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Technik
01/06/2019

Volvo-Topmanager im Interview: „Das wird kein Sprint“

Alexander Kerssemakers, Volvo-Topmanager, über die aktuellen Trends in der automobilen Welt.

von Maria Brandl

Volvo ist einer der Wegbereiter der automobilen Sicherheit und will auch bei den aktuellen Trends wie Digitalisierung, Elektrifizierung und Automatisierung starke Akzente setzen. Dabei zeigt man viel Bodenhaftung. Elektrifizierung ja – aber es gibt auch neue Diesel. Automatisierung ja – aber nicht zu Lasten der Sicherheit. Autos abonnieren statt kaufen – aber die Händler bleiben eine wichtige Stütze.

Alexander Kerssemakers, Senior Vice President, über/darüber ...

… den Fahrplan bei Elektrifizierung und Automatisierung des Fahrens für die einzelnen Kontinente: Grundsätzlich machen wir keine regionalen Unterschiede. Wir sind eine weltweit operierende Marke mit weltweit gleichen Produkten und einer weltweit gleichen Strategie. Allerdings wie und wann wir diese umsetzen, hängt vom jeweiligen Markt ab.

Es würde etwa keinen Sinn machen, in den gesamten USA mit elektrifizierten Modellen loszulegen. Sie passen für den Osten und den Westen der USA, nicht aber für die US-Staaten dazwischen, schon allein wegen der nicht ausreichenden Strom-Infrastruktur.

In der EU sind zwar die Energiequellen für die Stromerzeugung unterschiedlich, der Zugang zur Infrastruktur ist aber weitgehend einheitlich, vor allem in den Vorstädten, wo die meisten in Einfamilienhäusern mit Garage leben.

China liegt dazwischen. Dort gibt es eine kräftige Unterstützung vom Staat, da E-Autos vorrangig zur Reduktion der Umweltbelastung beitragen sollen. Ich glaube daher, dass China bei der E-Mobilität weltweiter Vorreiter sein wird.

Punkto Automatisierung und autonomes Fahren hat Volvo eine eigene Philosophie: Entweder der Mensch lenkt das Fahrzeug oder er tut es nicht. Wir reden nicht über die derzeit häufig genannten fünf Stufen der Automatisierung, die sehr technisch geprägt sind. Es sollte einfach klar sein, ob ein Auto autonom fahren kann, dann kann man ihm die Fahraufgabe übergeben. Wenn es das nicht kann, dann machen wir das nicht.

Es geht da um unseren Ruf. Einer der Gründe, warum Volvo beim autonomen Fahren eine große Rolle spielen kann, ist sein guter Ruf bezüglich Sicherheit und Sicherheitssysteme. Diesen guten Ruf werden wir nicht gefährden, bloß um Nr. 1 oder 4 beim autonomen Fahren zu sein.

Schon jetzt sieht man, dass die vor Jahren gemachten Ankündigungen, mit autonomen Autos 2019 oder 2020 zu starten, nicht zu halten sind. Wir erkennen, dass das Thema extrem komplex ist. Nicht nur wegen des Fahrzeugs, sondern auch wegen der Benützer und der besonderen Rahmenbedingungen z.B. in der Stadt.

Wir stehen also alle vor großen Herausforderungen. Es steht für mich außer Frage, dass autonome Autos kommen werden. Aber das wird kein Sprint, sondern ein Marathon. Wir werden diverse Assistenten bringen, die automatisiertes Fahren in speziellen Bereichen wie auf der Autobahn erlauben, aber kein automatisiertes Fahren in der Stadt. Wann die Systeme in Serie gehen, weiß ich nicht.

Die Grundlage ist die Vision 2020 von Volvo, die 2008 geboren wurde. Sie besagt, dass kein Mensch mit einem Volvo bei einem Unfall getötet oder schwer verletzt werden soll. Diese Vision ist ohne autonomes Fahren nicht erreichbar. Denn mehr als 90 Prozent der Unfälle gehen auf menschliche Fehler zurück. Wir wollen diese so weit wie möglich durch Assistenz reduzieren.

Wir haben dafür etwa City Safety serienmäßig eingeführt. Das kostet Volvo sehr viel Geld. Aber wenn man elektronische Assistenten optional anbietet, bleiben sie exklusiv. Wenn man eine Vision hat, muss man auch die Werkzeuge liefern, damit sie umgesetzt werden kann.

Die Menschen müssen sich an diese Systeme ja erst einmal gewöhnen, das war auch beim Tempomaten so. Man kann nicht autonome Fahrzeuge einführen und dann erwarten, dass sich die Menschen schon daran gewöhnen. Es gilt Vertrauen aufzubauen, die Menschen müssen selbst erfahren, dass das Auto bremst, dass es richtig lenkt. Das ist eine Reise. Wie lange sie dauern wird, weiß ich nicht. Aber es ist auch eine philosophische Frage und es geht um sehr viel Geld.

Robotaxis: Wir arbeiten auch daran, zusammen mit Uber. Bei uns heißen sie Robocabs. Aber wir werden nicht vor 2020 damit starten. Robotaxis werden die ersten Anwender autonomen Fahrens sein. Dort stört weder der sehr hohe Preis für die Technik noch mögliche Sensoren auf dem Dach. Volvo sieht in Robotaxis einen großen Markt.

… wie sich Autos durch Elektrifizierung und Automatisierung vom Aussehen her verändern werden: Robotaxis werden natürlich kein Lenkrad und keine Pedale haben. Wir konzentrieren uns dafür auf größere Fahrzeuge, die vier bis fünf Personen bequem Platz bieten. E-Volvos werden sich nicht von Modellen mit Verbrennungsmotoren unterscheiden. Wir werden auch für rein Batterie-elektrische Volvos keine eigene Modellreihe haben, sondern sie als eine von mehreren Antriebsversionen anbieten, als Erstes beim XC40. Ähnlich wie Tesla werden wir unseren Kunden verschiedene Batteriepakete anbieten, je nach gewünschter Reichweite.

… wann es den letzten Volvo mit Verbrennungsmotor geben wird: Sicher nicht vor 2030, denn es gibt viele Länder, wo es keine ausreichende Strom-Infrastruktur für E-Autos gibt. Wir wollen unsere Kunden auch dort nicht enttäuschen, indem wir nur mehr E-Autos anbieten. Aber wir werden alle Verbrennungsmotoren elektrifizieren. Ab 2019 werden wir alle neuen Modelle auf 48 Volt umstellen, auch jene mit Dieselmotor.

… das EU-Verbrauchsziel von 95 g/km im Neuwagen-Flottenmittel bis 2020: Das Ziel ist sehr streng, aber wir wollen es erfüllen. Der Rückgang beim Diesel wird die Herausforderung verschärfen. Wir haben bereits 2010 beschlossen, für alle Hochleistungsvarianten einen Plug-in-Hybrid anzubieten.

… die wichtigste Botschaft Volvos für die Zukunft: Wir wollen auch künftig eine Mobilität anbieten, wo die Menschen das Gefühl der Freiheit erleben können. Die Definition von Freiheit ist heute jedoch ganz anders als vor 40 Jahren. Damals kaufte man sich nach der Führerscheinprüfung ein Auto und konnte sich damit frei bewegen, es gab kaum Einschränkungen oder Staus. Das hat sich geändert. Die Nutzung ist eine andere. Wir wollen auch Mobilität für jene anbieten, die von A nach B ohne eigenes Auto wollen. Das kann z.B. über ein Abo gehen, wir prüfen hier mehrere Varianten.

Auch der Vertrieb ist im Umbau. Der bisherige Autohandel, wo der Hersteller die Autos an den Händler verkaufte und der an die Kunden, steht bereits unter Druck. Immer mehr Kunden wollen die Autobestellung online erledigen, entweder bei ihrem Autohändler oder beim Hersteller direkt. Wir wollen diesen Umbruch gemeinsam mit den Händlern bewältigen. Der Autohändler wird auch künftig eine wichtige Rolle spielen, als Kontaktstelle, für die Wartung der Fahrzeuge. Es gibt zudem eine Generation von Kunden, die gerne zum Autohändler geht. Ob sie ausstirbt, weiß ich nicht.