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Tests
06/21/2019

Kia E-Niro im Test: Gleichstrom oder Geduldsprobe

Was der Vorschusslorbeer wert ist, sollte der Praxistest zeigen, Überraschungen inklusive.

Wenn es um E-Mobilität geht, mit Batterien oder mit Brennstoffzellen, ist der koreanische Konzern Hyundai mit den beiden Marken Hyundai und Kia an vorderster Stelle dabei.

Ein Beispiel dafür ist der Kia E-Niro, der sich die E-Technik mit dem Konzernbruder Hyundai Kona teilt. Beim Kia E-Niro handelt es sich um ein kompaktes CUV, das mit 1,8 m breiter wirkt, als die Zahlen vermuten lassen. Innen ist für Passagiere und Gepäck trotz des großen Batteriepakets, das im Wagenboden untergebracht ist, viel Platz.

- Reichweite Unser Testmodell entsprach der Version „Long Range“ (große Reichweite), laut Norm beträgt sie bis zu 455 km. Dafür sorgt die 64 kWh starke Lithium-Ionen-Polymer-Batterie (siehe Steckbrief). Bei der Temperierung hilft die serienmäßige Wärmepumpe, dass der Energiebedarf möglichst gering bleibt und somit die Reichweite möglichst wenig schrumpft.

Nach ersten Probekilometern und der Erkenntnis, dass die Reichweitenangabe tatsächlich realistisch ist, wagten wir erstmals mit einem Nicht-Tesla-E-Auto einen Ausflug von Wien ins obere Waldviertel. Auch mit der Sicherheit, dass dank Smatrics-Ladekarte auf dem Weg mit einer guten Ladestellen-Versorgung zu rechnen ist. Das stimmte, es fehlte jedoch etwas Entscheidendes. Aber davon später.

- Fahreindruck Das Temperament von E-Antrieben ist grundsätzlich gut, im E-Niro beeindruckt es aber besonders. Die Gänge (vorwärts/rückwärts) werden per Tasteneindruck eingegeben, je nach Wunsch können fünf Fahrmodi gewählt werden, von ganz sparsam (Eco+) bis Sport. Wir entschieden uns in Anbetracht der erhofften langen Reichweite für Eco, was zwar kalte Füße bedeutete, aber punkto Fahrleistung für den Überlandbetrieb, auch bergauf, völlig ausreichte und den E-Niro völlig unauffällig im Verkehr mitschwimmen ließ. Die Lenkung könnte gefühlvoller sein, das Bremsgefühl hängt davon ab, welche Rekuperationsstufe der Lenker wählt, sprich, wie viel von der Bremsenergie zurückgewonnen werden soll.

Alles in allem zeigte der E-Niro mit fortschreitender Distanz, dass unter diesen Umständen auch ein E-Auto unter der Luxusklasse Fahrspaß und große Reichweite ermöglichen kann. Verbesserungspotenzial gibt es bei der Geräuschdämmung. E-Motor und Reifen sind außerhalb der Stadt im E-Niro akustisch dominanter als bei vielen Mitbewerbern.

- Überraschung beim Laden Das Aha-Erlebnis folgte beim Laden. Der E-Niro hat nur ein Schuko-Kabel serienmäßig an Bord, damit konnte die Idee, sicherheitshalber an einer der Smatrics-Ladestellen im Waldviertel zu laden, begraben werden. Dafür braucht es ein Typ2-Kabel, ein sehr empfehlenswertes Extra. Dort, wo eine Wallbox mit Typ2-Ladekabel oder eine Schukosteckdose zur Verfügung stand, zeigte der E-Niro einen weiteren Nachteil: Er ist nur einphasig zu laden. Dazu kommen noch andere übliche Hemmnisse wie der Ladewiderstand. Wann dreiphasiges Laden möglich wird, ist noch unklar.

Das bedeutet, dass mit Haushaltsstrom und Wallbox, kurz, ohne Gleichstrom, das Laden zur Geduldsprobe wird. Wie viel kW geladen werden, lässt sich im E-Niro über die Anzeige genau mitverfolgen, ein großes Plus. Wie dramatisch sich das einphasige Wechselstromladen auf die Ladedauer auswirkt, zeigt ein kleines Beispiel: So stieg etwa an der Schuko-Ladestelle der Ladezustand der Batterie in mehr als 8 Stunden nur um 23 %. An der Wallbox brauchte der E-Niro für 36 % Aufladen mehr als 9 Stunden.

Unsere Reise endete dennoch nicht mit leerer Batterie im Hochwald. Wie sich später zeigte, wäre sogar Wien unter günstigen Umständen (kein Gegenwind, kein Stau) ohne nachzuladen erreichbar gewesen. Dank der Schnellladestation von Smatrics in Krems mit integriertem Kabel lud jedoch der E-Niro beim 50 kW-Anschluss in einer dreiviertel Stunde wieder genug Strom für mehr als 100 km. Fazit: Eine Reichweite von 400 km ist auch mit steilen Bergauffahrten möglich, solange das Temperament des E-Antriebs nicht zu intensiv genützt wird.

- Ausstattung Unser Testmodell Long Range Platin (Topversion) hatte ein kleines Sonnendach sowie Pearllack als Extra. Geladen wird vorne, wobei die Abdeckung etwas filigran erschien. Die Verarbeitung wirkte sehr gut, unangenehm waren die starken Ausdünstungen der Plastikteile. Störungen gab es keine.

Fazit

+Tolle Reichweite, toller Motor, viel Platz, 7 Jahre Garantie, tolle Ausstattung.

- Nur einphasiges Laden, Typ2-Kabel als Extra.