dsc_1995.jpg

© Horst Bauer

Tests
06/09/2020

Alpine A110 S: Darf's ein bisschen mehr sein?

Allen, denen die Alpine A110 bisher zu billig war, kann geholfen werden: Die A110 S hat ein paar PS mehr - vor allem aber ist sie teurer.

von Horst Bauer

Die "normale" Alpine A110 hat es im Vorjahr um ein Haar zum Titel "Auto des Jahres" geschafft. Eine reife Leistung für einen Sportwagen mit sehr überschaubarem Nutzwert. Der alles überstrahlende Fahrspaß-Faktor und der Mut der Renault-Leute, die Alpine-Legende so durchdacht wieder zu beleben, hat dieses - scheinbare - Manko aber offensichtlich mehr als wettgemacht.

Nach dem Erfolg des Modells, der sich auch in langen Wartelisten der begeisterten Kundschaft manifestiert hat, geht man nun den logischen nächsten Marketing-Schritt und bietet mit der Alpine A110 S eine stärkere und mit einigen, ihr vorbehaltenen Ausstattungsdetails (z.B. spezielle 18-Zoll-Leichtmetall-Räder) geschmückte Top-Version. Die kostet zumindest € 12.000,- mehr als die günstigste Version der kleinen Modellreihe und hat nominell 40 PS mehr zu bieten.

dsc_1915.jpg

Das macht in der Theorie allerdings mehr Eindruck, als in der Praxis. Ein Blick auf den Wert für das maximale Drehmoment zeigt, warum. Mit 320 Nm ist dieser nämlich ident zu dem der normalen Alpine. Einziger Unterschied: Statt zwischen 2.000 und 5.000 Touren liegt er bei der S-Version zwischen 2.000 und 6.400 Touren an.

Sprich: Ganz oben hinaus, wenn man im normalen Straßenverkehr ohnehin schon jenseits von Gut und Böse wäre, geht hier noch länger etwas weiter. Aber selbst auf der Rennstrecke wird die um 10 km/h höhere Spitzengeschwindigkeit (260 statt 250 km/h) kaum je ins Gewicht fallen. Und die eine Zehntelsekunde im Sprint auf Tempo 100 (4,4, statt 4,5 Sekunden) ist maximal im direkten Rad-an-Rad-Duell zwischen Alpine A110 und Alpine A110 S merkbar.

Soviel zur Einordnung des Neuzugangs im Alpine-Stall.

Abgesehen davon, gilt auch für die Alpine A110 S, was bereits über die Basis-Versionen gesagt wurde. Die Franzosen beweisen mit diesem kleinen Sportwagen nicht nur, dass man eine Legende wiederbeleben kann, ohne auf plattes Retro-Design verfallen zu müssen. Und dass man sich nicht in die 1000-PS-Liga hochschrauben muss, um einen scharfen Sportwagen zu bauen, der seinen Piloten vom ersten Kilometer an die Mundwinkel nach oben treibt. Weniger Gewicht statt mehr PS lautet die Formel, die nicht nur für Fahrwerte sorgt, die jedem teureren und PS-stärkeren Sportwagen zur Ehre gereichen würden. Es ist die Wendigkeit und Agilität der Alpine (in welcher Konfiguration auch immer), die davon am meisten profitiert. Dass weniger Masse bewegt wird, macht sich vor allem beim Anbremsen von Kurven wohltuend bemerkbar, wo so manches PS-Monster, das erst beim Herausbeschleunigen wieder mithalten kann, das Nachsehen hat.

Leichter, spritziger und flüssiger als mit einer Alpine, lassen sich kurvige Land- oder Bergstraßen derzeit kaum befahren.

Dennoch kann man die Alpine A110 S auch dann aus der Garage holen, wenn einmal eine längere Autobahnetappe ansteht. Weder der Lärmpegel noch die Platzverhältnisse im - auch Großgewachsenen ausreichend Platz bietenden - Cockpit, schränken die Anwendungsbandbreite ein.

Die stärkste Alpine übernimmt jedoch nicht nur all diese, die Kernkompetenz eines Sportwagens betreffenden Eigenschaften. Ein Blick ins Cockpit zeigt, dass leider auch hier die digitalen Instrumente samt dem kleinen Touchscreen aus dem Renault-Regal eingesetzt werden. Eine lässliche Sünde für alle, die sich ohnehin nur aufs Fahren konzentrieren. Aber ein Ärgernis nicht nur für Ästheten, die sich in so einem Auto klassische, analoge Rundinstrumente statt des ganzen digitalen Brimboriums wünschen würden. Sondern auch für alle, die sich fragen, warum man in einem bauartbedingt hart gefederten Sportwagen die Befehle an den Bordcomputer via eines dadurch schwer mit dem Finger an der richtigen Stelle zu treffenden Touchscreen geben muss.

Hier wäre ein Feld offen gewesen, in dem sich die Alpine A110 S von der normalen Alpine merkbar unterscheiden hätte können. So aber bleibt sie ein - legitimes- Angebot an Kunden, welche die Speisekarte gerne von rechts lesen, um sicher zu gehen, das teuerste Gericht bestellen zu können.

Oder schlicht an jene, die keine normale Alpine mehr bekommen.

Antrieb: Vierzylinder-Mittelmotor, Benzin-Direkteinspritzung, Turboaufladung; Hinterradantrieb, 7-Gang-Automatikgetriebe mit Doppelkupplung.

Hubraum: 1798 cm3

Leistung: 292 PS/215 kW, max. Drehmoment 320 Nm bei 2000 - 6400 U/min

Fahrleistungen: 0 - 100 km/h in 4,4 Sekunden, Spitze 260 km/h, Euro 6d Temp

Abmessungen: Länge x Breite x Höhe 4180 x 1798 x 1252 mm Radstand: 2420 mm, Wendekreis 11,74 m

Kofferraumvolumen: 100 l vorne, 96 l hinten

Gewicht: 1114 kg, maximal zulässiges Gesamtgewicht 1365 kg

Normverbrauch: 6,5 Liter/100 km, 146 g CO2 /km

Testverbrauch: 8,3 Liter

Kosten: Grundpreis Alpine A110 S: € 71.899,-. Preis des Testwagens: € 78,257,-