Angelika Sodian

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Portrait
05/09/2017

"Das Wichtigste ist es, ehrlich zu sein"

Wie eine Villacherin zur zentralen Figur eines chinesischen Elektroauto-Start-ups wurde.

von Horst Bauer

Eigentlich waren zwei Dinge klar für Angelika Sodian. Sie wollte nicht wieder in einer Firma angestellt werden, sondern mit ihrem Beratungsunternehmen selbstständig bleiben. Und sie wollte nicht aus Schanghai, wo die promovierte Betriebswirtin fünf Jahre lang deutschsprachige Zulieferer der Autoindustrie beim Aufbau ihrer Filialen in China beraten hatte, zurück nach Europa.

Heute ist die Villacherin Managing Director des jungen Elektroauto-Start-ups mit chinesischen Wurzeln namens NIO in England, verantwortet neben dessen Vorausentwicklungszentrum auch das Formel-E-Team der Marke und ist vor Kurzem von München, wo sie das Design- und Entwicklungszentrum für die Chinesen aufgebaut hat, nach London übersiedelt.

Es muss also schon recht viel Substanz hinter den Plänen der sechs chinesischen Gründer und Investoren von NIO stecken, wenn sie in der Lage sind, eine mit ihrer eigenen Firma erfolgreich an der Schnittstelle von Europa und China operierende Spezialistin für internationales Management zu gewinnen.

Angelika Sodian: "NIO war eigentlich ein Kunde von mir. Aber ich habe das Unternehmen und den Businessplan innerhalb von ein paar Tagen so spannend gefunden, dass ich zu einer der ersten Mitarbeiterinnen geworden bin. Unser Unternehmen wurde im November 2014 als NextEV gegründet und im Frühjahr 2015 haben wir operativ gestartet. Da waren wir in einem angemieteten Büro in Schanghai mit 35 bis 40 Leuten und mein erster Auftrag war, nach München zu gehen und dort das Designstudio von null weg aufzubauen." Heute werken dort über 100 Designer unter der Führung des Amerikaners Kris Tomasson, die mit dem Supersportwagen NIO EP9, der Studie eines autonom fahrenden Autos der Zukunft (NIO Eve) und dem serienreifen Luxus-SUV NIO ES8 bereits drei vollkommen unterschiedliche Autos auf die elektrisch angetriebenen Räder gestellt haben.

Im Oktober des Vorjahres führte sie der nächste Schritt nach England, wo sie eigentlich den operativen Teil der Leitung des dortigen Vorausentwicklungszentrums und des ebenfalls in Oxford angesiedelten Formel-E-Teams übernehmen sollte, um den erkrankten Briten Martin Leach zu entlasten.

Formel E Teamchefin

Der anerkannte Techniker, Veteran der internationalen Autobranche, der bleibende Spuren bei Ford und Mazda hinterlassen hat und kurzfristig auch Chef von Maserati war, hatte die Entwicklung des Elektro-Supersportwagens NIO EP9 federführend mitbestimmt. Er konnte den Rundenrekord für Elektro-Autos auf der Nürburgring-Nordschleife zwar noch mitfeiern, aber dann den Kampf gegen den Krebs leider nicht gewinnen.

Für die promovierte Betriebswirtin mit Spezialisierung auf internationales Management bedeutete das nicht nur, ihren ersten Kurzurlaub nach 16 Monaten ohne freien Tag sofort abzubrechen und früher als geplant in London antreten zu müssen. Sie rückte auch gleich zum Managing Director auf und somit zur Chefin einer spezialisierten Truppe von Technikern und Ingenieuren.

Keine leichte Situation, möchte man meinen. Aber als Frau, die ihr gesamtes Berufsleben in einer männlich dominierten Branche verbracht und dabei nie schlechte Erfahrungen in punkto Akzeptanz gemacht hat. "Die Männer im Management haben das eigentlich immer positiv empfunden, dass da eine Frau dabei war"), weiß Sodian damit umzugehen: "Das Wichtigste in so einer Situation ist es, ehrlich zu sein. Ich hab nicht vorgegeben, dass ich eine Formel-E-Expertin bin, sondern bin reingegangen und habe gesagt, ich bin Betriebswirtin, ich kenn das Unternehmen sehr gut und ich habe lange in China gelebt. Das sind meine Stärken, den Rest müsst ihr mir erklären. Dann werde ich mich mit den Technikern koordinieren."

Auch wenn sie sich jetzt in die technischen Feinheiten eines Formel-E-Boliden erst einarbeiten muss, im Autogeschäft ist die 39-jährige Managerin nicht ganz durch Zufall gelandet. Aufgewachsen in Villach in Kontakt mit mehreren väterlichen BMWs (bis heute ihre Lieblingsmarke und auf den VW Polo als Matura-Auto folgte schon bald mit einem 1er auch der erste BMW im privaten Fuhrpark), hat sie mit Autos immer schon etwas anfangen können. So war es auch quasi vorprogrammiert, die Doktorarbeit an der Grazer Uni für ein Projekt von Magna-Steyr zu machen, danach für den Konzern nach Schanghai zu gehen und dort schließlich die eigene Beratungsfirma zu gründen.

Angelika Sodian hat mit dem Einstieg bei NIO definitiv einen strategischen Karriereschritt gemacht. Nach fünf Jahren, in denen sie europäischen Unternehmen der Autobranche geholfen hat, in China Fuß zu fassen, steht sie jetzt auf der anderen Seite.

Und die Zeit, in der weitere chinesische Autofirmen Hilfe beim Ankommen in Europa brauchen werden, kommt bestimmt.

Dr. Angelika Sodian (39) stammt aus Villach, absolvierte dort das Gymnasium und studierte in Graz an der Karl-Franzens-Universität Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationales Management. Während des Studiums absolvierte sie mehrere Auslandsaufenthalte und schrieb ihre Diplomarbeit im Jahr 2000 für das Kärntner Unternehmen SEZ in Tokio, wo sie auch Japanisch zu studieren begann. Nach der Rückkehr aus Tokio bzw. Osaka beendete sie ihr Studium in Graz und ging als Doktorandin zu Magna-Steyr, wo sie bereits als Angestellte ihre Doktorarbeit schrieb und nach dem Studienabschluss 2008 für den Konzern nach Schanghai umzog. Eineinhalb Jahre später gründete sie in Hongkong ihr eigenes Beratungsunternehmen, mit dem sie in Schanghai tätig wurde. 2015 bekam sie NIO als Kunden und stieg kurz darauf bei dem Elektroauto-Start-up ein. Dort ist sie heute Geschäftsführerin für England und Teil des globalen Senior Managements.