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Interview
07/25/2021

„E-Mobilität ist nicht in Österreich zu Hause“

Jürgen Roth, Vorstand der eFuel Alliance Austria, meint, Elektromobilität darf nicht die einzige Lösung sein

von Andrea Hlinka

Vor eineinhalb Wochen war das EU-Klimaschutzpaket „Fit For 55“ dann raus: Bis 2030 sollen die Treibhausgase im Vergleich zu 1990 um 55 Prozent runter, bis 2050 soll die EU komplett klimaneutral werden. Für manche ist das Paket kein Grund zum Jubeln. Jürgen Roth ist einer von ihnen. Er ist Vorsitzender der eFuel Alliance Austria und meint, dass Elektromobilität nicht der einzige Weg sein kann, um den -Ausstoß zu reduzieren. Er plädiert für eFuels, synthetische Kraftstoffe, die mittels erneuerbaren Stroms aus Wasser und hergestellt werden.

KURIER: Die EU setzte Verbrennern kürzlich de facto ein Enddatum: 2035. Was bedeutet das EU-Klimaprogramm für eFuels?

Jürgen Roth: Von dem Entwurf sind wir enttäuscht. Die Politik ist bisher am besten damit gefahren, ein Ziel vorzugeben und den Markt entscheiden zu lassen, wie es am besten erreicht werden kann. Dieses Mal haben sie nicht nur das Ziel vorgegeben, sondern auch, wie man es erreichen soll. Mit Elektromobilität nämlich. Wir glauben, dass es, a, riskant ist, auf nur einen Weg zu setzen, und b, schwer umsetzbar. Auch die E-Mobilität hat noch einige Fragezeichen.

Welche Fragezeichen meinen Sie konkret?

70 Prozent des Stroms in Österreich stammt aus erneuerbarer Energie. Bis 2030 sollen es 100 Prozent sein. Um das zu erreichen, müssten wir noch 50 Grazer Murkraftwerke, 1.200 Windräder oder riesige Flächen an Fotovoltaikanlagen erbauen. Dann haben wir aber noch immer gleich viel Strom wie jetzt. Wir brauchen aber viel mehr, weil der Raumwärmemarkt, der Handel, die Industrie und die Mobilität elektrifiziert werden sollen. Wie soll das gedeckt werden? Die Nachbarländer können uns nicht helfen, die haben das gleiche Problem.

Auch die Herstellung von eFuels braucht massenhaft Strom. Zudem haben eFuels einen schlechten Wirkungsgrad. Man kommt mit derselben Strommenge im E-Auto etwa fünfmal so weit wie mit einem Verbrenner, der eFuels getankt hat.

Ich stimme dem nicht zu. Wir haben ein neues Verfahren patentiert, mit 100 Prozent Know-how aus Österreich. Wir werden bis 2023 die größte Power-to-Liquid-

Demonstrationsanlage zur Herstellung synthetischer Brenn- und Kraftstoffe weltweit in Österreich bauen, um zu beweisen, dass wir eine noch nie da gewesene Effizienz haben, 65 Prozent Wirkungsgrad. Dann wird es einen reinen Unterschied von eins zu drei in Österreich geben. Man könnte eFuels auch nach Österreich importieren, mit Schiffen und Fahrzeugen, die mit eFuels betrieben werden. Porsche baut gerade eine Anlage in Chile. Damit hätten wir eine Lösung für den Autobestand. Wir haben 300 Millionen Autos in der EU und 1,3 Milliarden weltweit. Irgendwie muss man die betreiben. Was glauben Sie, was mit dem Verbrenner passiert, wenn er in der EU nicht mehr fahren darf? Dem Klima hilft es nichts, wenn der Verbrenner mit fossilem Treibstoff in Afrika weiterfährt. Dann soll er besser mit eFuels fahren.

Autobauer und Politik haben sich auf E-Mobilität verständigt. Rennen sie alle in die falsche Richtung?

Unter der Hand haben alle eine Riesenangst, weil sie noch nichts mit der E-Mobilität verdient haben. Auch Tesla hat noch nie mit dem Verkauf von E-Autos Gewinn geschrieben. Autohersteller haben aber gar keine andere Wahl, als in diese Richtung zu gehen, weil die Flottenvorgaben so streng berechnet wurden. Man sollte die Autobauer neue Forschung betreiben und den Markt entscheiden lassen.

Warum hat man sich auf E-Mobilität als Lösung eingeschossen?

Verstehen Sie mich nicht falsch, Elektromobilität macht Sinn, auf der Kurzstrecke, innerstädtisch und wenn man zu Hause laden kann. Wir haben 3.000 Tankstellen in Österreich, mit je zehn Zapfsäulen im Schnitt. Wenn man das umrechnet: Vielleicht ist es möglich, bis zu 50 Prozent der Fahrzeuge elektrisch zu laden. Aber 100 Prozent? Das geht sich nicht aus.

Sie sagen, es ist unrealistisch die E-Mobilität flächendeckend zu etablieren. Ist es denn realistischer, bis 2035 eine Infrastruktur für eFuels aufzubauen?

Wenn wir Planungssicherheit hätten, kann man das schnell hochskalieren. Eine Raffinerie kann man in wenigen Jahren von der grünen Wiese aufbauen. Der große Vorteil von eFuels ist: Man kann den Bestand nutzen, das gleiche Lager, den gleichen Tankwagen, die bestehenden Autos. Ich verstehe nicht, wie man sich dagegen stellen kann. Was nie gesagt wird: So sehr alle die Energiewende wollen, sie wird Wirtschaft und Konsumenten viel Geld kosten. Wir sagen, Green Deal ja, aber standort- und sozial verträglich. Die E-Mobilität ist nicht in Österreich zu Hause, oder in Europa. Wir haben weder die Batteriebestandteile noch die Rohstoffe dafür.

eFuels sind aktuell teuer.

Mit der Anlage, die wir aktuell bauen, kann man in fünf bis zehn Jahren einen Liter um 1,50 Euro oder darunter herstellen, ohne Steuern. Wenn sie mit der Produktion dort hingehen, wo mehr Sonne und Wind ist, also etwa nach Chile, Afrika, Emirate, sind wir bei 50, 60 Cent. Das ist noch immer mehr, als das fossile Produkt kostet, aber wenn sie die Steuern herausrechnen, ist es wettbewerbsfähig.

Wird „Fit For 55“ so kommen?

Ich hoffe, dass sie noch an einigen kleinen Schrauben drehen werden. Ich glaube, es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Die Klimaziele sind wahnsinnig ambitioniert. Aber man muss sich das leisten können und es muss umsetzbar sein. Sonst ist es wie bei den Kyoto-Zielen und alle sind traurig, die Ziele nicht erreicht zu haben.

Jürgen Roth ist Vorstandsmitglied der eFuel Alliance und Vorsitzender der  kürzlich gegründeten eFuel Alliance Austria. Er ist  Vizepräsident der WKO   und Mitglied des Wirtschaftsparlaments der WKO .


Roth studierte Internationale Wirtschaft in den USA  und Österreich und ist seit 1998 im Bereich  Energiehandel, Logistik  und Tankstellen tätig.  Seit 2015 ist er Geschäftsführer und Eigentümer der Tank Roth GmbH.

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