Classic
08/10/2019

Mikro-Mobilität: Die Kleinwagen-Klassiker von einst

Im Einbecker PS.Speicher zeigen sich kuriose Winzlinge aus aller Welt

Autos, die aussehen wie Kinderspielzeug: Mit Kabinenrollern, Mikromobilen und billigen Fahrmaschinen erfüllte sich für viele Menschen einst der Traum vom fahrbaren Untersatz mit Dach. Nach der Rettung von Europas größter Sammlung von Klein- und Kleinstwagen aus vergangenen Epochen wird diese nun vom PS.Speicher in Einbeck verwaltet. Insgesamt beinhaltet die Kollektion an die 250 Fahrzeuge. Ein Teil davon befindet sich in der Sonderausstellung "Klein, aber mein" im PS.Speicher. Wir haben uns dort einmal umgesehen und zeigen in unserer Bildergalerie die spannendsten Winzautos.

Los geht die Ausstellung "Klein- und Kleinstwagen aus aller Welt" mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Deutschland lag am Boden, mit ihm die Flugzeugindustrie. Neue Flugzeuge durften nicht gebaut werden, sodass sich viele Ingenieure aus diesem Bereich mit der Herstellung von Kleinstwagen beschäftigten.

Einer dieser ehemaligen Flugzeug-Konstrukteure war Fritz Fend. Sein erster Entwurf namens Fend Flitzer von 1948 erinnert noch sehr stark an eine Flugzeugnase auf Rädern. Die Leistung betrug zwischen einem und 4,5 PS. Bis 1951 entstanden rund 280 dieser Einmann-Autos.

Noch ein ehemaliger prominenter Flugzeugproduzent sattelte nach 1945 auf Kleinstwagen um: Allerdings kam die Heinkel Kabine erst 1956 auf den Markt, als die Mikroauto-Welle in Deutschland bereits abflaute. So entstanden bis 1958 nur rund 12.000 Fahrzeuge. Als Trojan wurde der gut 10 PS starke Wagen noch bis 1965 in Irland gebaut.

Der vermutlich globalste Kleinstwagen nach dem Krieg war das Fuldamobil, hier ein N2 von 1952. Von 1951 bis 1969 wurden in Deutschland insgesamt etwa 2900 Fahrzeuge gebaut. Doch damit nicht genug: Es gab das Dreirad in den Niederlanden als Bambino, als Fram-King in Schweden, in Großbritannien als Nobel, in Griechenland als Alta und Attica und auch in Argentinien und Chile.

Einer der kreativsten Kleinwagen-Köpfe war Paul Kleinschnittger aus dem deutschen Arnsberg. Sein erster Entwurf mit 98-Kubik-Motor (vorne im Bild) geht auf das Jahr 1939 zurück. Von 1950 bis 1957 baute Paul Kleinschnittger gut 3.000 Exemplare des nur 150 Kilogramm schweren F 125 (Mitte).

Um den gestiegenen Ansprüchen seiner Kunden etwas zu bieten, entwarf Kleinschnittger 1954 den Kleinschnittger Spezial mit 17 PS. Das Cabrio diente ihm zu privaten Zwecken, aber auch als Werbeträger für potenzielle Kreditgeber. Ohne Erfolg: 1957 muss Kleinschnittger Konkurs anmelden.

Auch in Frankreich grassierte ab 1945 das Kleinstwagen-Fieber. Der Ingenieur Robert de Rovin baut zwischen 1950 und 1953 den 13 PS starken D-4 in rund 1.200 Exemplaren. 1959 ist Rovin bankrott.

Der Klassiker unter den Kleinstwagen der 1950er-Jahre ist zweifellos der Messerschmitt Kabinenroller. Topmodell ist der Tg 500, inoffiziell "Tiger" genannt. 20 PS bringen den vierrädrigen Wagen bis auf Tempo 130. Nur etwa 320 Exemplare sollen entstanden sein, heute ist solch ein Fahrzeug sehr teuer.

Die Hans Glas GmbH aus Dingolfing baute von 1955 bis 1969 das sehr erfolgreiche Goggomobil. Kaum bekannt ist sein australischer Ableger, der Dart. Bill Buckle aus Sydney reiste extra nach Dingolfing, um für eine schnellere und sportlichere Variante zu werben. Tatsächlich bekam Buckle eine Lizenz und baute 1959 den 18,5 PS starken Dart mit Zweizylinder. 100 km/h soll der Mini-Roadster erreichen.

Auch in Großbritannien entstehen nach 1945 überall kleine Hersteller wie die Coronet Cars Ltd. in Dengham. Dort baut man zwischen 1956 und 1960 den Coronet, einen Roadster mit drei Rädern, Aluminium-Karosserie und 18 PS Leistung.

Generell hielten sich Dreirad-Fahrzeuge in England sehr lange, da sie mit Motorradführerschein gefahren werden durften und steuerlich günstiger waren. Ein Teil der Ausstellung in Einbeck zeigt die skurrilsten Modelle.

Der Bond Bug hat mit 007 nichts zu tun. 2,79 Meter ist das Dreirad kurz, zum Einstieg klappt die Fahrerkanzel nach vorne. Satte 29 PS aus einem 700-Kubik-Vierzylinder reichten dem 400 Kilogramm leichten Bond Bug für 121 km/h Spitze. Zwischen 1970 und 1974 entstanden 2.268 Exemplare.

Er sieht aus wie ein geschrumpfter Porsche 356: Die Idee des Weidner Condor geht auf Hans Trippel zurück, der im Zweiten Weltkrieg einen Schwimmwagen konstruiert hatte. Ihm schwebt ein Sportwagen für die kleinen Leute vor. Als Partner gewinnt er die schwäbische Landmaschinenfirma Weidner. Leider ist der 32 PS starke Condor mit Zweizylinder-Zweitaktmotor mit 7.000 DM sehr teuer. So entstehen 1958 gerade einmal 200 Exemplare des 135 km/h schnellen Wagens.

Die bizarre Brütsch Mopetta wirkt, als wäre sie vom Kinderkarussell gefallen. Wie der Name schon sagt, schwebt ihrem Konstrukteur Egon Brütsch ein Zwitter aus Motorrad und Auto vor. Doch das war Ende 1956 der Kundschaft zu wenig, ebenso der mickrige 50-Kubik-Motor mit 2,3 PS Leistung. Bis 1958 entstanden nur 14 Exemplare der gut 80 Kilogramm schweren Mopetta, die gegen Ende durch ein Mitglied der Opel-Dynastie als "Opelit" vermarktet wurde.

Ein Zylinder, 197 Kubik, 8,5 PS: So lauten die Eckdaten des britischen Scootacar. Die Ehefrau des Direktors der Hunslet Engine Company wollte ein kleines Stadtmobil haben. Als Resultat debütiert zwei Jahre vor dem Mini anno 1957 das Scootacar. Es gibt nur eine Tür, sie ist auf der linken Seite angebracht. Der Motor befindet sich unter der Sitzbank für zwei Personen. 1964 endet die Produktion nach rund 1.000 gebauten Exemplaren.

Wir haben bereits den Bond Bug gesehen. Die britische Firma Bond begann 1949 mit der Fertigung dreirädriger Autos. Als Bezeichnung wählt man schlicht "Minicar". Da die Fahrzeuge optisch einem vollwertigen Auto nahekommen, sind sie erfolgreich: Bis 1961 baut Bond 24.484 Minicar.

Mochet? Noch nie gehört. Dahinter verbirgt sich der Franzose Charles Mochet, der schon seit 1924 Kleinfahrzeuge baute. 1951 präsentierte Mochet einen hübschen Viersitzer mit Rolldach, den CM 125 Y. Obwohl er nur 50 km/h schafft, fand er seine Liebhaber. Bis in die 1960er-Jahre hinein waren nämlich Wagen bis 125 Kubikzentimeter Hubraum in Frankreich führerschein- und steuerfrei.

Fans von Mister Bean und Top Gear werden die Dreiräder von Reliant kennen. Von 1935 bis zum Ende der Produktion 2001 setzten die Briten ihren Schwerpunkt auf Autos wie den Rialto. Ihn gab es zwischen 1981 und 1998. Den 40-PS-Motor stiftete der Mini. Gegenüber diesem sparten Rialto-Eigner aber über die Hälfte an Kraftfahrzeugsteuer.

Die Firma AC Cars assoziert man mit Sportwagen wie der Cobra. Doch 1972 entwirft AC diesen Prototyp eines dreirädrigen Autos. Ausgerüstet ist er mit einem BMC-Motor plus Variomatic-Getriebe. Aber trotz aufziehender Ölkrise geht der Baby-AC nicht in Serie.

Allwetter-Roller? Ernsthaft? Das denkt sich so mancher Besucher beim Anblick des Kroboth. 1954 kam das bis zu 80 km/h schnelle Dreirad auf den Markt und hielt sich dort zwei Jahre lang. Doch nur gut 50 Stück wurden gebaut.

Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd. So dichtete in den 1950er-Jahren der Volksmund über das Minimalauto aus dem Borgward-Konzern. Die viersitzige Karosserie war auf einem Zentralrohr mit Querträgern und einer Bodenplatte aus Stahlblech aufgebaut. Sie bestand aus einem mit Sperrholzplatten und gebogenen Blechteilen beplankten Holzgerippe und war mit Kunstleder bespannt. Die Kunden störte das nicht: Sie bekamen für relativ wenig Geld ein zwar langsames Auto, aber eben ein Auto. Bis 1961 entwickelten sich die kleinen Lloyd-Modelle sehr erfolgreich vom LP 300 bis zum LP 600. Knapp 300.000 Fahrzeuge liefen vom Band.

Ein großer Rivale von Lloyd war die Firma Glas aus dem bayerischen Dingolfing. Auf Basis des Goggomobils entstanden dort auch pfiffige Lieferwagen im Bonsai-Format. In den Jahren 1957 bis 1965 baute Glas das Modell TL, einen vom Goggomobil abgeleiteten Kleintransporter mit zwei Schiebetüren und Heckklappe, der geschlossen und mit offener Ladefläche als kleiner Pick-up erhältlich war. Einen großen Teil der Produktion (etwa 2000 Stück) kaufte die Deutsche Bundespost.

Als eine der ersten bewussten Kleinwagen-Konstruktionen kann der Hanomag 2/10 PS aus Hannover gelten. Ab 1925 entstand er in Fließbandfertigung. 2/10 PS bezog sich auf die Leistung in Steuer- und realen PS. Immerhin 15.775 Stück wurden bis 1928 gebaut. Da hatte der rundliche Hanomag schon seinen Spitznamen weg: Kommissbrot nach dem Brot für Soldaten.

Wagen fürs Volk sollten auch diese beiden hier sein. Hinten sehen wir den DKW F1 von 1931, der erste serienmäßig hergestellte Pkw mit Frontantrieb. Vorne parkt der Dixi 3/15 DA von 1928/29, ein Lizenzbau des britischen Austin Seven. DA stand für "Deutsche Ausführung" bei dem in Eisenach gebauten Wagen. Nach der Übernahme von Dixi durch BMW wurde der 3/15 zum ersten Auto von BMW.

In Zwickau, wo vor 1945 DKW-Modelle gebaut wurden, entstand nach dem Krieg der VEB Kraftfahrzeugwerk Audi Zwickau. 1955 startete die Produktion des AWZ P70, einer Neuentwicklung und Vorläufer des späteren Trabant. Ein Meilenstein war die Kunststoffkarosserie aus Duroplast.

Vermutlich aufgrund seiner Limousinen-Optik wurde das Goggomobil bis in die 1960er-Jahre zum König der Kleinstwagen. Maximal 400 Kubik und 18 PS rumpelten im Heck mit Zweizylinder-Zweitakt-Sound. Bis Ende Juni 1969 fertigte man in Dingolfing rund 285.000 Goggomobile.

Ab Ende der 1960er-Jahre mischten japanische Autohersteller weltweit die Kleinwagenmärkte auf: Honda Z wurde 1970 ein eigenwillig gestaltetes Dreitürer-Coupé genannt, das auf der Basis der N600-Limousine entstand. Dieser Sportwagen war in Japan ein Kei Car. Der Export erfolgte mit größerem Motor. Wobei "groß" sehr relativ war: 600 Kubikzentimeter Hubraum sorgten für 38 PS für 595 Kilogramm Leergewicht.

Ab den 1950er-Jahren entwickelten insbesondere die großen Autokonzerne aus Frankreich und Italien clevere Kleinwagen-Ideen. 1955 erschien der Fiat 600 (im Vordergrund), 1961 der Renault 4. Beide errreichten Auflagen von mehreren Millionen.

So könnte es sich um 1960 zugetragen haben: In Einbeck präsentiert man die Kleinstwagen in passender Umgebung.

Er ist der womöglich der cleverste Kleinwagen aller Zeiten: der Mini. Dank Frontantrieb und quer eingebautem Motor gab es trotz nur 3,05 Meter Außenlänge innen genug Platz für vier Personen. Unglaubliche 41 Jahre lang, von 1959 bis 2000 wurde der Mini gebaut.

Auch in einem anderen Ausstellungsteil des Einbecker PS.Speicher finden sich Kleinstwagen: Diese Repliken des nur 1,90 Meter Peel Trident und des Messerschmitt Kabinenrollers fahren elektrisch.

Was war eigentlich das erfolgreichste US-Elektroauto VOR Tesla? Dieser orangene Keil hier: Der Sebring-Vanguard entstand unter dem Eindruck der ersten Ölkrise von 1973. 591 Kilogrammm wiegt der bis zu 6 PS starke Zweisitzer, die Reichweite betrug rund 64 Kilometer. Bis 1982 entstanden 4.444 Einheiten des Elektroautos.

Den Namen Zagato assoziiert man eher mit Alfa Romeo oder Aston Martin. Doch von 1974 bis 1976 entstanden knapp 500 Exemplare des würfelartigen Zagato Zele. Seine Eckdaten: 1,95 Meter lang, zwei Türen, Heckklappe und Kunststoffkarosserie. Der schwarze Streifen in der Mitte sollte die Verbindungsnaht zwischen den beiden Häften kaschieren. 160 Kilogramm Batterien stellten den Saft für den 4,8 PS starken Elektro-Mittelmotor bereit, maximal waren 40 km/h drin. In den USA wurde das Fahrzeug unter dem Namen Elcar verkauft.