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29.11.2015

Autohistorie: Wer den Volkswagen wirklich erfand

Zwei Automobil-Experten beweisen, dass ein anderer Techniker die Idee für den "Käfer" hatte.

Das hat Volkswagen gerade noch gefehlt. Als hätte der Automobilkonzern mit seinem weltweiten Abgas-Skandal nicht schon genügend Sorgen, weisen jetzt noch zwei Auto-Experten nach, dass der VW nicht – wie seit Jahrzehnten landauf, landab behauptet – von Ferdinand Porsche "erfunden" wurde. Sondern von einem anderen österreichischen Ingenieur, dessen Name weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des "Käfers" liest sich wie ein Krimi.

Der Krimi beginnt mit dem Autokonstrukteur Hans Ledwinka, der 1931 für die tschechischen Tatra-Werke einen Wagen entwickelte, der dem späteren VW wie ein Ei dem anderen glich: sowohl äußerlich – in der Käferform – als auch in den technischen Details – durch den luftgekühlten Vier-Zylinder-Boxermotor.Wiederentdeckt wurden die Ursprünge des "Käfers" jetzt von den österreichischen Fachautoren Günther Nagenkögl und Hans Stögmüller, die in ihrem eben erschienenen Buch "Hans und Erich Ledwinka" (Akazia-Verlag) der Entstehung des VW-"Käfers" minuziös nachspürten. Der 1878 in Klosterneuburg geborene Hans Ledwinka hatte bereits als junger Chefkonstrukteur bei den Steyr-Werken die Idee, "ein Auto zu bauen, das sich auch weniger vermögende Leute leisten können".

Vorbild für den "Käfer"

Da man von einem solchen Wagen bei Steyr nichts wissen wollte, wechselte Ledwinka 1921 als Betriebsdirektor zu den Tatra-Werken in Mähren, für die er 1931 den Prototyp des Tatra V 570 baute. Und der sollte zum Vorbild des VW-"Käfers" werden.Hans Ledwinka und Ferdinand Porsche, die beide bei Steyr gearbeitet hatten, kannten und schätzten einander und waren sogar befreundet. Wie Ledwinka kündigte auch Porsche bei Steyr – er jedoch, um sich mit einem eigenen Konstruktionsbüro in Stuttgart selbstständig zu machen. Dort begann Porsche 1933 – also zwei Jahre nach der Fertigstellung des Tatra-Prototyps von Ledwinka – im Auftrag der NSU-Werke mit der Konstruktion eines " Volkswagens", der auch schon diesen Namen trug: Das Auto zeigte die käferähnlichen Züge des Tatra und auch der luftgekühlte Boxermotor im Fahrzeugheck entsprach dem in Mähren gebauten Mittelklasse-Pkw.Als Ledwinkas Stromlinienwagen auf dem Berliner Automobilsalon 1934 ausgestellt wurde, kam Hitler zum Stand der Tatra-Werke, um sich von Ledwinka über alle technischen Einzelheiten unterrichten zu lassen. Dann sagte er zu seinem Gefolge: "Das ist der Wagen für meine Straßen!"

"Deutsches Auto"

Doch der Auftrag, den "Käfer" zu bauen, erging an Ferdinand Porsche. "Erstens, weil Hitler unbedingt ein ,deutsches Auto’ wollte und zweitens weil Porsche – im Gegensatz zu Ledwinka – Mitglied der NSDAP war", erklären die Buchautoren Nagenkögl und Stögmüller.

Als Hitler auch bei der Berliner Automobil-Ausstellung 1939 erschien, erkannte er die Ähnlichkeit eines neuen Tatra mit dem VW, worauf die Tatra-Werbeplakate augenblicklich entfernt werden mussten. Im selben Jahr wurde der Bau dieses Tatra-Personenwagens verboten. "Alle Versuche, die Erfindungen von Ledwinka geltend zu machen", schreibt das Autorenteam, "wurden von Seiten der NSDAP niedergeschlagen. Ferdinand Porsche, auf diesen unrechtmäßigen Nachbau angesprochen, erklärte seinem Freund Ledwinka gegenüber wiederholt, er habe unter Zwang gehandelt, das heißt auf ausdrücklichem Befehl Hitlers, ohne Rücksicht auf fremde Rechte diesen Volkswagen bauen zu müssen."

Porsches Garage

Der erste VW entstand nicht in den NSU-Werken, sondern in Ferdinand Porsches Garage in Stuttgart. Später sollte der "Käfer" (unter der Bezeichnung "Kraft-durch-Freude-Wagen") in dem eigens errichteten Volkswagen-Werk in Wolfsburg erzeugt werden, in dem dann jedoch kriegsbedingt keine Pkw, sondern Kübelwagen gebaut wurden. Tatsächlich ging der "Käfer" erst ab 1945 in Serienproduktion. Bis 2003 wurden 21 Millionen Stück erzeugt.

Im Oktober 1957 schrieb der Motorjournalist E. R. Bonner in der Zeitschrift Motoring Life: "Jahrelang bewunderte ich das Genie des VW-Konstrukteurs Porsche, doch meine Bewunderung galt dem Falschen. Stattdessen hätte sie Ledwinka gelten sollen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass dieser Name niemals in Wolfsburg genannt wird. Trotzdem ist der VW – wie wir ihn kennen – Ledwinkas Idee."

Der Gerichtsstreit

Die wahren Urheberrechte wurden schließlich auch gerichtlich anerkannt: Die enteigneten Erben der Tatra-Werke klagten nach dem Zweiten Weltkrieg die Volkswagen AG wegen Patentverletzung sowohl beim Motor als auch beim Design. 1961 kam es vor dem Bundesgerichtshof Karlsruhe zu einem Vergleich, in dem sich VW zur Zahlung einer Entschädigung von 1,5 Millionen D-Mark an die Tatra-Erben verpflichtete. Damit war Ledwinkas Urheberschaft geklärt. Auszahlen musste VW aber auch den Konstrukteur Béla Barényi, der ein weiteres, dem "Käfer" ähnliches Auto als Patent angemeldet hatte.

Hans Ledwinka hingegen ging trotz des Gerichtsurteils leer aus, weil die Patente nicht auf seinen Namen, sondern auf den der Tatra-Werke angemeldet waren. Der wahre "Vater" des Volkswagens zeigte sich versöhnlich, als er erklärte: "Einmal hat der Porsche etwas von mir abgeschaut, ein andermal ich etwas von ihm."

Reiche Erben

Porsches Nachfahren zählen heute mit einem Vermögen von 65 Milliarden Euro zu den reichsten Familien im deutschen Sprachraum; Hans Ledwinka starb 1967 als mittelloser Mann. Er war nach dem Krieg vom kommunistischen Regime der Tschechoslowakei wegen Hochverrats und Kollaboration mit den Nationalsozialisten für sechs Jahre eingesperrt, nach seinem Tod jedoch durch den Obersten Gerichtshof der Tschechischen Republik vollständig rehabilitiert worden.

Auch sein Sohn Erich Ledwinka (1904–1992) war ein bedeutender Konstrukteur, der für die Steyr-Werke den Puch 500, den Haflinger und den Pinzgauer entwickelte.

Der Autor und Motorkonstrukteur Günther Nagenkögl relativiert trotz eindeutiger Faktenlage: "Hans Ledwinkas Urheberschaft am VW-,Käfer’ ändert nichts daran, dass Ferdinand Porsche einer der wichtigsten Automobil-Pioniere des 20. Jahrhunderts war".

Das neue Buch von Georg Markus

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Er erinnert sich an historische Themen aus der k. u. k. Zeit, an Begegnungen mit Habsburgern, Künstlern, Politikern, Stars und anderen Großen aus unseren und aus vergangenen Tagen.

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