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Im Gespräch
11/19/2019

„Wir rechnen weiterhin mit einem Antriebsmix“

Vera Schmitt, Chefstrategin von Vitesco Technologies, über die Zukunft als Automobilzulieferer.

von Maria Brandl

Neben den Autoherstellern stehen auch die Autozulieferer vor einem großen Umbruch. Anlässlich des Internationalen Wiener Motorensymposiums 2019 fragte der Motor-KURIER Vera Schmitt, Leiterin Geschäftsentwicklung und Strategie bei Vitesco Technologies (bis Herbst 2019 Continental Powertrain), was das für ihren Konzern bedeutet und wie sie generell die Antriebszukunft sieht.

KURIER: Wie sehen Sie als Strategin die aktuellen Schwerpunkte von Vitesco Technologies?

Vera Schmitt: Dieser Bereich umfasst für uns verschiedene Evolutionsschritte. Von der Hybridisierung mit 48-Volt-Systemen bis zur Hochvolttechnologie. Für einige Fahrzeugtypen und Märkte wird auch die Brennstoffzelle eine Rolle spielen. Daneben wird weiterhin die Optimierung des konventionellen Antriebsstranges vorangetrieben.

Vitesco Technologies ist sehr innovativ rund um das Thema Abgasreinigung generell und hier im Speziellen beim elektronischen Heizkatalysator, der unter anderem das Ziel hat, den Abgasausstoß nach dem Kaltstart eines Fahrzeugs zu senken. Unser umfangreiches Portfolio sichert unsere Zukunftsfähigkeit, unabhängig von den unterschiedlichen Fahrzeugarchitekturen wie 48-Volt, Plug-in-Hybrid- oder batterieelektrischen Fahrzeugen.

Ist das 48-Volt-System ein europäisches Phänomen? Viele erhoffen sich damit eine kostengünstige Hybridisierung, die relativ rasch umgesetzt werden kann und hilft, das Verbrauchsziel von 95 g/km  CO2 bis 2020/21 zu erreichen.

Vitesco Technologies sieht hier international gute Chancen, etwa in China oder in den USA. In Europa wird es zudem begünstigt durch die strenge CO2-Gesetzgebung. In den USA wird dagegen die Möglichkeit des 48-Volt-Systems zur Erhöhung des Fahrerlebnisses (Anm. z.B. durch die damit mögliche zusätzliche Beschleunigungsfunktion) geschätzt.

Ein Hoffnungsträger, der seit Jahren auf Fachkongressen wie dem Internationalen Wiener Motorensymposium diskutiert wird, sind die synthetischen Kraftstoffe, die mit überschüssigem Ökostrom und  CO2 aus der Luft hergestellt werden. Auch Vitesco Technologies stellte vor zwei Jahren ein Projekt vor, wo synthetische Kraftstoffe als Beimischung für Benzin und Diesel eingesetzt werden und so die CO2-Bilanz verbessern. Dennoch scheitert es in Europa nach wie vor an der Umsetzung. Woran liegt das?

Ein Grund liegt darin, dass diese Kraftstoffe gesetzlich keine Vorteile bieten (Anm. da bei der EU-Verbrauchsberechnung nur der CO2-Ausstoß vom Tank bis zum Auspuff, nicht aber die Energieproduktion berücksichtigt wird). Ein zweiter Grund ist die fehlende Industrialisierung. Diese kostet sehr viel Geld. Fakt ist, dass unsere Komponenten eine Kraftstoffbeimischung von 10 bis 15 Prozent durchaus aushalten. Vielleicht gibt es einen Schub, wenn es um den Ersatz von fossilem Kraftstoff für Flugzeuge oder Schiffe geht.

Ein anderer Bereich, wo deutsche Autohersteller früher eine führende Rolle hatten und nun vor allem die asiatische Konkurrenz weit voranliegt, ist der Brennstoffzellenantrieb mit Wasserstoff. Wo ist Vitesco Technologies auf dem Gebiet aktiv?

Wir sind an verschiedenen Forschungsprojekten rund um das Thema Brennstoffzelle beteiligt und bieten auch für diesen Antrieb Komponenten, etwa für das Thermomanagement, an. Unserer Meinung nach wird sich dieser Antrieb zuerst bei Lkw und Bussen durchsetzen und erst danach bei Pkw.

Es gibt Stimmen, die das mangelnde Interesse in Europa für synthetische Kraftstoffe, aber auch Wasserstoff, darauf zurückführen, dass derzeit enorm viel Geld in batterieelektrische Antriebe fließt.

Die Elektromobilitätsoffensive ist ein enormer Kraftakt für die Autobranche. Die Entwicklungskosten für alternative Antriebe steigen. Dieser zusätzliche Aufwand muss über das Geschäft mit der herkömmlichen Verbrennungstechnologie mitfinanziert werden.

Stimmt es, dass rund um die E-Mobilität sehr viele Entwicklungen von den Autoherstellern an die großen Zulieferer ausgelagert werden? Der Investitionsbedarf für die Zulieferer steigt damit, gleichzeitig ist mit E-Mobilität weniger zu verdienen. Wie schafft es Vitesco Technologies, dass dieser Umbruch unterm Strich für den Konzern dennoch profitabel ist?

Der Trend der Auslagerung wird nach unserer Auffassung in den nächsten Jahren noch zunehmen. Die Rolle der Zulieferer bei Themen wie Systemintegration wird steigen. Um dies zu bewältigen, auch um das nötige Wissen aufzubauen, versuchen wir bereits intensiv, bestehende Teams aus Bereichen mit rückläufigen Technologiefeldern auf die neuen Bereiche umzuschulen und sie dort einzusetzen. Bei Technologien, zu denen wir nicht das entsprechende Wissen im eigenen Haus haben, werden wir dieses entweder aufbauen oder durch Kooperationen ergänzen. Diese Bereitschaft zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit wird künftig eine große Rolle spielen.

Leiden Sie an Fachkräftemangel?

Oft ist vom Fachkräftemangel im Software-Bereich zu hören. Unternehmen in weniger attraktiven Regionen werden es schwerer haben, Spezialisten zu akquirieren und diese zu halten als jene in Städten.

Die Automobilbranche ist aber nicht die einzige Branche, in der die Bedeutung der Software zunimmt, das heißt, der Wettbewerb um diese Spezialisten nimmt zu. Bei Vitesco Technologies haben weit mehr als die Hälfte unserer 7.300 Ingenieure einen Software-Hintergrund, daher fühlen wir uns für die Zukunft gut gerüstet.

Wie sieht die Zukunftsstrategie für Vitesco Technologies aus?

Wir rechnen auch weiterhin mit einem Antriebsmix, wobei es sehr große regionale Unterschiede geben wird. Diese hängen vor allem von den jeweiligen Gesetzen ab. Wir wollen Lösungen für die gesamte Palette an Fahrzeugantrieben anbieten – für den Verbrennungsmotor über Hybride bis hin zum batterieelektrischen und Brennstoffzellen-Antrieb.

Wo sehen Sie die europäische Autoindustrie in zehn Jahren?

Für mich ist die europäische Autoindustrie dann noch immer sehr bedeutend und in Europa einer der führenden Industriezweige, der für unseren Wohlstand und unsere Gesellschaft mitverantwortlich ist. Wir alle müssen die Transformation meistern und dafür müssen wir an einem Strang ziehen, die Industrie, die Regierungen, die Öffentlichkeit und natürlich auch der Endkunde, der die neuen Technologien dann auch fahren wird. Wenn das gelingt, sehe ich für uns eine sehr positive Zukunft.

Vera Schmitt ist seit 1. April 2018 Leiterin Geschäftsentwicklung und Strategie bei Continental Powertrain, das im Oktober 2019 in „Vitesco Technologies“ umbenannt wurde. Die Firma, die im Vorjahr rund 7,7 Milliarden Euro Umsatz machte und rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigt, bleibt ein Geschäftsbereich der Continental AG, einem der größten Autozulieferer Europas.  Die Continental AG selbst erzielte 2018 mit weltweit 245.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 44,4 Milliarden Euro.

Schmitt studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Regensburg und verbrachte ein Auslandsjahr an der Universität in Bilbao, Spanien. 2007 bis 2016 hatte Schmitt verschiedene Managementfunktionen bei ZF Friedrichshafen, einem anderen deutschen Autozulieferer inne. Seit 2016 ist Schmitt bei der Continental AG.