News 20.12.2011

Teil 5: Gesetzlose Klugscheißer

© Bild: KURIER.at/morscher

KURIER.at macht den A-Schein: No Pain - no gain. Wer die theoretische Prüfung bestehen will, kommt am Beamtendeutsch nicht vorbei. Nur wer versteht, kann sich durchsetzen.

Zur Erklärung: Ich mache gerade den A-Schein und schreibe darüber, wie man sich als Motorrad-Frischling fühlt. Diesmal über die theoretische Prüfung, hinterlistige Ziegen, arrogante Studenten und zuckersüße Damen.

Schwer vorstellbar, aber da musste auch jeder gesetzlose Hells Angel und Bandido durch. Die Theorieprüfung steht am Beginn einer jeder Motorrad-Karriere. Das Lernen der Fragen daher auch. Und der dazugehörigen Antworten, selbstredend. Knapp vierhundert sind es, wenn man bereits Autofahren darf und den Motorradführerschein als Erweiterung macht. Hat man keinen B-Schein, muss man noch ein paar hundert Fragen und Antworten mehr studieren. Sei`s wie`s sei: Lernen ist angesagt. Das soll bekanntlich ganz sinnvoll sein.

Fahrlehrer Robert Hinner: "Viele gehen zu locker in die Prüfung, überschätzen sich und schauen sich die Fragen vorher zu wenig oder ungenau an."
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Das meint auch Fahrlehrer Robert Hinner: "Viele gehen zu locker in die Prüfung, überschätzen sich und schauen sich die Fragen vorher zu wenig oder ungenau an." Vor allem Studenten meinen, "sie haben die Weisheit mit Suppenlöffeln gefressen" und fallen deshalb regelmäßig durch. Ein Schelm, wer behauptet, es wäre leichter in der Fahrschule die Theorieprüfung zu bestehen, als am Institut für Publizistik den Schein zu machen. Ich kenne beide Welten und weiß: Wenigstens wird einem in der Fahrschule sofort klar, welchen Nutzen das Gelernte hat. Jedoch gilt überall: Früh übt der, der bestehen will. Ich wollte mir keine Blöße geben (nicht nur weil man ungern über das eigene Versagen berichtet, sondern auch weil in der Fahrschule jeder Prüfungsantritt Geld kostet) und habe mich für knapp zwölf Stunden an den Computer gesetzt. Bin die Fragen dreimal durchgegangen, habe zirka 25 Vorprüfungen simuliert und behaupte: Wer eine Semmel nach dem Prinzip "Brot-Wurst-Brot" hinkriegt, der besteht mit diesem Lernaufwand auch die theoretische Prüfung.

Fahrlehrer Robert Hinner: "Viele gehen zu locker in die Prüfung, überschätzen sich und schauen sich die Fragen vorher zu wenig oder ungenau an."
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Hinner, mehr Diplomat als ich, rät: "Wenn man bei 20 Vorprüfungen hintereinander auf über 90 Prozent kommt, fällt man nicht durch." Stimmt wohl. Nach dreißig Jahren Berufserfahrung wird man das wissen. Aber egal wie lange man braucht um sich, die in Beamtendeutsch formulierten Fragen und Antworten zu verinnerlichen: Nach der bestanden Prüfung rühmen drei Generationen der Lattermann-Damen das ohnehin stolze Ego zusätzlich mit gütigen Blicken, Applaus und Bravo-Bravo-Bravissimo-Rufen. Irgendwie sehr süß. Zuckersüß sogar.

Gefährliche Ziegen

Fahrlehrer Robert Hinner: "Viele gehen zu locker in die Prüfung, überschätzen sich und schauen sich die Fragen vorher zu wenig oder ungenau an."
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Ganz nach dem Grundsatz "Ich weiß, dass ich nichts weiß" geben Antworten manchmal Rätsel auf. Konkret geht es um zwei Fragen aus dem Kapitel "Fahrtechnik und Fahrdynamik". Eine zeigt ein Bild von einer Kuhherde. Korrektes Verhalten: Man vermeidet unnötigen Lärm und fährt mit Schrittgeschwindigkeit, hält notfalls an. Logisch. Eine andere zeigt eine Ziegenherde. Korrekte Antwort: "Ich halte an und fahre erst weiter, wenn von den Ziegen keine Gefahr mehr ausgeht." Unlogisch. Nein, vollkommen absurd. Oder sind Ziegen für einen Motorradfahrer tatsächlich die größere Bedrohung als Kühe? Muss ein gestandener Rocker beim Anblick der gehörnten Bartträger wirklich in Schockstarre verfallen? Es ließ mir keine Ruhe. Ich fragte den Fahrlehrer. Hinner grinste und erklärte: "Die Antwort bei den Ziegen ist nur korrekt, weil alle anderen noch falscher sind". Aha. Also quasi-richtig und pseudo-korrekt. Es ist zum Heulen, aber die Beamtenlogik treibt seltsame Blüten - macht es unnötig schwer. Die Vorstellung, dass auch Outlaws dieses ungeschriebene Gesetz akzeptieren müssen, brachte mich zum Grinsen. Schließlich weint nicht der, der Tränen lacht.

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( KURIER.at ) Erstellt am 20.12.2011