuere Modelle diese hohen Ladeströme nutzen können. Aber selbst bei 50 kW reichen 15-20 Minuten für mindestens 100 weitere Kilometer.

Und im Winter?

Die Batterietechnologie ist winterfest. Länder wie Norwegen machen’s vor: Mehr als 40 Prozent der Neuwagenkäufer entscheiden sich dort inzwischen für den Kauf eines Elektroautos (2018). Wer das Fahrzeug daheim lädt, sollte es vorheizen so lange es noch an der Steckdose hängt, das lässt sich bequem per App vom Frühstückstisch aus erledigen, dann startet man warm und mit voller Batterie. Sitz- und Lenkradheizung verbrauchen weniger Energie als die Innenraumheizung, die dann ein paar Grad niedriger eingestellt werden kann, ohne dass es an Behaglichkeit mangelt. Neuere Fahrzeuge nutzen effizientere Heiztechnik wie Wärmepumpen, hier sollte man den Verkäufer um Rat fragen. Bei ganz extremer Kälte büßt die Batterie etwas an Dynamik ein, das heißt, es lässt sich nicht ganz so dynamisch beschleunigen wie gewohnt und auch die elektrische Bremsleistung kann sich leicht verändern. Blandow: „Keine Sorge, die Beschleunigung ist immer noch zügiger als mit jedem Verbrenner!“

Sonstiges

Ja – mit diesen Informationen kann jeder problemlos ein Elektroauto kaufen. Je mehr die Fahrdynamik elektrisch und elektronisch geregelt wird, desto weniger mechanische Komponenten, wie Differentiale und Getriebe, werden überhaupt noch benötigt. Wenn zwei achsnahe Elektromotoren verbaut werden, kann selbst ein Differential elektronisch simuliert werden. Damit lässt sich ein Elektroantrieb nahezu verschleißfrei und auch schmierstofffrei betreiben – ein zusätzliches Plus für den E-Autofahrer. Denn die Inspektion der Zukunft wird beim Elektroauto im Wesentlichen eine Software basierte Datenanalyse sein. Bei Fahrzeugen, die ihre Daten in die „Cloud“ liefern, entfällt eigentlich sogar dieser Schritt. Die Mobilität mit dem Pkw wird problemloser und nahezu wartungsfrei.

Ansonsten gelten die gleichen Regeln wie beim konventionellen Gebrauchtkauf auch. Allgemeinzustand und Laufleistung sind (außer was den Motor betrifft) natürlich weiter ein Kriterium. Einzelne Bauteile, wie etwa Stoßdämpfer, verschleißen genauso wie beim Verbrenner. Blandow: „Lediglich die Reifen sind ein Thema. Das extrem hohe Drehmoment sorgt für erhöhten Verschleiß – schlicht, weil der Ampelstart so viel Spaß macht.“