Zweirad 16.05.2018

Harley-Davidson Street Bob: Wer cool sein will, muss leiden

© Bild: Harley-Davidson

Das Einstiegsbike in die Welt der Big-Twins wird souveräner – aber längst nicht seriös.

Harley selbst sieht dieses Bike gerne als rebellische Variante im Programm, als legitimen Nachfolger der Easyrider-Mentalität. Unangepasst eben. Doch in Wahrheit zaubert der Anblick dieses Bikes den meisten Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Mit seinem Purismus einerseits und dem keck aufgeschwungenen Lenker andererseits ist das Bike ein witziger Kontrapunkt zum vorgetragenen Ernst heutiger Motorräder – ein Sympathieträger, der den Outlaw-Gedanken auf freundliche Weise karikiert und mit Witz in die heutige Zeit übersetzt.

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Anspruchsvolle Haltung

Dabei zeitigt dieses eigenwillige Layout mit ultraniedrigem Sitz, hohem Lenker und mittig platzierten Fußrastern durchaus auch Nachteile: eine affige Ergonomie zum Beispiel. Laut Harley gäbe es durchaus eine Fangemeinde für diese Haltung am Motorrad, was nach der ersten Testfahrt doch unglaubwürdig erscheint: mit stark angezogenen Oberschenkeln und hoch gehaltenen Armen wird eine Ausfahrt eher zur Tortur als zum Genuss. Nach einer Viertelstunde schmerzen Hüfte, Knie, Hintern, Rücken.

© Bild: Harley-Davidson

Trotzdem kein Grund, die Street Bob aus den Augen zu lassen. Das Zubehörprogramm macht es einfach, das Modell mit anders positionierten Fußrastern und einem neuen Lenker an menschliche Bedürfnisse anzupassen.

Warum man das überlegen sollte, liegt an den übrigen Meriten dieses Modells. Es stellt ja nicht nur die günstigste Möglichkeit dar, in die Big-Twin-Welt von Harley-Davidson einzusteigen (ab 17.495 Euro), sondern bietet auch von allen neuen Softail-Modellen die leichteste, unkomplizierteste Fahrbarkeit. Jene wird vom vergleichsweise geringen Gewicht befördert (297 kg vollgetankt), aber auch von den vielen technologischen Weiterentwicklungen, die der neue Jahrgang verpasst bekam.

Da die Street Bob nicht mehr zur (eingestellten) Dyna-Familie, sondern nun eben zu den Softails gehört, profitiert sie von einem völlig neuen, leichteren und steiferen Rahmen samt modernem Monoshock-Federbein am Heck. Völlig neu sind auch die bessere Telegabel, der schlanke Tank, ein LED-Scheinwerfer, eine USB-Buchse nahe des Lenkkopfs und ein schlaues, minimalistisches Instrument, das in die Lenkerklemmung integriert wurde.

 

© Bild: Harley-Davidson

Nicht vergessen darf man auf den Ende 2016 präsentierten Milwaukee-8-Motor, der nun Einzug in die gesamte Softail-Reihe und damit auch in die Street Bob hält. Ergänzt um eine zweite Ausgleichswelle wird der Vierventiler starr im Rahmen verschraubt, bringt ein neues Maß an Geschmeidigkeit und mit 87 PS/ 145 Newtonmeter auch mehr Power, ohne den typischen Charakter eines großen Harley-V2 einzubüßen.

Im Gegenteil: Er schüttelt sich dann, wenn man’s spüren will, nimmt das Gas von niedrigen Umdrehungen sauber an und dreht donnernd durchs Band – wie es das Reinheitsgebot aus Milwaukee vorsieht.

© Bild: Harley-Davidson

Souveränes Fahrwerk

Der größere Fortschritt kommt dennoch aus dem Fahrwerk: Die deutlich erhöhte Steifigkeit der Konstruktion führt gemeinsam mit den versierteren Fahrwerkselementen dazu, dass man trotz des großen 19-Zoll-Vorderrads richtiggehend leichtfüßig unterwegs ist, dabei in den Kurven trotzdem über eine bislang nicht gekannte Stabilität verfügt. Kurz: Man ist flotter unterwegs, gleichzeitig sicherer und hat dabei mehr Spaß – die richtige Ergonomie vorausgesetzt.

( motor.at , schön ) Erstellt am 16.05.2018