© Renault

Classic
12/05/2021

Zeitreise in die 60er: Mit dem Renault R4 Parisienne

1961 präsentierte Renault mit dem R4 ein praktisches, preiswertes Auto für die Massen, das bis 1992 im Programm blieb.

von Michael Andrusio

Im Herbst 1961 war die Welt noch fassungslos ob der frisch errichteten Berliner Mauer. Yuri Gagarin war ein halbes Jahr zuvor als erster Mensch ins All geflogen, und in den USA war seit Anfang des Jahres John F. Kennedy als neuer Präsident im Amt.

In Frankreich wurde das fertige Produkt vorgestellt, das als Projekt 112 fünf Jahre zuvor unter dem neuen Renault-Chef Pierre Dreyfus ins Leben gerufen worden war. Und so präsentierte Renault im Herbst auf den Automessen in Frankfurt und Paris den R4. Es war nicht nur ein R4 allein, den Renault brachte. Gleichzeitig lancierte man den R3 (den man ob mangelnden Erfolgs schnell wieder verwarf) und den 4L (L für Limousine wegen der zusätzlichen Fenster hinten und in Frankreich bald nur mehr als „Quatrelle“ bekannt). Dreyfus hatte in einer Zeitung über die demografische Entwicklung in Frankreich gelesen und die automobile Antwort darauf sollte ein Auto wie der R4 sein. Die Ingenieure durften frühere Lehren über den Haufen werfen und für das Projekt 112 buchstäblich mit einem weißen Blatt Papier beginnen.

Robust, sparsam, praktisch (dank seiner Tür für den Laderaum) sollte das Auto sein, verwendbar in der Stadt und auf dem Land gleichermaßen, an Arbeitstagen, an Wochenenden, in den Ferien, für Mann und Frau. Gewissermaßen die Blue Jean unter den Autos. Und das alles war der kompakte Franzose. Ein leistbarer Frontantriebs-Hatchback mit relativ viel Platz im variablen Innenraum. Darauf hatte die Welt gewartet.

Damit begann ein erstaunlicher Erfolgslauf des Franzosen. Der R4 sollte im Laufe seines Lebens in 28 Ländern produziert und in über 100 Ländern verkauft werden. In Österreich kam er 1962 auf den Markt – zu einem Preis von knapp unter 30.000 Schilling.

Unterwegs im Parisienne

Renault lässt uns ans Steuer eines R4 Parisienne aus dem Jahr 1967. Der Parisienne war aus einem besonderen Projekt der Franzosen hervorgegangen. 1963 wollte man vermehrt Frauen hinter das Steuer des R4 bringen und legte Haute-Couture-Modelle mit spezieller Musterung an den Flanken auf, die von den interessierten Kundinnen 48 Stunden lang getestet wurden. Aus den Haute-Couture-Autos wurden die Parisienne-Modelle.

Erster Eindruck ist die Abwesenheit von fast allem, was einem in heutigen Autos entgegenspringt. Unser R4 hat ein fragil wirkendes Bernstein-Lenkrad und eine ebensolchen Schaltgriff. Stichwort Schaltgriff. Ein Merkmal des R4 war stets die so genannte Revolverschaltung, mit einem Hebel, der einem aus dem Armaturenbrett entgegenwächst. Die Idee dahinter war genial - mehr Platz und ein ebener Wagenboden.

Die Frage nach der Bedienung ist schnell geklärt und funktioniert problemlos. Drei Vorwärtsgänge plus einem Retourgang gibt es in unserem Modell, da ist die Verwechslungsgefahr gering. Den ersten Gang nutzt man nur zum Anfahren, sonst ist man im zweiten und dritten unterwegs (wenn es bergauf geht, muss es meist der zweite sein).

Der Vierzylinder-Motor leistet 30 PS und das ist ausreichend, wenn man über französische Landstraßen rollt. Der Motor mit weniger als einem Liter Hubraum hat auch lediglich 570 Kilogramm Autogewicht zu bewegen. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Renault mit 110 km/h an (haben wir nicht ausgetestet).

Verzögert wird über vier Trommelbremsen (Scheiben vorne gab es später) und an die Dosierung muss man sich halt gewöhnen. Größte (positive) Überraschung ist aber das Fahrwerk. Die weiche Federung sorgt in Kurven für entsprechende Seitenneigung, klar, aber alle Arten von Bodenschwellern steckt der Franzose völlig ungerührt weg.

Die Bedienung ist an Einfachheit nicht zu übertreffen. Die einzigen Anzeigen, die der Fahrer bekommt, betreffen Geschwindigkeit (110 maximal wie gesagt), Kilometerstand und Tankinhalt - mehr braucht es nicht. Ein Kippschalter ist für die Scheibenwischer: Knopf drücken: Scheibenwischer an, nochmals drücken: Scheinwischer aus. Der Blinkerhebel will noch vom Fahrer in die Neutral-Position gerückt werden.

Wenn den Fahrer aus der Neuzeit etwas nervös macht, dann ist es das Fehlen der Gurte - die waren anno 1967 noch nicht verbaut.

Härtetests

Einen besonderen Härtetest absolvierte der Renault im Jahr 1965 als ein Auto von Süd nach Nord durch den amerikanischen Kontinent von Feuerland bis nach Alaska gelenkt wurde – von vier jungen Damen, die das Abenteuer für die Zeitschrift Elle unternahmen. An der Rallye Paris-Dakar nahm der R4 ebenso teil, und das Jahr 1983 sah den schnellsten R4, der je gebaut wurde. Mit dem Turbomotor aus dem R5 Turbo erreichte man auf einem Salzsee in den USA eine Spitze von 237 km/h.

Als für kommerzielle Aufgaben adaptierte Version wurde der R4 ebenso gern genutzt wie von der französischen Gendarmerie. Vor allem, weil dank der Kopffreiheit die Mütze auf dem Kopf bleiben konnte, sagt man.

Nach 30 Jahren kam 1992 das Ende für den R4. Den Motor für die neuen Abgasvorschriften anzupassen, war nicht mehr rentabel und bei Renault konzentrierte man sich auf den neuen Twingo. Einen „schönen Tod“ sollte man dem Auto bereiten, hatte der damalige Renault-Chef Louis Schweitzer gewünscht. Er kam mit besonderen Versionen, wie dem Bye-bye-Sondermodell, und einer Art Countdown der noch zu produzierenden Fahrzeuge. 8,135.424 Einheiten wurden vom R4 offiziell produziert, die „Dunkelziffer“ liegt freilich höher, zumal das Auto z. B. in Slowenien nach 1992 noch weiter gebaut wurde, einfach so.

Die Geschichte wird wohl noch weitergeschrieben. Bei Renault gibt es Pläne, den R4 wieder aufleben zu lassen. Dann allerdings mit Elektroantrieb.

Kommentare