© WERK/ Francesco Montero

Zweirad
06/01/2020

KTM 390 Adventure: Kleines Abenteuer

Neuzuwachs in der Reiseenduro-Einstiegsklasse: volles Elektronik-Ornat und erwachsener Rallye-Style jetzt auch für den A2-Führerschein.

Auf den ersten Blick ist die neue KTM 390 Adventure von ihrer großen Schwester 790 Adventure kaum zu unterscheiden: insektoider Scheinwerfer, kantige Form, ähnliche Silhouette. Erst bei genauem Hinsehen verraten der kleinere 14,5-Liter-Tank, der tiefere Schalldämpfer und die Aluguss-Räder die günstige Einsteiger-Reiseenduro aus Mattighofen.

Das Preisschild macht eine Verwechslung ebenfalls unmöglich: das in Indien gefertigte Einzylinder-Modell mit 373 Kubikzentimer Hubraum kostet mit 6.899 Euro nur rund halb so viel wie das ausgewachsene 790er-Pendant, lässt in puncto technischer Ausstattung aber trotzdem kaum Wünsche offen: Anti-Hopping-Kupplung, Ride-by-Wire, Kurven-ABS mit Offroad-Modus, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, Farb-Display samt Bluetooth-Schnittstelle, 12-Volt-Steckdose im Cockpit und einstellbare Handhebel sind zum fairen Basispreis serienmäßig.

Als Teil des 160 Produkte umfassenden Originalzubehörs kann außerdem ein Quickshifter an der A2-Führerschein-tauglichen Enduro nachgerüstet werden.

Auch die vorbildliche Verarbeitungsqualität ist in dieser Preisklasse nicht selbstverständlich: Der Rotstift des Herstellers macht sich so gut wie nirgends bemerkbar, die Materialwahl der einzelnen Komponenten ist hochwertig.

Bekannter Einzylinder

Das 44 PS und 37 Newtonmeter starke, drehfreudige Triebwerk mit 160 km/h Höchstgeschwindigkeit kommt in nahezu identischer Konfiguration auch im Topseller 390 Duke zum Einsatz.

Trotz überschaubarer Leistung wirkt der Eintopf niemals langweilig oder kastriert. Schon ab zirka 2.500 Touren nimmt der Vierventiler klaglos Gas an und schraubt sich flink und willig durch das Drehzahlband. Für maximalen Vortrieb will die 390 Adventure dennoch stets konzentriert auf Touren gehalten werden.

Lastwechselreaktionen sind der Enduro fremd, sie gibt sich ruckfrei, als wäre noch ein Vergaser für die Gemischaufbereitung verantwortlich. So verlieren auch Serpentinen ihren Schrecken.

Im dichten Stadtverkehr darf trotz knackig-präzisen Getriebes auf Wunsch schaltfaul dahingerollt werden. Dann schafft man auch die von KTM versprochenen 400 Kilometer ohne Zwangspause an der Zapfsäule.

Obwohl die 390 Adventure die Offroad-Abstecher unserer Testfahrt dank ihres soliden Fahrwerks und des niedrigen Schwerpunkts überraschend souverän bewältigt, ist sie vorwiegend für moderates Gelände konzipiert. Abgesehen vom überschaubaren Federweg und 172 Kilo Fahrzeuggewicht vollgetankt offenbaren bescheidene 20 Zentimeter Bodenfreiheit, Gussfelgen, straßenorientierte Bereifung, ein 19-Zoll-Vorderrad und wenig Schwungmasse klar den Fokus auf Asphalt-Einsatz.

Im Langstreckenbetrieb sind über Tempo 100 höchstens die ein wenig unterdämpften Fahrwerkskomponenten und der viel zu kurze und daher weitgehend sinnlose Serien-Windschild zu bekritteln.

Einfaches Fahrverhalten

Im engen Winkelwerk lässt sich die extrem agile KTM präzise und ohne Kraftaufwand am Alu-Lenker in Schräglage dirigieren. Der straff gepolsterte und trotzdem komfortable, 855 Millimeter hohe Sattel vermittelt in Schräglage glasklares Grip-Gefühl, die aufrechte Sitzposition mit moderatem Kniewinkel ermöglicht ausgedehnte Wochenend-Touren ohne schmerzende Erinnerungen.

Selbst von wenig routinierten Piloten verlangt die KTM 390 Adventure kein Übermaß an Konzentration. So begeistert sie ganz besonders Motorrad-Novizen, ohne bei Routiniers Langeweile aufkommen zu lassen. Abgesehen vom kontofreundlichen Einstandspreis gibt es unterm Strich also eine Menge guter Gründe, warum die „Einstiegsdroge“ in das orange Adventure-Segment einen Platz in der heimischen Garage verdient.