Technik
06.11.2018

Warum gute Autositze so wichtig, aber auch aufwendig sind

Wir sprachen mit einem Sitzexperten von Opel über die Entwicklung von Autositzen.

Was die Reifen für das Auto sind die Sitze für die Passagiere: die größte Kontaktfläche mit der Umwelt. Sie entscheiden ganz wesentlich, ob die Autopassagiere nach der Fahrt entspannt oder schweißgebadet, mit Rückenschmerzen oder locker ankommen.

Wovon dies abhängt und wie viele Faktoren dabei mitspielen, erzählt Jonas Eisenbraun, Sitzexperte von Opel, im Gespräch mit dem Motor-KURIER. Opel hat eine lange Tradition bei der Entwicklung von Sitzen und ist auch als PSA-Tochter konzernweit dafür zuständig.

Jonas Eisenbraun, Opel, ...

... darüber, was einen guten Sitz ausmacht: Grundsätzlich ist der Sitz der größte Berührungspunkt zwischen den Passagieren und dem Fahrzeug. Vielfahrer verbringen teilweise unendlich viele Stunden auf diesem Sitz. Da ist im Prinzip ein guter Sitz, der vom Passagier nicht als störend empfunden wird.

Unsere AGR-Sitze (Anm. AGR = Aktion Gesunder Rücken) umfassen in einigen Modellen auch noch eine Ventilation, die etwa im Sommer die feuchte Luft vom Körper wegsaugt. Das ist ein zusätzliches Komfortmerkmal.

Ein Sitz ist wie ein Sandwich aufgebaut, mit verschiedenen Lagen. Ganz unten ist die Sitzstruktur, die den Halt bietet. Dann kommen verschiedene Fläche, etwa der Schaum einer Ventilationsmasse, dann gegebenenfalls eine Sitzheizung, dann wieder eine Lage Schnittschaum und oben drauf kommt zum Schluss der Bezug. Jede dieser Lagen ist auch wichtig für das Sitzklima.

Wenn ganz oben, grob gesprochen, eine Plastikfolie ist, dann sitzt der Passagier in der Brühe, egal, welche guten Materialien darunter verwendet wurden. Bei Leder nehmen wir meist perforiertes, das hilft sehr. Es gibt aber auch sehr dicht gewebte oder geprägte Stoffe, wo kaum Feuchtigkeit abgeführt wird. Dies gilt es zu vermeiden. Naturmaterialien bieten viele Möglichkeiten, aber man stößt bei der Feuchtigkeitsabführung schnell an die Grenzen. Das sind Kleinigkeiten, aber wenn man sie beachtet, kann man den Sitz wesentlich angenehmer gestalten.

 

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Die Anfänge: Opel-Sitz aus dem Jahr 1899, der an einen Kutschbock erinnert

1933 konnte die elegante Dame schon ein richtiges Lenkrad verwenden

1950 hatten Opel-Sitze bereits Metallrahmen und eine faltbare Rückenlehne

Im Opel Kapitän 1956 gab’s noch keine Kopfstützen, die kamen in den 1960ern

Im Opel Monza gab es 1978 erstmals eine praktische Sitzhöhenverstellung

1994 feierte die elektrische Sitzeinstellung samt Memory-Funktion Premiere

2002 begann die intensive Zusammenarbeit mit der „Aktion Gesunder Rücken“

Der Insignia war 2008 der erste Opel mit AGR-Siegel (Aktion Gesunder Rücken)

... über die wichtigsten Qualitätskriterien: Sehr wichtig für die Qualität ist der Schaum, etwa die Dichte beim Schaum. Sie hat einen direkten Einfluss darauf, wie viel Schaum in einem Sitz ist und das schlägt sich direkt auf die Kosten durch. Sitzschaum wird letztendlich aus Rohöl gemacht. Mit einem weniger dichten, aber dafür härteren Schaum kann man Kosten sparen, aber der Sitz verliert dadurch teilweise seine dämpfende und federnde Eigenschaft. Das ist wie mit schlechten Matratzen. Wir versuchen, den Schaum nur dort einzusetzen, wo er vom Kunden wirklich wahrgenommen wird und so die Kosten effizient zu gestalten.

... darüber, wie lange die Entwicklung eines neuen Autositzes dauert: Wenn man mit einem weißen Blatt Papier beginnt, kann das bis zu fünf Jahre dauern. In dieser Zeit arbeiten quer durch die Abteilungen mindestens 100 Leute daran.

... darüber, warum bei modernen Sitzen die Kopfstützen bei aufrechter Sitzweise so unangenehm sind, da der Kopf und die Halswirbelsäule in eine unnatürliche Demutshaltung gedrückt werden: Das Thema geht im Prinzip quer durch die Autowirtschaft. Es geht immer um eine Balance zwischen Komfort und Sicherheit. Gerade bei einem Heckaufprall ist eine gute Kopfstütze sehr wichtig. Es gibt von EuroNCAP (Anm. Sicherheitsagentur, die die seit Jahren wichtigsten Crashtestnormen weltweit festlegt) klare Vorgaben, in welchen Positionen getestet werden muss, das ist etwa bei einem bestimmten Rückenwinkel. Leute, die die Sitzlehne steiler einstellen, können dadurch ein Problem haben, da die Kopfstütze relativ nahe zum Kopf kommt.

... darüber, wie sich mit dem automatisierten Fahren die Autositze verändern werden. Wie die Passagiere künftig im Auto gesichert werden: Derzeit ist die Diskussion noch voll im Gange darüber, wann das automatisierte Fahren kommt und welche sicherheitstechnische Aspekte zu berücksichtigen sind.

Eine Frage etwa ist, wie gelingt es, einen Lenker, der die Fahraufgabe dem Rechner übergeben hat, im Notfall schnell genug dazu zu bringen, wieder die Fahraufgabe zu übernehmen. Eine Idee dazu ist, den Sitz mit vielen Sensoren auszustatten, um zu überwachen, ob der Lenker döst, liest oder ohnehin aufmerksam ist. Bei einem Crash macht’s einen enormen Unterschied, ob der Passagier im Auto liegt oder sitzt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was bei einem Unfall passiert, wenn der Passagier quer zur Fahrtrichtung sitzt.

Zur Person

Jonas Eisenbraun studierte Maschinenbau und arbeitet seit 2007 bei der Adam Opel AG. Seine Laufbahn begann er als weltweit verantwortlicher Projektingenieur für Kopfstützensysteme, danach war er für die Entwicklung von Komplettsitzen für verschiedene Modellreihen zuständig. Seit April 2018 ist Eisenbraun Projektleiter für Komplettsitze der nächsten Generation Kompaktklasse des PSA-Konzerns, zu dem die Firma Opel inzwischen gehört. Die Sitzentwicklung ist eine der Kompetenzen, die Opel für den gesamten PSA-Konzern (Citroën, DS, Peugeot, Opel) übertragen wurde.

Was einen gesunden Sitz ausmacht

Sitzen ist gefährlicher als Rauchen, tötet mehr Menschen als HIV (Anm. Aids) und ist tückischer als Fallschirmspringen“ zitierte der Schweizer Neurochirurg Ralph Binggeli eine australische Studie bei einer Opel-Veranstaltung über gesunde Autositze. Bereits ab zwei Stunden mit ununterbrochenem Sitze steigen laut Binggeli die Risiken für Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs und orthopädische Probleme wie Kreuz- und Nackenschmerzen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Sitzen die viertgrößte, vermeidbare Todesursache. Rückenschmerzen sind in Industrieländern bei Leuten mit mehr als 45 Jahren die häufigste Ursache von Arbeitsunfähigkeit.
Die gute Nachricht: Die negativen Folgen durch langes Sitzen lassen sich schon durch eine Stunde Bewegung pro Tag kompensieren. Auch Sitzpausen alle dreißig Minuten sind hilfreich.
Eine große Rolle spielt richtiges Sitzen auch im Auto. Nicht nur aus Sicherheits-, sondern ebenso aus Gesundheits- und Komfortgründen. Der deutsche Verein „Aktion gesunder Rücken e. V.“ stellt an einen guten Autositz folgende Anforderungen:

  • Wirbelsäulenfreundlich mit fester Grundstruktur
  • Ausreichende Dimensionen der Rückenhöhe und Kopfstütze
  • Seitliche Unterstützung (4-Wege-Lordosenstütze)
  • Sitzhöhen- und Sitzneigungsverstellung, Sitztiefeneinstellung
  • Ausreichende Sitzeinstellung in Längsrichtung
  • Leicht zugängliche Bedienelemente.