Technik
08.09.2016

Autonomes Fahren: Der Mensch als Beifahrer

Wie Mensch und Technik auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto voneinander lernen sollen.

Automatisiertes Fahren elektrisiert die Autobranche. Autonom fahrende Modelle sind auch bereits auf öffentlichen Straßen unterwegs. Und sie machen ihre Aufgabe nicht schlecht, wie die Autorin im "Jack" von Audi erleben konnte.

Audi leitet innerhalb des VW-Konzerns die Entwicklung des autonom fahrenden Autos, das in der Endausbaustufe ohne Lenker und somit ohne Pedale die Passagiere ans Ziel führen soll. Derzeit befinden sich laut Audi die Autoentwickler in der Phase 2 auf der fünfteiligen Skala.

Datensammlung und Kundennutzen

Für die nächsten Phasen muss das Auto noch viel lernen. Dafür werden einerseits die bereits bisher aus den Autos verfügbaren Daten genutzt, vor allem aber speziell dafür ausgerüstete Fahrzeuge eingesetzt.

Bei Audi sind dies "Persönliche Dienst-Wägen", kurz PDW, die seit Monaten fleißig Daten an die Entwickler liefern. So sehen die Techniker per Knopfdruck, wo sich das entsprechende Auto befindet, Tempo, Tankstand, den nächsten Servicetermin, die Qualität des Telefonnetzes, die Temperatur vor Ort – insgesamt 6 Mrd. Datensätze nach 630.000 km Fahrt, wie die Techniker beim Audi Tech-Day "Connectivity" (Vernetzung) vor Kurzem in München berichteten. Damit wird auch registriert, welche Bedientasten der Lenker am häufigsten druckt, welches Radio er wann am liebsten hört, wie er lenkt, wann er schaltet, welche Routen er wann am häufigsten fährt. Punkto Navigationsdaten ist Audi Teil des "Here"-Projekts (Here gehörte früher Nokia).

Aus den Daten lesen die Techniker so manche unerwartete Erkenntnis heraus: "Mit den A6 wird sportlicher in die Kurven gelenkt als mit den Audi TT." Zumindest bei jenen, die von den Audi-Managern gefahren werden.

Das aus den Daten gefilterte Wissen nutzt Audi einerseits, um Fahrassistenten "menschlicher" auszulegen, anderseits, um Zusatzdienste etwa im Infotainment-Bereich anzubieten: Von der selbstlernenden Routenassistenz (bereits erhältlich in Q7, A4, A5), die auch bei nicht eingeschalteter Navigation "mitdenkt" und bei Verkehrsproblemen vorschlägt, das System einzuschalten, um Alternativrouten zu erfahren. Bis zu "PIA", einer künftigen persönlichen Assistentin, die aus dem Verhalten des Lenkers lernt und dann "die Funktionen des Autos auf Verhaltensweisen und Bedürfnisse des Fahrers einstellt und aktiv Empfehlungen gibt", z. B. bei Regen die Klimaanlage auf Defrost zu stellen. Die Dienste sollen unterdrück- wie löschbar sein. Der künftige Abstandsregler wiederum soll automatisch das Tempo entsprechend der Limits drosseln.

Die Autos werden künftig mit der Infrastruktur wie Ampeln interagieren, aber auch mit anderen Fahrzeugen, die ebenfalls ständig Daten an Großrechner liefern. So können Autos etwa einander vor Gefahren wie großen Schlaglöchern warnen und diese dann gleich automatisch umfahren.

Das Problem: Die Entwicklung kostet die Autobranche Milliarden. Verdienen will sie diese z. B. mit der schrittweisen Einführung immer zahlreicherer Apps (Anwendungen) und Assistenten.

Technik im Hintergrund

Vernetzung Punkto Sensoren fehlen z.B. in Oberklassenautos für die nächsten Schritte der Auto- matisierung des Fahrens praktisch nur Laserscanner. Das Herzstück der Vernetzung wird das zentrale Fahrerassistenzsteuergerät, bei Audi "zFAS", wo die TTTech aus Wien die Plattform-Software liefert.

Rechner Die Frage, wo künftig die Rechner für die gigantischen Da- tenmengen von automatisiert fahrenden Autos stehen und von wem sie betrieben werden, be- antwortet Audi damit, es werde noch geprüft. Für den aktuellen Testbetrieb mit vernetzten Audis, der bisher rund 6 Mrd. Datensät- ze lieferte, stehen die Rechner in Ingolstadt.Mobilfunkstandard: LTE.

Datenschutz Audi: "Er ist sehr wichtig. Wenn die Verwendung von personenbezogenen Daten über die konkrete Vertragsab- wicklung oder sonstige gesetzli- che Erlaubnis hinaus gehen soll, wird dafür eine zweckgebundene Einwilligung des Kunden einge- holt. Sämtliche mit Einwilligung des Kunden genutzten Daten werden anonymisiert an den Audi IT-Server weitergegeben und aus- gewertet" Der Kunde könne Info- tainment-Daten jederzeit löschen.

Audi als Erster mit rollendem Fahrsimulator

Zahl und Können der Assistenzsysteme im Auto werden immer umfangreicher. Vieles, wie der Notbremsassistent für Fußgänger, lässt sich im realen Straßenverkehr praktisch nicht vorführen. Audi setzt hier laut eigenen Angaben als erster Autohersteller auf Virtual Reality. Vorerst für die Schulung von Autoverkäufern.

Selbstversuch

Auf einem abgesperrten Testfeld in München lud Audi zu einem Selbstversuch. Also Spezialbrille auf und dann den Kommandos folgen. Doch so einfach ist das nicht. Wo ist der Startknopf des (realen) Audi? Also Brille wieder ab. Druck auf den Startknopf. Brille wieder auf den Kopf. Wo sind Gas- und Bremspedal und der Ganghebel? Brille wieder herunter. Blick in den Fußraum, Ganghebel auf "D". Brille wieder auf den Kopf.

Nun also los. Das Auto fährt real, das Verkehrsgeschehen und die Umwelt werden über die Spezialbrille eingespielt. Als Erstes eine rote Ampel, dann diverse Hütchen, die zu umfahren sind, Wendemanöver, Konzentration auf städtischen Verkehr mit Radfahrern und querenden Kindern. Plötzlich springt ein (virtuelles) Kind zwischen seitlich parkenden Autos auf die Fahrbahn, direkt vor den Audi. Der Notbremsassistent "Pre Sense City" schlägt an, leitet die Bremsung ein, den Rest mache ich. Alles gut gegangen.

Jetzt brauche ich nur mehr einen Parkplatz. Geschafft. "Schauen Sie auf den Beifahrersitz", fordert mich der Techniker neben mir auf. Ich schau hin – keiner da. "Schauen Sie auf das Lenkrad. Sie haben keine Hände mehr." Stimmt. Die bezaubernde Jeannie hätte ihre Freude.

Dabei bietet Audi einen ganz realen Ausblick auf die Zukunft. Künftig sollen mit solchen Brillen auch andere, im echten Verkehr kaum zu testende Assistenten von Autoverkäufern, aber auch interessierten Kunden ausprobiert werden können.

Falls kein absperrbarer Platz fürs Ausprobieren zur Verfügung steht, lassen sich die einzelnen Assistenzsysteme auch im Kleinen mit einem Schaukasten zusammen mit einem Bildschirm, wo die Fahrsituation virtuell dargestellt wird, vorführen.

Aber auf diese Weise sollen von Kunden auch diverse Extras im Auto ausgewählt und probiert oder von Werkstätten Reparaturen geübt werden.