Technik
11.09.2018

Digitale Revolution: Wer künftig das Steuer übernimmt

Eine Studie der Boston Consulting Group zeigt, was sich für die Autoindustrie ändern wird.

2015 hat der Bergbauriese Rio Tinto als Erster seiner Branche eine Flotte auf ferngesteuerte Lkw umgestellt. Diese fahren 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr und werden von einem Kontrollzentrum in 1600 km Entfernung gesteuert. In Japan werden Feldfrüchte zu 90 % von unbemannten Hubschraubern gespritzt, so die Autoren im Buch „Machine, Platform, Crowd.

- Studie Was sich im Bergbau und in der Landwirtschaft bereits bewährt, wird auch vor dem individuellen Pkw-Verkehr nicht haltmachen. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird sich der Markt für die Autohersteller komplett verändern, sind die Autoren in der jüngsten Studie der Boston Consulting Group (BCG) über den Mobilitätswandel („Where to profit as tech transforms mobility“) überzeugt. Die Autoindustrie muss neue Antriebe und Mobilitäts-Dienstleistungen anbieten, sieht sich aber auch neuen ehrgeizigen Mitbewerbern aus bisher wenig autoaffinen Branchen gegenüber. Zudem wollen auch Kommunen am erhofften Milliardengeschäft des elektrifizierten, geteilten, autonomen Autoverkehrs mitnaschen.

- Geldquellen Neue Geschäftsfelder samt Komponenten für Batterie-elektrische und autonom fahrende Autos werden 2035, so die Studie, 40 % des Gewinns der Branche ausmachen, während sie 2017 erst für 1 % des Branchengewinns standen. Europas Autoindustrie hat hier sehr große Pläne, ist aber gerade bei den Grundelementen der neuen Technologien wie Batteriezellen, Brennstoffzellen, extrem leistungs-fähigen Chips (GPU) viel stärker als etwa die USA von Importen abhängig und lässt sich so viel Geld entgehen, wie erst vor Kurzem VW-Chef Herbert Diess in einem Interview mit der deutschen Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ darlegte. So mache der Umsatz allein mit Batterien bei einem E-Auto-Anteil von 10 % zwischen 50 und 60 Mrd. Euro aus. In Europa wird es zwar mehrere Batteriezellenproduktionen geben, jedoch keine einzige ist in europäischer Hand.

- Geldbedarf Der Investitionsbedarf der Branche ist jedenfalls enorm: Die BCG-Studie geht von mehr als 2,4 Billionen US-Dollar bis 2035 aus. Zu diesem Zeitpunkt, so schätzen die Autoren, werden 75 % des Individualverkehrs durch selbstfahrende Taxis und der Rest vorwiegend durch Autopools und Autoteilen ersetzt werden. Die großen Autohersteller betreiben längst eigene Autoteil-Flotten (Car2go etc.), spüren jedoch starken Gegenwind von klassischen Flottenbetreibern (z.B. Arval) oder Plattformen wie Uber. Toyota etwa steigt gleich bei Uber ein. Diess über den enormen Druck im „Handelsblatt“: „Wir müssen die digitale Transformation bewältigen, wenn wir überleben wollen.“

Boston Consulting Group im Überblick

Managementberatung Die internationale Beratungsfirma ist laut Eigendefinition weltweit führend bei Unternehmensstrategie. Der Konzern wurde 1963 von Bruce D. Henderson gegrün-
det, unterhält heute Büros in mehr als 90 Städten und ist im alleinigen Besitz seiner Geschäftsführer.

2017 erwirtschaftete die Boston Consulting Group, kurz BCG, weltweit mit 16.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 6,3 Mrd. US-Dollar.

Neues Zentrum für Mobilität Als neues Angebot für Städte, Kommunen und Unternehmen im Bereich Verkehrssteuerung und neuer Mobilitätskonzepte sieht die Boston Consulting Group das „Center for Mobility Innovation“. Als Schwerpunkte sind smarte Infrastruktur, intermodale Plattformen sowie vernetzte Mobilitäts- und Logistikdienstleistungen vorgesehen.

Nikolaus Lang Der gebürtige Steirer ist Senior-Partner der Boston Consulting Group und Experte für neue Mobilität. Lang, 46, schloss sein Doktorstudium (PhD) in St. Gallen, Schweiz, mit summa cum laude ab. Er lebte zehn Jahre in Asien. Lang ist seit 1998 bei der Boston Consulting Group.