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04/17/2021

Herzschrittmacher und E-Auto – eine Gefahr?

Elektrische und elektronische Komponenten in Autos erzeugen elektromagnetische Felder. Sie wirken auf uns

von Andrea Hlinka

Franz F. wollte sich ein neues Auto kaufen, bevorzugt eines mit Plug-in-Hybrid-Antrieb. Doch dann erinnerte er sich daran, dass ihm, dem Träger eines Herzschrittmachers, vor einem Jahr davon abgeraten wurde, einen Segway zu fahren. Denn sein Herzschrittmacher könnte durch die elektromagnetischen Felder gestört werden. Da begann der Elektrotechniker (im Ruhestand) zu recherchieren, ob auch Elektroautos oder Plug-in-Hybride ihm gefährlich werden könnten.

Salopp formuliert ist es so: Überall, wo Strom und Daten fließen, gibt es elektromagnetische Felder. Das gilt auch für Autos, die jede Menge elektrische und elektronische Komponenten in sich tragen. In einem Mercedes S-Klasse sind es etwa 260. „Gefährlich sind diese elektromagnetische Felder in der Regel nicht, denn alle Produkte und Anwendungen müssen Grenzwerte einhalten und werden auf ihre elektromagnetische Verträglichkeit geprüft“, erklärt Bernhard Geringer, Leiter des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik an der TU Wien.

Bei Implantaten

Für Träger von Herzschrittmachern und Defibrillatoren (cardiac implantable electronic devices, kurz CIEDs) ist die Lage etwas vielschichtiger. Denn Implantatträger werden bei den Grenzwerten für die Allgemeinbevölkerung, laut dem Wissenschaftler Lambert Bodewein, nicht berücksichtigt und ihre Implantate könnten durch elektromagnetische Felder falsch reagieren, also aussetzen oder einen Schock abgeben. Trägern von CIEDs wird etwa geraten, zehn Zentimeter Abstand zu induktiven Handy-Ladestationen zu halten. Wie es um ihr Risiko bei Elektro- und Hybridautos steht, ist bislang kaum untersucht. Die bedeutendste Studie zu dem Thema zählt 108 Probanden und vier E-Auto-Modelle. Das Ergebnis: Es konnten keine Interferenzen beobachtet werden. Auch Geringer von der TU Wien sieht zur Zeit keine Gefahr.

Beim Laden

Lambert Bodewein arbeitet am Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (femu) der Uniklinik RWTH Aachen und beschäftigt sich mit elektromagnetischen Feldern und ihren Wirkungen auf Menschen. Er sagt, es gebe zwei Probleme bei der Risikobewertung von E-Autos und Menschen mit CIEDs. Einerseits die dünne Studienlage. Um diese zu verbessern, starten femu, ADAC und das österreichische Seibersdorf Labor in Kürze ein Projekt. Das zweite Problem: „Die Stärke der Felder ist von Faktoren wie etwa dem Fahrverhalten abhängig.“ Bei der Rekuperation und beim Ladevorgang würden die stärksten elektromagnetischen Felder auftreten. Aber auch Bodewein meint, dass für die gängigsten kardialen Implantate im Normalfall zur Zeit kein Risiko besteht. Etwas anders könnte es aber bei wenig untersuchten Implantattypen aussehen oder wenn in Zukunft Autos induktiv geladen werden.

Autobauer tüfteln

Auch die Autohersteller testen und tüfteln in ihren Labors. Mercedes hat 2019 50 Millionen in ein Prüfgebäude in Sindelfingen investiert. VW hat eines in Wolfsburg. Bernhard Griffig von VW erklärt: „Alle Komponenten und Leitungen des Elektroantriebs werden so verbaut, dass zwischen den Insassen und den elektrischen Strömen des Antriebssystems die schützende Fahrzeugkarosserie liegt. Die durch Ströme hervorgerufenen Magnetfelder werden somit vom kompletten Fahrzeuginnenraum abgeschirmt.“ Und er garantiert, dass die ICNIRP-Empfehlungen (Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung) eingehalten werden.

Mercedes garantiert das für alle Fahrzeuge und versichert: „Es sind uns keine nachteiligen gesundheitlichen Wechselwirkungen bekannt, die sich aus der Nutzung unserer Fahrzeuge ergeben haben.“ Vollständig ausschließen könne man Interferenzen jedoch trotz sorgfältiger Entwicklung der Fahrzeugsysteme nie.

Franz F. hat sich nun gegen ein Plug-in-Hybrid-Fahrzeug entschieden und ein konventionelles Auto mit einem Verbrennungsmotor gekauft.

Eine der wenigen Studien zu dem Thema  führte  der Kardiologe Carsten Lennertz 2018 und 2020 durch.  In der größer angelegten Studie 2020  wurden 108 Patienten mit einem Herzschrittmacher oder einem Defibrillator  in den vier E-Autos mit dem größten Marktanteil bei Studienbeginn untersucht. Das waren: Tesla Model S,  Volkswagen e-up!, Nissan Leaf und BMW i3. Die Ergebnisse:  Es konnte keine Interferenz mit den implantierten Systemen beobachtet werden.

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