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07/05/2020

ÖAMTC-Studie: So gefährlich ist Ablenkung im Straßenverkehr

Beim Test wurden gravierende Spurhaltefehler, veränderte Fahrdynamik und reduzierte Anhalte-Bereitschaft festgestellt.

In der Unfallstatistik 2019 zählte Unachtsamkeit/Ablenkung mit 31,4 Prozent weiterhin zu den häufigsten Unfallursachen im österreichischen Straßenverkehr. Zudem sind die Zahlen im Bereich von Gegenverkehrsunfällen alarmierend: 2019 verunfallten 139 Personen tödlich, weil sie oder der Unfallgegner in den entgegenkommenden Verkehr gerieten (Quelle: Statistik Austria/ÖAMTC Unfallforschung).

Eine aktuelle Fahrstudie des Mobilitätsclubs, die gemeinsam mit dem ADAC im ÖAMTC Fahrtechnik Zentrum Teesdorf mit 45 Probanden durchgeführt wurde, untersuchte mögliche Auswirkungen unterschiedlicher Nebentätigkeiten auf das Fahrverhalten und die Verkehrssicherheit beim Lenken von Pkw, Fahrrad und E-Tretroller. Im Rahmen der Studie konnten bei allen untersuchten Nebentätigkeiten, dazu zählten u. a. das Hantieren mit Gegenständen, das Trinken aus der Wasserflasche, die Verwendung des Smartphones sowie die Nutzung des Navis während der Fahrt, gravierende Beeinträchtigungen der Fahraufgabe nachgewiesen werden – unabhängig vom Fahrzeugtyp.

"Wir haben unsere Probanden im Zuge von Testfahrten vor Aufgaben gestellt, die in der Realität häufig durchgeführt werden. Dabei konnten wir aufzeigen, dass ablenkende Tätigkeiten zu massiven Fahrfehlern führen, auch wenn man fit und erfahren hinter dem Steuer ist. So wären neun von zehn Autofahrern mit einem plötzlich auftauchenden Hindernis kollidiert und mehr als ein Drittel der Probanden überfuhren zumindest einmal die Mittellinie, was in einer realen Situation dazu führen würde, dass sie zwischen 3,5 und 4 Sekunden im Gegenverkehr landen", erklärt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Das Fazit der Expertin: "Jede ablenkende Tätigkeit, die wir untersucht haben, so banal diese auch erscheinen mag, hatte messbare Auswirkungen auf das Fahrverhalten. Unsere Probanden haben sich dabei oft besser eingeschätzt als sie tatsächlich waren. Die Fehlinterpretation der eigenen Leistung kann zu gefährlichen Unfällen führen."

Besonders fielen bei den Testfahrern gravierende Spurhaltefehler, eine veränderte Fahrdynamik, verminderte Handzeichensetzung und eine reduzierte Anhalte-Bereitschaft an Hindernissen und Verkehrszeichen auf.

 "Für die Probanden mit einspurigen Fahrzeugen waren die Aufgaben ebenso fordernd, wenn sie mit einem Smartphone oder einer Wasserflasche zu hantieren hatten oder die richtige Blicktechnik anwenden sollten, ohne dabei die allgemeinen Verkehrsregeln zu missachten. Dabei kam es trotz umfangreicher Sicherungsmaßnahmen zu massiven Fahrfehlern und sogar zu Stürzen", berichtet Seidenberger. Das Tempo-, Blick- und Spurhalteverhalten war deutlich beeinträchtigt, die Pkw-Teststrecke wurde häufig und lange im "Blindflug" – auch im Gegenverkehrsbereich – absolviert.

"Viele Studienteilnehmer wären mit hohem Tempo gegen ein Hindernis gefahren – sie leiteten weder zeitgerecht noch kräftig genug die Bremsung ein. Eine Testperson hat das Hindernis gar nicht bemerkt und wäre auf der Straße völlig ungebremst dagegen geprallt", so die Expertin. Nur eine Minderheit der Lenker (10 Prozent) war in der Lage, das Testfahrzeug während des Eintippens einer Adresse ins Navigationsgerät rechtzeitig vor dem plötzlich auftauchenden Hindernis anzuhalten. Durchschnittlich wurde vier Mal pro Fahrt auf den Bildschirm des Navigationsgeräts geblickt, was etwas mehr als 6 Sekunden bzw. über 100 Meter "Blindflug" entsprach. "Abgesehen von den Gefahren darf nicht vergessen werden, dass dem Lenker während des Fahrens das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung verboten ist. Aber auch eine anderweitige Verwendung des Mobiltelefons ist nicht erlaubt", so die Expertin. Ausgenommen von dieser Regelung ist die Nutzung des Navigationssystems, sofern es im Wageninneren befestigt ist.

Bewusstsein theoretisch vorhanden

In der Theorie sind sich Lenker in der Regel darüber bewusst, welche Ablenkungen zu gefährlichen Fahrfehlern führen können. Eine repräsentative Online-Umfrage des ÖAMTC zeigte auf, dass Gespräche mit dem Bei-/Mitfahrer, Bedienen von Geräten und Telefonieren während der Fahrt oder das Hören von Musik mitunter am häufigsten als ablenkende Tätigkeiten eingeschätzt werden.

"Die Ergebnisse aus unserer aktuellen Fahrstudie zeigen, dass Gefahren durch Ablenkung am Steuer unterschätzt werden. Die Risiken und möglichen Folgen sollten daher stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit von Lenkern aller Fahrzeugtypen gerückt werden, etwa im Rahmen der Fahrausbildung", so die Verkehrspsychologin. "Bei Fahrradfahrern ließe sich schon bei der Schulung zur freiwilligen Fahrradprüfung ansetzen. Anbieter von Leihfahrzeugen sollten ihre Nutzer ebenfalls stärker auf die Wichtigkeit von Sicherheitsausrüstung hinweisen. Bei Pkw-Lenkern könnte auf das Thema Unachtsamkeit in der Aus- und Weiterbildung stärker eingegangen werden, beispielsweise mithilfe von anschaulichen Übungen oder Demonstrationen, wie dies schon in den Mehrphasen-Trainings der ÖAMTC Fahrtechnik gemacht wird."