© Luiza Puiu

Interview
07/11/2021

Mobilitätsexpertin: „Ich bin nicht gegen Autos“

Katja Schechtner entwickelt Strategien und Technologien, die Städte in Bewegung halten. Autos müssten raus aus der Stadt

von Andrea Hlinka

Fast jede Woche verlautbart ein Autohersteller den Ausstieg aus der Verbrennertechnologie – zumindest in Europa. Das wird nicht reichen, um die Klimakrise abzuwenden, wie die Mobilitätsexpertin Katja Schechtner weiß. Was außerdem nötig ist und welche Trends sie beobachtet, erzählt sie im KURIER-Gespräch.

KURIER: Es wird manchmal der Eindruck erweckt, als sei der Umstieg auf die Elektromobilität das Mittel gegen die Klimakrise. Ist sie das?

Katja Schechtner: Alleine? Natürlich nicht! Ich bekomme immer die Frage gestellt, welche drei Punkte man richtig machen muss. Es gibt diese drei Punkte nicht. Es sind Hunderte. Mobilität ist komplex. Wenn Sie nur eine U-Bahn in eine Stadt bauen und sonst nur Autos fördern, wird sich nichts ändern. Wenn Sie Wege nur für alte Menschen bauen, hilft das auch nichts. Es ist einfach kompliziert und kompliziert einfach.

Klingt nach vielen Schrauben, an denen man drehen muss.

Das ist das Erfreuliche an der Digitalisierung. Wir können mehr steuern. Wir können in Simulationsmodellen verschiedene Szenarien darstellen. Zum Beispiel geht in Wien in manchen Straßen um 1.40 Uhr nachts jede zweite Straßenlampe aus. Das könnten wir viel genauer machen und weniger Energie verbrauchen.

Wie schafft man es, dass Menschen ihr Verhalten ändern? Etwa in der Stadt mehr mit den Öffis fahren?

Die großen Verhaltensänderungen finden dann statt, wenn sich etwas bedeutendes im Leben ändert. Wenn zum Beispiel ein Kind kommt. Da muss das Angebot einfach passen, damit man weiter Öffi fährt, zum Beispiel dank Niederflureinstiege in Straßenbahnen. Aber es bedarf auch regulatorischer Maßnahmen, ganz klar. Schon ein Teleworking Day würde viel weniger Verkehr bedeuten. Oder: Wenn ich nach London in die Stadt mit dem Auto fahren will, muss ich dafür zahlen. Die Menschen passen ihr Verhalten an und schimpfen darüber. Die, die dort wohnen, stellen aber fest, dass es weniger laut ist und dass man auch ohne Auto gut durch die Stadt kommt. Wir wollen niemandem am Land das Auto wegnehmen – aber auch dort braucht keiner fünf Kraxn.

Sie arbeiten international. In welcher Stadt funktioniert das Mobilitätskonzept gut? In welcher schlecht?

Ich habe ein gutes Beispiel, das ist Wien. Und ich habe ein Schlechtes: Wien. Es ist super, mit welcher Sorgfalt neue Viertel geplant werden. Aber wenn ich in Wien bin, frage ich mich immer, ob alle Menschen, die da in ihren Autos herumfahren, gerade pendeln, krank sind und ins AKH fahren müssen oder ein Sofa transportieren. Ich verstehe kein einziges Auto in der Wiener Innenstadt, außer für den Güterverkehr oder wegen der oben genannten Gründe. Autofahren in der Stadt ist zu günstig und müsste teurer gemacht werden. Ich bin nicht gegen Autos. Es ist eine super Technologieentwicklung. Aber sie muss vernünftig eingesetzt werden.

Wie hat die Pandemie die Mobilität verändert?

Wir haben seit Jahren einen Trend zu weniger Menschen, die den Führerschein machen und zu weniger Autos. Wir haben aber noch keine Zahlen zu den Pandemiefolgen. Ob die Fridays for Future-Generation das Verhalten auch langfristig umstellt? Ich hoffe es sehr. Ich sehe die Ernsthaftigkeit jedenfalls in meinem Umfeld.

Welches Mobilitätsthema wird Sie in den nächsten zehn Jahren beschäftigen?

Der Schwerpunkt wird sein, wie man das, was technologisch möglich ist und wo Gesetze und Regulierung bereits ausformuliert wurden, noch besser im Hintergrund steuern kann, damit es im Vordergrund für die BürgerInnen einfacher wird. Damit Menschen ihr Ziel einfacher und komfortabler erreichen.

Wie sieht Mobilität dann aus?

Ein Konzept ist Mobility as a Service. Da geht man weg vom eigenen Auto oder Fahrrad etc. Es gibt eine Mobilitätskarte und über die nutze ich, was ich gerade brauche: Den Ikea-Kleinlaster, ein Sammeltaxi, eine Möglichkeit über das Wochenende zu verreisen. Wir dürfen Mobilität nicht als Ding sehen, sondern das System. Ein Beispiel: Alle reden bei E-Mobilität über Autos. Aber viel wichtiger ist, dass das System dahinter funktioniert.

Die Österreicherin forscht am berühmten  MIT in Boston. Sie entwickelt Strategien und Technologien, die  Städte in Bewegung halten. Zudem ist sie stv. Aufsichtsratsvorsitzende des AIT (Austrian Institute of Technology) und im Aufsichtsrat der OENPAY (Fintech Innovation Tochter der Österreichischen Nationalbank). Zuletzt konzipierte und verhandelte sie Technologie- und Innovationspolitik bei der OECD in Frankreich, setzte für die Asian Development Bank Verkehrstechnologieprojekte in asiatischen Großstädten um und baute davor am AIT in Wien eine Mobilitätsforschungsabteilung auf. Sie berät global Regierungen, Entwicklungsbanken, Unternehmen und Start-Ups, ist Aufsichtsrätin internationaler Unternehmen, lehrt an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten, publiziert ihre Arbeit in wissenschaftlichen und populaeren Medien und kuratiert Ausstellungen im Bereich Stadt & Technologie. 

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