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05.12.2011

China und seine Billig-Getriebe

© Bild: Werk

Der Getriebespezialist ZF ging dem chinesischen Preiswunder auf den Grund. Das überraschende Ergebnis.

Früher produzierte man Lkw für den Westen und bediente damit auch die anderen Märkte mit ihren relativ geringen Stückzahlen", so Wilhelm Härdtle von ZF in seinem Vortrag auf der Internationalen Fachtagung "Nutzfahrzeuge" in Steyr.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich diese Situation aber grundlegend verändert. Während der Wirtschaftskrise in Nordamerika und Europa hat China den Westen überholt und ist nun mit großem Abstand weltweit größter Nutzfahrzeugproduzent. China stellt nicht nur weltweit die meisten Lkw her, sondern auch die meisten Lkw pro Kopf (siehe Zusatzgeschichte).

Global agierende Unternehmen wie der Getriebespezialist ZF Friedrichshafen müssen sich auf diesen Wechsel einstellen, um am Ball zu bleiben. Um dabei sowohl im Vergleich zu chinesischen Mitbewerbern konkurrenzfähig zu bleiben, aber dennoch das gewohnte Qualitätsimage von ZF nicht zu gefährden, haben ZF-Spezialisten anhand eines Standardgetriebes den Unterschied zwischen Deutschland und China untersucht und dabei überraschende Erkenntnisse gewonnen, so Getriebe-Entwicklungsleiter Wilhelm Härdtle auf der VDI-Tagung in Steyr.

Grundsätzlich, so Härdtle, könnte man davon ausgehen, dass auch Lkw-Käufer in China europäische Qualität wollen. Tatsache aber sei, dass sie nicht das Geld dafür haben. Selbst wenn die europäische Technologie über die Lebensdauer billiger käme, entscheidet sich der chinesische Käufer für das heimische Produkt, das zwar meist nur 120.000 statt 800.000 km wie in Europa hält, dafür aber zu einem für ihn leistbaren Preis angeboten wird.

Der Unterschied

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Der Vergleich eines ZF- mit einem chinesischen Standardgetriebe zeigt die wichtigsten Unterschiede:

- ZF setzt auf 16, China auf 12 Gänge.

- Das Geräusch beträgt 75 dB(A) bei ZF bzw. 95 dB(A).

- Das Getriebe wiegt 320 kg (ZF) bzw. 400 kg.

- Die Lebensdauer ist auf 800.000 km (ZF) bzw. 120.000 km ausgelegt.

- Die Haltbarkeit zielt bei ZF auf möglichst geringe Ausfälle im Betrieb, in China sind häufige Reparaturen üblich.

- Die Kosten beim chinesischen Standardgetriebe liegen um 34 % unter den des ZF-Vergleichsgetriebes.

Erfolgsfaktor

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Für den Markteintritt in China passte ZF das EU-Standardgetriebe "Ecosplit" an die chinesischen Rahmenbedingungen an, aber das reichte nicht, um auch beim Preis chinesische Niveaus zu erreichen.

Am Design des Getriebes liegt das nicht, wie ZF herausfand. Denn wird das einfachere chinesische Getriebe in Deutschland produziert, ist es praktisch gleich teuer wie ein ZF-Standardgetriebe. Dies ändert sich aber, wenn die Produktion in einem chinesischen Werk erfolgt.

Chinas Preisvorteil in der Produktion erklärt ZF durch folgende Unterschiede im Vergleich etwa zu einem deutschen Werk:

- Das gleiche Getriebe schaut in einer chinesischen Fertigung praktisch nie gleich aus. "Keines ist wie das andere."

- Als kleinsten gemeinsame Nenner der hergestellten Getriebe in China hat ZF, so Härdtle, das Merkmal herausgefiltert: "Es dreht sich." Das sei auch die entscheidende Qualitätsanforderung, dass das Getriebe in China das Werk verlassen darf. Aufwendige Qualitätsprüfungen oder Tests am Produktionsende sind im Reich der Mitte derzeit ebenso wenig üblich wie langwierige Erprobungs- und Abstimmungsarbeiten vor
dem Anlauf einer Produktion.

Anpassung

ZF hat auf diese regionalen Besonderheiten reagiert und das europäische Standardgetriebe Ecosplit für China "abgespeckt". Allerdings haben auch die Chinesen selbst "Anpassungen" vorgenommen. ZF musste feststellen, dass chinesische Produzenten nicht nur alte ZF-Getriebe, für die sie Lizenz bezahlten, fleißig kopieren, sondern auch neue. Gemein ist diesen Kopien, dass sie alle nicht einmal halb so lange halten wie das Original. Aber: Sie sind um mehr als zwei Drittel billiger als das Original. Eine wirksame Strategie dagegen hat offenbar auch ZF nicht.

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