Tests 11/08/2017

VW E-Golf im Test: 14 Tage unter Strom

VW E-Golf im Test: 14 Tage unter Strom
© Kurier/Franz Gruber

Wie gut ist der neue E-Golf, was taugen Elektroautos und gehört ihnen wirklich die Zukunft? Der Pendlertest.

Das Beste am E-Auto-Fahren ist schlicht das gute Gewissen und das „Ich verbessere jetzt die Welt ein wenig“ Gefühl. Vergleichbar ist das mit dem Einkauf von regionalem Obst und Gemüse beim Biobauern, oder wenn man sich statt billiger Diskonter- teure Fairtrade-Hemden leistet. Wobei Fahren eigentlich nicht ganz korrekt ist, eher rollt der für den 14-tägigen Pendlertest ausgeborgte E-Golf dank optimierten Bridgestone Touranza-Reifen durch die Landschaft, und das fast geräuschlos, und natürlich ohne die Umwelt mit Schadstoffen zu belasten. So weit zum guten Gewissen.

Ein bisschen über 50 Kilometer legt der Autor dieser Zeilen täglich fünf Tage die Woche auf den Weg vom kleinen Wiener Vorort über die Höhenstraße in die KURIER-Redaktion im 19. Bezirk zurück. Fahrzeit zwischen 40 bis 50 Minuten pro Strecke, abhängig von der Verkehrslage. Öffentlich würde das natürlich auch gehen, ist aber wegen unregelmäßigen Dienstzeiten, vor allem am Abend, etwas mühsam und kompliziert. Mit einer Tankfülle geht sich ein Monat Pendeln in der Regel ungefähr aus. Je nach Preislage am Weltölmarkt kostet das für den seit kurzem, durch die Autoindustrie selbst verschuldet, in Ungnade gefallenen Diesel-Passat rund 80 Euro, Reichweite zwischen 700 und 800 Kilometer. Der getestete E-Golf schafft mit vollem Akku hingegen eine maximale Reichweite von knapp 290 Kilometern, so die Herstellerangaben.

Das ist freilich nur theoretisch, wie der E-Auto-Novize bei der ersten Ausfahrt schnell lernen muss. Der erste Anstieg zur Höhenstraße drückt die Kilometerleistung gleich dramatisch, nach nur 10 Kilometern ist die Energie für 30 Kilometer verpufft und der Reichweitenanzeige rasselt dramatisch nach unten. Das relativiert sich natürlich beim Bergabfahren, da der E-Golf durch die Motorbremse wieder Strom reproduziert. Bei der Garageneinfahrt in der Muthgasse habe ich für 20 Kilometer Fahrstrecke Strom für knapp 40 Kilometer verbraucht. Zugegeben im Normalmodus bei voller Heizung und eher flotterer Fahrt, und mit dem E-Golf lässt sich ziemlich flott fahren, dazu aber später. Das kann freilich besser gehen. Denn wer Elektroauto fährt, muss sich automatisch als Sparmeister profilieren, jeder Kilometer zählt. Der E-Golf hilft dabei über allerlei Assistenten, die erklären, wie sich die meiste Leistung aus dem Akku quetschen lässt. So lässt sich am Display auf einer Skala von 1 bis 100 zum Beispiel anzeigen, wie ökologisch man gerade unterwegs ist. Während ich die ersten Tage kaum einen Wert über 60 Prozent schaffte, steigert sich Tag für Tag mein Ehrgeiz und ich komme zu Testende auf sehr gute 95 Prozent. Dafür empfiehlt es sich freilich nur im Eco-Plus-Modus zu fahren, das heißt aber, auf zusätzliche Funktionen wie Heizung oder Klimaanlage muss überwiegend verzichtet werden, und die Geschwindigkeit wird auf knapp 100 km/h gedrosselt. Im Winter sollten also auf längeren Fahrstrecken Haube und Mantel mit ins Auto. VW hat zwar für die Heizung eine Art Wärmepumpe eingebaut, die dem Akku weniger Saft absaugt, aber wer es im Fahrzeug warm oder im Sommer kühl haben möchte, verbraucht schlicht mehr Strom. Wieviel abgesaugt wird, zeigt ein kleiner Test: Bei einer am Display angezeigten Kilometerleistung von 160 schalte ich die Heizung plus die Sitzheizung zu, und schon reduziert sich die Reichweite auf 120 Kilometer.

VW E-Golf
© Kurier/Franz Gruber

Aber wie weit kommt der E-Golf wirklich? Ein Wochenendausflug ins Burgenland zeigt, dass etwas mehr als 200 Kilometer mit voller Leistung drinnen sind. Auf der Autobahn wurde dabei die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h um eine Spur überschritten, gefahren wurde im Normalmodus mit allen verfügbaren Funktionen. Rund 200 Kilometer sind natürlich nicht viel, wer von Wien nach Linz und retour fahren möchte, muss in Linz schon zur Stromtankstelle abbiegen und eine Pause von bis zu zwei Stunden fürs Laden einrechnen, andernfalls wäre bei der Retourfahrt in Altlengbach Schluss mit lustig.

Es stellt sich aber die Frage, wie oft ich wirklich längere Strecken fahre, und ob für einen Pendler 200 bis 250 Kilometer Reichweite in der Regel ausreichend sind. Statistisch gesehen sind neun von zehn Fahrten im Auto kürzer als 50 Kilometer, ich liege hier also im Schnitt. Mehr als 300 Kilometer fahre ich die Woche nicht, dafür müsste der Golf mindestens einmal pro Woche an die Steckdose. Apropos Steckdose, der Akku wird über eine normale 220-Volt-Steckdose in rund 12 Stunden komplett geladen, bei einer Schnellladestation geht das in knapp drei Stunden.

VW E-Golf
© Kurier/Franz Gruber

Von der Optik und Ausstattung her ist der E-Golf ein Golf, nicht mehr und nicht weniger. VW hat darauf verzichtet ein futuristisch anmutendes Fahrzeug zu bauen, sondern setzt auf seinen Klassiker. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, warum etwas Neues erfinden, wenn das Bestehende völlig ausreicht und mehr als gut genug ist. Der E-Golf schaut aber nicht nur aus wie ein Golf, er fährt sich auch wie einer, und fällt im Verkehr als E-Auto, außer der grünen Nummerntafel, nicht weiter auf. Das ist nicht unsympathisch. Nur beim Innenleben kommt mit einem voll digitalen Armaturenbrett ein bisschen Zukunftsfeeling auf. Das ist zwar am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, da auch Radio und Navi keine Knöpfe haben und nur über leichte Berührung bedient werden, aber nach ein paar Fahrten hat man das alles intus.

Das Fahrgefühl und die Straßenlage sind tadellos, das war auch nicht wirklich anders zu erwarten. Für viele, die das erste Mal ein E-Auto ausprobieren ist die unglaubliche Beschleunigung mehr als überraschend. Von 0 auf 100 km/h in unter 10 Sekunden, das hat damit zu tun, dass der E-Motor sofort die volle Leistung zur Verfügung stellt. Auch das in neuen Fahrzeugen üblich verbaute elektronische Spielzeug darf nicht fehlen, löblich sind der Spur- und Abstandsassistent, mit denen sich fast automatisch fahren lässt und die einen kleinen Vorgeschmack auf das Feeling in selbstfahrenden Autos geben. Beim ersten Mal ist das ein wenig mit Nervenkitzel „Bremst er wirklich zum Vordermann“ verbunden, aber das ist schon ziemlich ausgereift, und macht vor allem auf der Autobahn Sinn.

VW E-Golf
© Kurier/Franz Gruber

Bleiben die großen Fragen, ob E-Autos wirklich die Zukunft gehört, ob die Fahrzeuge nicht viel zu teuer sind, der E-Golf kostet mit voller Ausstattung immerhin 45.000 Euro, und wie sich der Markt generell entwickeln wird. Der Preis macht E-Autos natürlich immer noch zu Exoten auf der Straße, auch wenn sich der Absatz rasant nach oben schraubt, die Stückzahlen sind noch überschaubar. Große Hemmschwelle ist neben dem Preis natürlich die geringe Reichweite. Freilich werden die Akkus immer besser, aber je stärker und größer die Batterien, desto teurer wird das ganze natürlich auch. Dazu kommt, dass das E-Tankstellen-Netzwerk  zwar mehr und mehr ausgebaut wird, aber es noch sehr lange dauern wird, bis flächendeckend E-Strom verfügbar sein wird. Und wie stellen wir uns das generell vor in Zukunft, wenn der Akku rund zwei Stunden Ladezeit braucht, aber 20 bis 30 E-Autos vor der E-Tankstelle auf Strom warten, oder erst wenn zigtausende E-Fahrzeuge die Städte erobern, die alle betankt werden müssen, hängen dann Stromkabel aus den Zinshäusern aus dem dritten oder vierten Stock auf die Straße, werden Strom-Zapfsäulen an den Straßenrändern montiert? Wirklich vorstellbar ist das alles bislang noch nicht wirklich und es gibt noch immer viel zu viele offene Fragen.

Fakt ist: Um zu einem Massenprodukt zu werden, müssen die Autos natürlich viel günstiger werden. Vielleicht sollte die Industrie darüber nachdenken, ob es nicht gescheiter wäre, auf abgespeckte E-Autos zu setzen, die vielleicht nur 100 Kilometer schaffen und ohne großen Schnickschnack auskommen, dafür aber um die 10.000 Euro zu haben sind, also rein für den Stadtverkehr ausgerichtet sind. Für Pendler wäre das die viel bessere Alternative, als ein Auto, das über 40.000 Euro kostet und sich auch bei häufiger Nutzung niemals rechnen wird können, auch wenn es im Betrieb viel günstiger ist als ein vergleichbarer Wagen, der mit fossilen Brennstoffen angetrieben wird.

Das Fazit fällt dennoch mehr also positiv aus: Der E-Golf ist ein überraschend ausgereiftes und solides E-Auto mit toller Ausstattung und einem sehr gutem Fahrgefühl. Für kurze und mittlere Strecken ideal, längere Ausflüge, geschweige denn einen Wochenendtrip nach Italien, sind E-Autos aufgrund der geringen Reichweite leider noch nicht wirklich ratsam. Und man muss sich das Auto natürlich auch leisten können, und natürlich auch wollen, nicht nur für das gute Gewissen.

 

 

Technische Daten

Preis ab € 38.690,–

Motor, Antrieb: Elektromotor mit 110 kW (136 PS), 290 Nm Drehmoment von 0-3000/min, 1-Gang-Getriebe, Frontantrieb

Fahrleistungen: 0-100 km/h in 9,6 sec., Spitze 150 km/h

Reichweite im Test: 297 km

Akku: Lithium-Ionen, 35,8 kWh

Dimensionen: 5 Sitze, Länge 427 cm, Kofferraum 341 – 1231 l, Leergewicht 1.615 kg.

 

 

(Kurier) Erstellt am 11/08/2017