Technik 09.01.2018

Mobilität der Zukunft: „Noch viel Aufholbedarf“

© Bild: Tesla

Im Gespräch: Der junge Medientechniker Matthias Roiss über die Mobilität der Zukunft

Die Jugend interessiert sich nicht mehr für Autos, macht keinen Führerschein mehr. So ist oft zu hören. Wie sieht ein junger Mann „vom Fach“ die drei Kerntechnologien der AutozukunftDigitalisierung, Elektrifizierung, Automatisierung? Was hält er vom aktuellen Auto-Design?

Matthias Roiss, 23 (siehe zur Person), darüber ...

... ob der letzte Führerschein-Neuling bereits geboren wurde, wie ein aktuelles Buch behauptet?

Ich glaube nicht, dass wir 2030 nur mehr autonom fahren werden. Allein aus Sicherheitsgründen wird es zudem immer Fahrer brauchen und damit Führerschein-Absolventen, etwa als Chauffeure für Staatschefs.

Ich sehe beim Auto einen ähnlichen Trend wie bei Büchern, wo es auch ein Nebeneinander von E-Books und gedruckten Büchern gibt. E-Books werden von nur fünf Prozent der Bevölkerung gelesen, aber bei Jüngeren beträgt dieser Anteil schon fast 50 Prozent. Beim Auto wird es wohl noch etliche Jahre dauern, bis sich das autonome Fahren durchsetzen wird, aber ich glaube, dass schlussendlich mehr als 50 Prozent der Autos autonom fahren werden. Auch Ältere werden diese Autos akzeptieren, allein wegen des Komforts, etwa beim Einkaufen, wenn man sich dann das Auto vors Geschäft bestellen kann. Wie der Erfolg von Alexa zeigt, nehmen Leute neue Technologien gerne an, wenn damit der Bedienaufwand sinkt.

... ob er selbst gerne autonom fahren würde?

Es kommt drauf an. Wenn ich Fahrspaß haben will, werde ich natürlich selber fahren und mir vielleicht einen Sportwagen ausborgen. Ich liebe E-Autos wie den Tesla mit dem tollen Aussehen und der atemberaubenden Beschleunigung, die mich wie bei einem Flugzeugstart in den Sitz drückt. Ich glaube, dass das Angebot fürs Mieten solcher Autos etwa fürs Wochenende sehr groß werden wird mit dem Anstieg autonomer Autos. Aber wenn ich in der Früh müde bin und beim Weg in die Arbeit im Stau stehe, werde ich ein autonomes Auto bevorzugen. Auch für Nachtfahrten. Ich fahre nicht gerne in der Nacht.

... ob autonome Autos den öffentlichen Verkehr ersetzen werden:

Ich sehe keinen Ersatz etwa von U-Bahnen und Straßenbahnen durch solche Autos. Ich kann mir aber gut automatisiert fahrende Mini-Busse vorstellen, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land. Den öffentlichen Verkehrsmitteln wird die Konkurrenz gut tun, sie werden künftig wohl komfortabler und sauberer. Grundsätzlich denke ich, dass in Städten nur mehr autonome Autos fahren werden, schon aus Sicherheitsgründen. Menschen sind in ihrem Verhalten unberechenbarer als Maschinen, die sich alles ausrechnen. Auch vom Lautstärkepegel ist es ein Vorteil, wenn man davon ausgeht, dass autonome Autos elektrisch angetrieben werden.

... ob es ein Stadt-Land-Gefälle geben wird, auch weil sich Überland die nötige Infrastruktur nicht rechnet?

Es wird einen extremen Unterschied geben. Ich glaube, dass sich Mietautos durchsetzen werden, wo man sich per App von Firmen oder Privatvermietern künftig das Auto bestellt. Damit sich das rechnet, braucht es genügend Nachfrage, die eher in der Stadt als auf dem Land gegeben sein wird. Auf dem Land wird eher das Selberfahren dominieren. Preissensible Bereiche wie Krankentransporte werden sich autonome Fahrzeuge gar nicht leisten können, weil Reparaturen von elektronischen Systemen viel aufwendiger und somit teurer sind als analoge wie z.B. ein Stecker, den man herausnimmt und durch einen neuen ersetzt. Deshalb bleiben auch Flugzeuge bei analogen Systemen. Zudem erwarte ich für autonome Fahrzeuge, die 22 Stunden pro Tag unterwegs sind, nur eine Lebensdauer von eineinhalb bis zwei Jahren.

... ob wir ab 2030 nur mehr elektrisch fahren werden:

Ich glaube nicht, dass E-Autos die alleinige Zukunft sind, weil der Strom dafür muss ja auch irgendwo herkommen. Der Großteil des Stroms für E-Autos stammt heute von Kohle- und Atomkraftwerken. Ich sehe mehr Potenzial in Hybridantrieben, etwa die Kombination von Brennstoffzellen- und Batterie-elektrischem Antrieb oder eine andere Neuentwicklung. Es ist für mich kein großer Fortschritt, wenn Erdöl nicht mehr im Auto verbrannt, sondern stattdessen damit Strom fürs Auto gemacht wird. Aber im Kleinwagen- und Mittelklassebereich wird es weniger Benzin-Autos geben. Im Hochpreissegment erwarte ich dagegen, dass die traditionellen Sportwagenmarken wie Ferrari mit Verbrennungsmotoren an Attraktivität gewinnen werden.

 

© Bild: Ferrari

... warum Tesla so viele Menschen fasziniert:

Tesla-Chef Elon Musk ist sehr sympathisch und der typische Nerd. Ihm traut man zu, dass ihm an E-Autos etwas liegt. Bei anderen Autobossen weiß man nicht, ob sie E-Autos nur bauen, weil Regierungen das wollen oder um mehr Gewinne zu machen. Ein großer Vorteil von Tesla ist außerdem: Die Modelle sind nicht hässlich. Man soll E-Autos durchaus ansehen, dass sie E-Antrieb haben, aber sie sollen trotzdem cool aussehen. Das tun heute viele nicht. Bei einigen Autos stört mich auch, dass sie futuristisch aussehen, aber einen normalen Antrieb haben. Die Verpackung passt nicht zum Inhalt.

... was ihn generell an aktuellen Autos stört:

Ich habe den Eindruck, dass die Autoindustrie beim Cockpit den Fehler vom Computerdesign, die Smartphone-Verliebtheit, wiederholt. Die Bedienung über den Touchscreen allein nimmt das autonome Fahren vorweg, wo der Lenker keine Fahraufgabe mehr wahrnehmen muss, sie kommt zu früh. Man kann in den meisten dieser Autos zum Beispiel die Heizung während der Fahrt nicht regeln, ohne dass man eine Gefahr für den Verkehr darstellt. Solange es die selbstfahrenden Autos nicht gibt, müssen Schnittstellen (Anm. die Bedienung) entsprechend einfach für den Nutzer gestaltet werden.

Derzeit dominiert ein grässliches Interface-Design. Ich mache selbst auch Interfaces. Da lautet das Ziel immer, mit so wenig Griffen wie nötig so viel machen wie möglich. Wenn ich fünf Handbewegungen brauche, um die Heizung zu regeln, ist das um Einiges aufwendiger, als wenn ich mit einer Drehung am Regler das Gleiche erreiche. Da haben die Autodesigner noch viel Aufholbedarf. Da könnten sie von Computer-Spiel-Gestaltern viel lernen. Im Auto ist da vieles noch nicht ausgereift und der Lenker dient als Tester.

... wie sich die Bedienung vereinfachen lässt:

„Ich könnte mir Kacheln auf dem Touchscreen vorstellen, die jeder Kunde für seine am häufigsten genutzten Funktionen selbst definieren kann, z.B. für die Heizung. In diese Kacheln sollten kleine Bildschirme integriert sein, damit der Lenker sofort sieht, was er gerade tut und nicht mehrmals den Blick von der Fahrbahn abwenden muss. Die Abkehr von den Drehreglern halte ich vor allem den Designern geschuldet, die lieben schöne schwarze Flächen, glatt polierte Touchscreens. Dabei sind die nicht billig.

... ob der Siegeszug der Touchscreens durch immer zahlreichere Funktionen gerechtfertigt ist:

„Ich glaube, dass derzeit im Auto ein ähnlicher Trend ist wie bei den Handys vor ein paar Jahren, wo jeder Hersteller ohne nachzudenken möglichst viele Funktionen hineinpackte. Egal, ob es sinnvoll war oder nicht.

Matthias Roiss
Matthias Roiss © Bild: WERK/Privat

Zur Person

Matthias Roiss, 23,

studiert an der FH Hagenberg bei Linz Medientechnik und Design und will mit einem Master abschließen. In seiner Freizeit liebt er Computerspiele, Musik,

Lesen. An den aktuellen Autos stört ihn die Cockpitgestaltung besonders. Sie lenke zu sehr ab und sei zu kompliziert. Er entwickelt selbst Bedien-Bildschirme.

( motor.at ) Erstellt am 09.01.2018