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Zweirad
04/05/2020

KTM: So fährt sich die neue 1290 Super Duke R

Die stärkste Kraft des Universums steckt in den Atomen selbst. Und im V2 aus Mattighofen

Nicht nur von außen betrachtet werden in Österreich die radikalsten und charakterlich kompromisslosesten Motorräder gebaut. Die Mattighofener führen auch den Journalisten gegenüber ein hartes Regiment.

Bei internationalen Pressetests gibt es prinzipiell keine halben Sachen und so kommt es schon einmal vor, dass man einen ganzen Vormittag im Sattel der 180 PS starken Super Duke auf einer der wohl anstrengendsten Rennstrecken Europas verbringt. Für 120 Minuten Nettofahrzeit lässt man uns sonst einen ganzen Tag Zeit – nicht so bei den Landsleuten.

Spiel mit den Limits

Wenn man schon einen irren Aufwand treibt, um noch ein paar Newtonmeter an Drehmoment und ein paar Kilowatt an Leistung aus dem 1301-Kubik-V2 zu pressen, dann sollen gefälligst auch die Tester ans Limit gehen. Schließlich soll sich zeigen, welchen Entwicklungsschritt die 1290 Super Duke R in dritter Auflage gemacht hat.

Diesmal begnügte man sich nicht bloß mit ein paar Detailänderungen und dem notwendigen Euro-5-Update, sondern ging an die Substanz. Erstes Indiz ist der für ein sportliches Naked Bike enorme Gewichtsverlust. Sechs Kilo soll das drahtige Getier mit dem Gitterrohrrahmen abgespeckt haben: an Motor, Antriebsstrang und dank des neuen Alu-Carbon-Hecks.

Neben aufgewerteten Komponenten wie einer neuen Bremsanlage und Federung sind aber vor allem die Anpassungen an der Geometrie entscheidend. Änderungen wie eine neue Umlenkung am Federbein und ein versetzter Drehpunkt der verlängerten Schwinge verbessern die Fahrdynamik hinsichtlich höherer Traktion und Stabilität.

Die Schwachstelle der Super Duke war bisher ein zu weiches Chassis und eine daraus resultierende Nervosität und Ungenauigkeit. Das machte das Fahren anstrengend und im eher negativen Sinn spannend. Durch mehr Präzision beim harten Anbremsen, weniger Bewegung in Schräglage und besserer Traktion am Kurvenausgang spart man jetzt nicht nur Nerven, sondern vor allem Kraft. Anders hätten sich die zwei Stunden in Portimao niemals so (relativ) locker herunterspulen lassen.

Emotionsgeladen

Nach der Rennstreckeneinheit folgte eine scharf gewürzte Straßenausfahrt. Am Freiland galoppiert der brennende Stier los, als würde er sämtliche Einhörner ein für alle Mal ins Meer treiben wollen. Die Einhörner sind diesfalls alle anderen Motorräder und sie sind der Super Duke schutzlos ausgeliefert. Sie ist eine steroidgefüllte Fahrmaschine, die über schier unendliche Leistungsreserven verfügt. Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das dem Explodieren eines Stern gleichkommt.

Wie man so eine Kiste Dynamit überhaupt unter Kontrolle bringt? Durch modernste elektronische Regelsysteme. Drei Fahrmodi, ein schräglagenabhängiges ABS und eine ebensolche Traktionskontrolle mit Start- und Anti-Wheelie-Funktion sind auf diesem Niveau jenseits der 20.000 Euro – 21.299, um genau zu sein – heute schon Standard.

KTM schnürt für sein Naked-Flaggschiff aber ein noch umfangreicheres Paket und addiert eine Motorschleppregelung, einen Tempomaten, ein Reifendruck-Kontrollsystem, adaptives Bremslicht, automatische Blinkerrückstellung, Keyless-Go und einen vollwertigen Schaltautomaten, auf den man nicht nur auf sportlichen Motorrädern bald nicht mehr verzichten wird wollen.

Seien Sie also beruhigt, am Ende des Tages ist die Super Duke ein freundliches, handzahmes Wesen. Denn selbst unter dem Hochdruck einer KTM-Pressevorstellung passierte kein einziger Sturz.