News 05.12.2011

Le Mans: Gallische Hinrichtung

Le Mans: Gallische Hinrichtung
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24 Stunden von Le Mans. Audi besiegt Peugeot - Impressionen eines Rennens, mit dessen Ausgang so niemand gerechnet hat.

Der Mythos Le Mans ist schwer an Einzelheiten festzumachen. Es ist ein Rennen mit völlig eigenen Dimensionen und Gesetzen, eine Melange aus Speed, Tradition, Wahnsinn und Atmosphäre. Keine andere Motorsportveranstaltung der Welt liefert derart viele Superlative, in Le Mans ist alles etwas anders als bei den vielen übrigen Sportwagenrennen: Die Gerade ist länger, der Speed höher, die Nacht kürzer, das Licht wärmer, die Fans verrückter, das Ambiente magischer. Jeder, der die grausame Prüfung zwei Mal rund um die Uhr besteht, ist ein Sieger, wer knapp vor dem Ziel ausfällt, wird nicht als Verlierer verachtet, sondern vielmehr als Märtyrer verehrt.

Die 24 Stunden im Departement Sarthe, rund eine TGV-Stunde südwestlich von Paris, zu gewinnen, erhöht jeden Hersteller in den automobilen Adelsstand. Mit dem nach 2000, 2002 und 2004 nun bereits vierten Dreifach-Sieg ist Audi im Olymp der Hersteller und in ebenso schöner wie illustrer Gesellschaft mit Bentley, Alfa, Ferrari, Jaguar, Ford, Matra und - natürlich - Porsche, die mit insgesamt 16 Gesamtsiegen souverän die Siegerlisten anführen.

Brisantes Duell

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Peugeot, bereits Sieger in den Jahren 1992 und 1993, gilt für die 78. Ausgabe des Klassikers als klarer Favorit, schließlich haben die Löwen aus Sochaux 2009 nicht nur gewonnen, sondern das Rennen im Vorjahr in eindrucksvoller Manier souverän beherrscht. Audi hat die '09er-Schlappe nur mühsam verdaut, die Contenance zwar gewahrt, aber es geradezu als Schmach empfunden, zu verlieren. Und grimmig angekündigt, Revanche zu nehmen und heuer die alte Rangordnung wieder herzustellen. Was die Herrn der Ringe allerdings heftig überrascht: Welchen Mörder-Speed die blau-silbernen Peugeot-Raubkatzen zu gehen imstande sind - alle drei Werkswagen (und ein vierter Kunden-908-HDi von ORECA) auf den ersten vier Plätzen im Qualifying, der schnellste ziemlich genau drei Sekunden vor dem ersten Audi RT15 TDI.

Den Audi-Strategen unter der Regie des Wieners Dr. Wolfgang Ullrich wird schnell klar, dass sie nur durch Konstanz und Zuverlässigkeit gewinnen können. Und werden nach bereits zweieinhalb Stunden in ihrer Meinung bestätigt, als sich der erste Peugeot mit kaputter Radaufhängung verabschiedet. Dass nach dem frühen Ausfall eine wahre Peugeot-Hinrichtung beginnt, damit rechnet - und zwar in beiden Lagern - freilich niemand.

Vereintes Europa

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Die magischsten Momente mit hoher Suggestionskraft hat Le Mans in der Nacht, der anstrengendste Teil für Fahrer, Mechaniker - und Fans. In den Wäldern rund um die 13,6 Kilometer lange Strecke glimmen unzählige Lagerfeuer, es riecht nach Grillwürsteln, aus einzelnen Länderfraktionen werden multinationale Interessens-gemeinschaften. Kampftrinker aus ganz Europa eint offensichtlich nicht nur die Liebe zum Rennsport, sondern auch die Affinität zu hellem Gerstensaft - es wird gesoffen, was das Zeug hält. Die Tribünen sind längst menschenleer, während die Monitore in den Boxen unermüdlich aktuelle Rundenzeiten, Abstände und Positionen anzeigen. Die Neonbeleuchtung brennt sonnenhell auf graugesichtige Mechaniker, es gibt dem Ganzen den spröden Charme einer Rund-um-die-Uhr-Tankstelle. In den frühen Sonntagmorgenstunden erwischt's den nächsten Peugeot, zwei Stunden vor Schluss geht das Desaster munter weiter, als Vorjahressieger Alex Wurz sein Auto mit brennendem Heck abstellen muss - 238.000 Zuschauer verfallen in kollektive Depression. "Am Ende zählt allein der Sieg und nicht der Topspeed" sagt Peugeot-Sportchef Oliver Quesnel, als er wieder einigermaßen die Fassung zurückgewonnen hat.

Spannung herrscht auch in der Box von Richard Lietz. Lietz liegt mit seinem Felbermayr-Porsche (in der Kategorie GT2) mit zwei Runden in Führung, der 911 RSR läuft zuverlässig wie das sprichwörtliche Uhrwerk. Der Niederösterreicher holt sich nach 2007 seinen bereits zweiten Klassensieg und stellt sich damit auf eine Stufe mit unseren Le-Mans-Siegern Alex Wurz, Jochen Rindt, Walter Lechner, Dieter Quester und Karl Wendlinger.

(Kurier) Erstellt am 05.12.2011